Quedlinburg l Zwei Soldaten stehen am Eingang, auf dem Stehtisch neben ihnen liegen Listen mit Namen. Die beiden Uniformierten begrüßen freundlich jeden Neuankömmling, auch die, die im Vorfeld keinen Termin gebucht haben. „Am Vormittag hatten wir hier schon 80 Besucher“, sagt Immo Kramer, Leiter des Impfzentrums Harz. Auch wenn in allen Medien immer berichtet wurde, dass nur nach Terminvergabe geimpft werde – mit unangemeldeten Impfwilligen hat Kramer gerechnet. „Wir haben die Kontaktdaten aufgenommen und einen Termin für die nächsten Tage vergeben.“ Aus dem kleinen „Notfalltopf“ an Terminen, die nicht an die Internetplattform zur Terminvergabe gemeldet werden.

Auf der Internetseite hatte die Tochter von Liesa und Horst Macher am Freitagnachmittag, 8. Januar, Glück. Sie konnte für ihre Eltern einen der Montagstermine sichern. „Innerhalb von zwölf Minuten war alles weg“, so Kramer. Sein Team hatte die Terminreservierung online verfolgt. Ruck, zuck waren die 50 möglichen Uhrzeit-Felder zwischen 13 und 17 Uhr für den 11. Januar rot, also vergeben, berichtet Kramer.

Kein Wunder, dass der erfahrene Verwaltungsmann aus allen Wolken fällt, als schon innerhalb der ersten halben Stunde nach dem offiziellen Impfbeginn zehn Menschen auftauchen, die eine Terminbestätigung vorlegen, aber nicht in der Liste des Landkreises auftauchen. „Offenbar bietet das bundesweite Terminvergabetool nicht die geforderte Verlässlichkeit“, sagt Kramer. Wegschicken wird er an diesem Tag die Betroffenen nicht, auch wenn diese Doppelvergabe mehr als ärgerlich ist. „Zum Glück haben wir nur 50 Termine freigegeben und nicht 500. Da hätten wir nicht so reagieren können, ohne die Rücklage anzugreifen.“

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Sechs statt fünf Impfdosen pro Ampulle

Die Rücklage sind die Ampullen des Covid-19-Impfstoffes, die der Landkreis für die erforderliche zweite Impfung eingeplant hat. In einem modernen weißen Kühlautomaten lagern die Ampullen für jene Senioren, die bereits Ende Dezember in Pflegeeinrichtungen eine erste Dosis erhalten hatten. „Seit heute ziehen auch wir aus jeder Ampulle mit Impfstoff sechs statt fünf Impfdosen“, sagt Kramer. Damit reicht der Vorrat auch für die 50 Menschen, die einen der doppelt vergebenen Termine erhalten haben.

Angesichts solcher Überraschungen überlege der Kreis, ob man nicht erstmal eine dezentrale Lösung findet. „Langfristig wird es nicht ohne dieses bundesweite Vergabetool gehen, aber solange wir nur so wenig Impfstoff haben, sollten wir eine eigenen Lösung finden.“

Kreativ zu sein, gehört zu seinem Job. Sei es, fehlende Halterungen für die Ampullen zu organisieren, sei es, den Ausfall angekündigter Ärzte für die mobilen Impfteams zu ersetzen. „Zum Glück haben wir Kontakte zu einigen Ärzten, die ehrenamtlich einspringen. Aber in 95 Prozent der Fälle klappt die Zuweisung der Ärzte über die KV, also über die Kassenärztliche Vereinigung.“

Bundeswehr hilft am Einlass

Im Impfzentrum selbst arbeitet ein beim Landkreis befristet angestellter Arzt, ein von der KV gestellter Kollege kommt später dazu. Das Arztgespräch ist das Nadelöhr im Ablauf. Acht vom Logistikbataillon Burg auf Amtshilfeersuchen des Landes in den Harz abkommandierte Soldaten helfen den acht Mitarbeitern der Kreisverwaltung im Impfzentrum – am Eingang, am Check-In, beim Check-Out. Wer Einlass bekommen hat, erhält ein Klemmbrett mit Fragebögen und Einverständniserklärung, die im Wartebereich ausgefüllt werden können. Auf großen Monitoren wird das Procedere erklärt, auch in Gebärdensprache. Pfeile auf dem Boden und Hinweisschilder an den Wänden weisen in dem nüchternen Zweckbau den Weg zum Arzt und von dort zu den acht Impfkabinen.

Das Impfen selbst geht schnell. Und „tut nicht weh“, wie Liesa Macher lachend bestätigt. Die 81-Jährige sitzt im Bereich vor dem Ausgang, eine halbe Stunde, weil ihr Ehemann an Allergien leidet und deshalb auf ärztliche Anordnung 30 statt der üblichen 15 Minuten Beobachtungszeit „absitzt“. „Wir wollen die Krankheit nicht haben und vor allem nicht weitergeben“, begründet die Neudorferin (Harzgerode) ihre Impfbereitschaft. Und Gatte Horst (82) ergänzt: „Vor allem wollen wir die Familie gesund halten.“

Vor Verlassen des Impfzentrums bekommen die beiden Senioren einen Termin für die zweite Impfung, den vergibt der Kreis selbst. Um so den Überblick zu behalten, wer zum ersten und wer zum zweiten Impfen kommt. „Noch ist das leider sehr überschaubar, weil wenig Impfstoff da ist. Später rechnen wir mit rund 200 Impfungen am Tag hier im Zentrum“, sagt Immo Kramer. Wann „später“ sein wird, kann er nicht sagen. Morgen ist der Impfstoff aufgebraucht, die nächste Lieferung kommt erst am 19. Januar. Und ab dann immer dienstags.