Halberstadt/Schierke/Elbingerode l Eine ­dicke Kette schlingt sich um das eiserne Eingangstor des Camping­platzes am Halberstädter See, gesichert von einem Vorhängeschloss. Der Schlagbaum dahinter ist ebenfalls geschlossen. Ein Großteil der 100 Stellplätze auf der 3,5 Hektar umfassenden Anlage ist verwaist, es ist totenstill – trotz schönstem Frühlingswetter herrscht gähnende Leere auf dem Platz und in der dazugehörigen Gaststätte.

Sebastian Otto, der den Platz vor zehn Jahren übernahm, ist verzweifelt. Eigentlich sollte das Jubiläumsjahr groß gefeiert werden. Dafür besteht derzeit jedoch kein Anlass. Aktuell ist unklar, wann überhaupt wieder gefeiert werden kann. Der Campingplatz, der deutschlandweit und international einen guten Ruf genießt, ist wie alle anderen Gastronomie- und Hotelunternehmen aufgrund der Corona-Pandemie und den verhängten Ausgangsbeschränkungen seit dem 22. März geschlossen.

Keine Übernachtungen

Auf dem Platz befinden sich zurzeit nur noch die Wagen der Dauercamper, berichtet Sebastian Otto. Darunter 46 aus Sachsen-Anhalt. „Die Besitzer der Wohnwagen dürfen sich aber nur tagsüber auf dem Campingplatz aufhalten. Übernachten ist verboten.“ Dauercamper aus anderen Bundesländern dürfen wegen der Ausgangsbeschränkungen gar nicht erst anreisen. Otto ist froh, dass trotz der Reiseverbote bislang noch niemand die Jahresstandgebühr, die erst vor einigen Wochen fällig war, zurückgefordert hat. Dieses Geld helfe ihm, diese trostlose Zeit ohne weitere Einnahmen halbwegs zu überstehen. Mit zunehmender Dauer der Schließung würde aber auch die finanzielle Hilfe vom Staat an der zunehmenden wirtschaftlichen Schieflage nichts ändern.

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Sebastian Otto beschäftigt seit der Zwangsschließung nur noch ein Gedanke: „Hoffentlich übersteht mein Betrieb die Krise.“ Derzeit sehe es finster aus. Das Schlimme sei, dass weder von der Landesregierung noch vom Bund konkrete Angaben zur Zukunft der Tourismusbranche beziehungsweise ein verlässliches Ausstiegsszenario aus der Stillstandsphase zu bekommen seien. Der Unternehmer drängt auf konkrete Aussagen, ab wann die Betriebe wieder öffnen dürfen. „Das würde wieder Mut machen.“

Desaster

Der Start in die Saison ist für Sebastian Otto wie für viele andere Campingplatz-Betreiber in der Harzregion bislang ein einziges wirtschaftliches ­Desaster. „Unsere Saison geht nur von Ostern bis Oktober.“ Der Unternehmer befürchtet, dass die gesamte Saison ins Wasser fallen könnte. „Das treibt mich nicht nur tagsüber um. Ich schlafe seit Wochen sehr schlecht, weil die Existenz­angst da ist.“

„Seit Wochen ist das Wetter schön. Zur Osterzeit war der Platz lange im Voraus fast vollständig ausgebucht. Dann musste ich schließen und alle Reservierungen absagen. Wirtschaftlich ist das für mich eine ­Katastrophe“, berichtet der Halberstädter. Das Frühjahr sei für seinen Platz eine wichtige ­Größe bei einem Jahresumsatz von 100 000 bis 120 000 Euro. „Die Einnahmen der ersten Monate fehlen jetzt schmerzlich. Zwar habe ich vor einigen Tagen die beantragte Soforthilfe erhalten, dennoch musste ich privat in den Betrieb investieren, um ihn aufrecht zu erhalten“, so Otto. Das könne er aber nicht unendlich so fortführen. Der Halberstädter ist froh, dass seine Frau, die sonst in der Gaststätte kocht, noch einen Zweitjob hat und damit Geld verdient. „Ihr Arbeitgeber erhöhte Gott sei Dank die Stundenzahl und sie kann bei Bedarf kurzfristig sofort wieder mit auf dem Campingplatz einsteigen. Das ist super und hilft.“

Keine internationalen Gäste

Sebastian Otto treffen allerdings nicht nur die innerdeutschen Reisebeschränkungen. Die Coronakrise in anderen Ländern Europas hinterlasse im Tourismusbetrieb ebenfalls Spuren. Der Campingplatz am Halberstädter See sei bei vielen internationalen Gästen sehr beliebt. Gut ein Drittel der etwa 6000 Gäste in einer normalen Saison komme aus dem europäischen Ausland – unter anderem aus den Niederlanden, Belgien und Schweden. Das Problem: Niemand wisse, wann in Europa grenzenloses Reisen wieder möglich sei.

Sebastian Otto beschäftigt sich trotz der Krise auch schon wieder mit Öffnungsszenarien. „Man darf ja die Hoffnung nicht verlieren.“ Abstand halten mit allen gebotenen Hygiene­vorschriften sei auf seinem Platz kein Problem. Dann müssten eben einige Stellplätze frei bleiben. Damit würde er zwar etwa 15 Prozent seiner Platzkapazität verlieren, aber es sei machbar. „Hauptsache es kann wieder losgehen.“

Problem Hygieneanforderung

Große Kopfschmerzen bereite ihm allerdings die Umsetzung der Hygieneanforderungen für das Sanitärgebäude des Campingplatzes. Dort gebe es für den geforderten Mindestabstand von 1,5 Metern einfach zu wenig Platz. Dann könnten sich nur einige wenige Gäste gleichzeitig im Gebäude aufhalten. „Es kann ja nicht sein, dass die ersten Gäste früh zur Morgentoilette kämen und die letzten erst am Abend eine Chance hätten sich zu waschen.“ Klar – er könnte zusätzliche mobile Duschen kaufen oder mieten, aber die würden wieder Geld kosten. „In Zeiten fehlender Einnahmen ist das nicht übrig“, betont Otto. Er hofft, diese Frage in anstehenden Gesprächen mit dem Ordnungsamt lösen zu können.

Mies ist die Stimmung auch bei Ingo Nitschke, Chef des ein Hektar großen Harz-Camping Am Stern in Schierke. Er musste seinen Betrieb bereits am 19. März schließen. Der Campingplatz sei leer. „Seit vier Wochen warte ich auf die beantragte Soforthilfe. Außer der Hinweis, dass der Antrag in Bearbeitung sei, kam nichts. Geht das so weiter, ist hier bald Schicht im Schacht“, kritisiert Ingo Nitschke. Sein Unternehmen sei nur auf den Tourismusbetrieb ausgelegt und nicht auf Dauercamper. Zwar habe er seine monatlichen Betriebskosten um rund ein Drittel senken können, aber auch das Geld wolle erst mal verdient werden. Die Hygiene­regeln könnten auf seinem Platz ­„locker eingehalten werden“. Warum Reisen mit dem Wohnmobil verboten sind, versteht der Harzer nicht. „Die Fahrzeuge sind ein abgeschlossener Kosmos mit Waschgelegenheit und Toilette.“ Nitschke fordert: „Es muss schnell eine Entscheidung zur Öffnung getroffen werden.“

Hart trifft es auch Kerstin und Dennis Spormann aus Elbingerode. Sie übernahmen am 3. Januar den Betrieb Camping am Brocken mit 160 Stell­plätzen und mussten ihn bereits am 19. März wieder schließen. Die Frage, wie es ihnen angesichts der Coronakrise geht, beantwortet Kerstin Spormann kurz mit „Schei....“ Die wirtschaftliche Situation sei ein Desaster. „Wir hoffen darauf, bald wieder öffnen zu können“, sagt Kerstin Spormann.