Halberstadt/Quedlinburg l Ungewöhnliche Bilder am Montagvormittag (20. April) unweit der A-36-Anschlussstelle Quedlinburg-Zentrum: Auf dem wenige Meter neben der Autobahn verlaufenden Feldweg stehen mehrere Polizeifahrzeuge. Daneben Personen mit weißer Schutzkleidung und Mundschutz sowie mehrere dunkel gekleidete Personen. Die Erklärung für die ungewöhnlichen Szenen liefert der Harzer Polizeisprecher Uwe Becker auf Anfrage wenig später: Polizeibeamte hätten insgesamt acht Migranten, von denen nach ersten Erkenntnissen mindestens sieben wohl in der Nacht zum Montag aus der Zast in Halberstadt geflüchtet seien, festgesetzt. Weil die Personen möglicherweise mit Covid-19 infiziert sein könnten, agierten die Beamten mit dem nunmehr gebotenen Eigenschutz.

Eigenschutz, der verständlich ist. Schließlich ist die Zahl der mit dem Corona-Virus infizierten Zast-Bewohner seit dem erstmaligen Auftreten der Infektion Ende März auf inzwischen 108 Migranten gestiegen. Diese Zahl nannte Denise Vopel, Sprecherin des Landesverwaltungsamtes, am gestrigen Montag. Die Zast selbst steht seither unter Quarantäne – aktuell bis zum 30. April. Um weitere Infektionen zu erkennen, werden die aktuell rund 620 Bewohner bis auf weiteres im 48-Stunden-Turnus auf eine Infektion untersucht.

Nach dem Start dieses Testmarathons am vergangenen Donnerstag folgten weitere Abstrichuntersuchungen am Samstag und am Montag, so Denise Vopel. Die Tester agierten dabei mit höchsten Sicherheitsvorkehrungen – Schutzkleidung, dazu Mundschutz, Schutzbrille und Schutzvisier. Aufwand, der notwendig sei, weil bei der Abstrichnahme aus dem Rachen eine unwillkürliche Hustenreaktion nicht immer zu vermeiden sei. Am Samstag habe sich ein Bewohner der Abstrichnahme erneut verweigert. Er sei nun isoliert von den anderen Bewohnern in der Zast untergebracht.

Die auf eine Covid-19-Infektion positiv getesteten Migranten sowie direkte Kontaktpersonen wie beispielsweise Partner werden laut Landesverwaltungsamt auf Zast-Außenstellen in Quedlinburg und Magdeburg verteilt. Am Montag kamen drei weitere Infizierte hinzu, sodass nun 108 Migranten als infiziert registriert sind. In Quedlinburg seien aktuell 52 Menschen untergebracht, die Kapazität liege bei 80 Plätzen. In Magdeburg seien von 170 Plätzen aktuell 68 belegt, so Denise Vopel.

20 der in der Vergangenheit auf Covid-19 positiv getesteten Zast-Bewohner gelten mittlerweile als genesen. Weil bislang noch nicht klar ist, ob und wie lange nach einer überstandenen Corona-Erkrankung eine Immunität anhält und um den Infektionskreislauf zu durchbrechen, würden Genesene anschließend im Land verteilt, berichtet die Behördensprecherin.

Warum die sieben unter Quarantäne stehenden Männer aus Georgien und Albanien vermutlich in der Nacht zum Montag aus der Zast geflüchtet sind, bleibt derweil unklar. Sie haben nach Informationen der Volkstimme offenbar desolate Stellen im Zaun genutzt, um die Anlage – eine frühere DDR-Grenztruppen-Kaserne – unbemerkt zu verlassen. Die Polizei hat wohl Fährtenhunde eingesetzt, um den Fluchtweg nachzuvollziehen.

Der teilweise marode Zaun der Zast steht seit langem in der Kritik. So sehen Polizeibeamte nicht nur die Gefahr, dass Menschen unbemerkt das Areal verlassen können, sondern im Umkehrschluss auch Personen unerkannt aufs Gelände gelangen. Dies könnte, so die Warnungen hinter vorgehaltener Hand, schlimmstenfalls auch in Anschläge münden. Laut Landesverwaltungsamt sollte am Montag eine Fachfirma den Zaun punktuell ausbessern.

Zurück zu den acht bei Quedlinburg aufgegriffenen Migranten: Gegen sie laufen nun Ermittlungen wegen Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz. Ihnen drohen bis zu zwei Jahre Haft oder Geldstrafen. Die Identität der aufgegriffenen Frau ist laut Polizei unklar.