Halberstadt l „Als es dann hieß, alle Läden werden geschlossen, war es erstmal ein Schock für uns alle. Wir haben uns gefragt, wie es jetzt weitergeht, vor allem für die Mitarbeiter“, erinnert sich Marion Rieger. Die Sargstedterin leitet die Filiale des Modehauses Fischer in den Halberstädter Rathauspassagen, hatte erst zur Eröffnung des erweiterten Laden zehn neue Mitarbeiter begrüßt.

Doch der erste Schock war rasch überwunden. Gemeinsam mit der in Leipzig beheimateten Geschäftsführung habe man neue Wege gesucht, wie man trotz der Schließung mit den Kunden in Kontakt bleiben kann und so den Laden am Laufen hält. „Es gab und gibt einen regen Austausch untereinander, wir haben regelmäßig zweimal am Tag Telefonkonferenzen, jede Filiale berichtet von ihren Erfahrungen, gibt Tipps. Und wenn wir etwas brauchen, hilft die Geschäftsführung, so schnell es geht.“ Der Zusammenhalt unter den Kollegen und mit der Firmenleitung sei „sensationell“, so Rieger.

Alle sozialen Netzwerke werden genutzt

So habe es nur zwei Tage gedauert, bis die Halberstädter ihre Karten in Herzform hatten, die sie mit persönlichen Grüßen versehen, in jedes Päckchen oder Paket legen, dass auf den Weg zum Kunden geschickt wird. „Wir sprechen hier von Gästen“, sagt Marion Rieger. Das zeige, welche Haltung das Unternehmen seinen Kunden gegenüber habe.

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Die sollen sich wohlfühlen, wenn sie die Läden betreten. Aber was, wenn die eben abgeschlossen sind? Dann komme der Laden eben zu den Kunden. Virtuell. Denn eine neue Idee der Mitarbeiter hat sich gut etabliert. Neben der „einfachen“ telefonischen Beratung wird die Technik der Smartphones genutzt. „Wir nutzen alle Kanäle, die die sozialen Medien bieten. Ob Instagram, Facebook oder WhatsApp, wir stellen Outfits zusammen und zeigen diese, wir nehmen auch das Smartphone und gehen damit durch unsere Verkaufsräume, um Kunden zu zeigen, was an neuen Kollektionen eingetroffen ist“, sagt die 53-Jährige. Das helfe oft bei der Suche nach einem neuen Kleidungsstück. Weil das Haus viele Stammkunden habe, sei es für die oft auch leichter, etwas zu bestellen.

So manche Kunden hätten gute Erfahrungen mit bestimmten Marken gemacht und dann orderten sie eben eine Jacke oder Hose „wie die beim letzten Mal“. Und dank gutgeschulter Mitarbeiter sei das meist auch kein Problem, berichtet die Filialleiterin, die hörbar stolz auf ihr insgesamt 20-köpfiges Team ist.

„Alle ziehen mit, das ist toll.“ Auch die zehn neuen Mitarbeiter sind alle an Bord, es wird in zwei Schichten gearbeitet. Und die Zeit, die man jetzt habe, weil viele sonst zum Alltag gehörenden Arbeitsschritte schneller vonstatten gehen oder ganz wegfallen, nutze man für ein intensives Training der neuen Mitarbeiter. „Damit, wenn wir unsere Türen wieder öffnen können, alles reibungslos läuft“, sagt Marion Rieger. Außerdem sei man auch zum Abarbeiten von Dingen gekommen, die im normalen Alltag oft liegen bleiben.

Kunden schicken Fotos und Videos

Zu den neuen Wegen, die ihre Team nutzt, gehören auch Stilberatungen per Videotelefonie. Für die werden meist feste Termine vereinbart, dann werden den interessierten Frauen und Männern verschiedene Outfits gezeigt, die sich dann für oder gegen den Kauf entscheiden. Was gekauft wurde, wird dann verpackt – mit Herzensgrüßen. Aber auch die Kunden melden sich per Video oder senden Fotos an die Mitarbeiter, zeigen, wie die Sachen an ihnen aussehen, fragen um Rat. Fast so, wie es beim Anprobieren im Geschäft ja auch ist.

Und wenn etwas doch nicht gefällt oder sitzt wie gewünscht, sei das Zurücksenden der Ware kein Problem, „den Retoureschein legen wir immer gleich mit ins Paket.“ Sie spüre oft, sagt Marion Rieger, dass die Kunden dieses Stück Normalität in diesen schwierigen Zeiten sehr schätzten.

Einiges an Neuem wird wohl bleiben

Das gelte auch für die Kleidungsstücke, die ganz klassisch im Onlineshop des Familienunternehmens geordert werden, denn diese schon vor den Corona-bedingten Einschränkungen vorhandene Einkaufsmöglichkeit nutzten ebenfalls zahlreiche Kunden, ist im Gespräch mit der quirligen Filialchefin zu erfahren.

Sie gibt zu, dass diese neuen Wege im Umgang mit den Kunden nicht immer einfach seien. Zunächst habe es auch neuer Techik und Computerprogramme bedurft, aber das sei schnell geregelt worden. Doch auch ihr Team musste vieles lernen und tue dies täglich. „Vieles war uns zu Anfang fremd, das kostet Überwindung. Aber ich denke, dass wir einiges von dem Neuen, was wir jetzt tun, auch beibehalten werden, wenn wir unsere Ladentüren hier in der Rathauspassage wieder aufschließen können.“