Was die Landwirte auf die Palme bringt

In einem Positionspapier der Initiative „Land schafft Verbindung“ finden sich Aussagen dazu, warum die Bauern auf die Straße gehen,

Darin heißt es:

- Die Fülle der Auflagen ist kaum noch zu beherrschen. Es gibt kaum einen Arbeitsschritt, bei dem nicht irgendetwas beantragt, gemeldet oder dokumentiert werden muss.

- Das Risiko, einen Fehler zu begehen und dadurch Geld zu verlieren, steigt mit jeder Entscheidung in Politik und Verwaltung.

- Die Bauern müssen sich an starre Fristen und Gesetze halten und nicht mehr an Fachwissen und von der Natur vorgegebene Arbeitsabläufe.

- Lebensmittel in Deutschland waren noch nie so günstig und von so hoher kontrollierter Qualität wie heute. Das sollte die Diskussionsgrundlage sein, und keine gut gemeinten und schlecht durchdachten Vorhaben der politischen Parteien, die immer weniger auf Fachwissen setzen. Statt vernünftige Rahmenbedingungen für eine lohnenswerte und nachhaltige Produktion zu schaffen, setzt Politik mehr und mehr auf Polemik. Bauern werden als Tierquäler, Umweltverschmutzer und ähnliches abgestempelt.

- Der Kontrollwahn ist dermaßen aus den Fugen geraten, dass selbst zuständige Behörden mit der Abarbeitung der Kontrollen völlig überlastet sind und nicht hinterherkommen. Aus Angst, sich für vermeintliche Kontrollfehler verantworten zu müssen, wird oft mit überzogener Schärfe kontrolliert.

- Bauern arbeiten mit der Natur und nicht dagegen, es ist ihre Existenzgrundlage.

Halberstadt l „Wir sind noch viel zu leise“, sagt Rainer Knackstedt. „Eigentlich müssten wir die Autobahnen blockieren, dann würde man uns vielleicht ernst nehmen.“ Der Dedelebener Landwirt steht an diesem Dienstagmorgen zwischen 20 riesigen Treckern. Auf dem Gelände der AgroService Halberstadt im Industriegebiet Ost haben sich die Männer und Frauen aus landwirtschaftlichen Betrieben der Region getroffen, um nach der Sternfahrt in die Kreisstadt zu beraten, wo es als nächstes langgehen soll. Von zehn Höfen unterschiedlicher Unternehmensformen sind sie gekommen, aus Derenburg, Langeln, Wasserleben, Badersleben, Dingelstedt, Dedeleben, Osterwieck und Berßel mit den großen Schleppern über Bundes- und Landesstraßen. Fast alle haben an ihrem Fahrzeug Transparente befestigt.

Die Landwirte sind sauer. Nicht nur, weil Agrarpolitik mehr und mehr über ihre Köpfe hinweg gemacht wird, es extreme Eingriffe in ihr unternehmerisches und fachliches Handeln gibt, ohne dass sie selbst gefragt werden. Auch die gesellschaftliche Debatte, die das Ansehen landwirtschaftlichen Arbeitens mehr und mehr in Verruf bringe, stößt den Bauern sauer auf.

Ins Gespräch kommen

„Ich habe am Mittwoch von der Aktion erfahren, innerhalb von zwei Tagen haben wir uns verabredet, heute Teil der bundesweiten Proteste zu sein“, sagt Katja Mokosch von der Landboden Osterwieck GmbH. Initiator des Protestes ist kein Verband, sondern eine Bewegung aus der Bauernschaft heraus. Unter dem Motto „Land schafft Verbindung – wir rufen zu Tisch“ wollen Landwirte mit Politikern und Verbrauchern ins Gespräch darüber kommen, was man in Deutschland eigentlich will. „Es ist so, dass Landwirtschaft mehr und mehr reguliert und kontrolliert wird. Die neue Düngeverordnung führt dazu, dass wir den Pflanzen nicht mehr die Nährstoffe zuführen dürfen, die sie zum Wachstum brauchen. Also werden wir weniger ernten. Und dann? Dann wird Getreide aus Russland, der Ukraine oder Rumänien importiert. Ob da auch so kontrollierte Anbaubedingungen herrschen?“, fragt Katja Mokosch. „Und dass das billige Rindfleisch aus Südamerika nicht als Tiefkühlware verschifft wird, sondern lebende Rinder acht Wochen so dichtgedrängt in Containern stehen, das sie sich nicht mal hinlegen können, wissen vermutlich auch die wenigsten Verbraucher“, so Mokosch.

Sie ist, wie die anderen Teilnehmer der Protestfahrt, die bis Gröningen führte und dann zurück durch die Kreisstadt in die Herkunftsbetriebe, die Stimmungsmache gegen die Bauern leid. Nicht umsonst trägt ihr Schlepper das Schild mit der Aufschrift: „Lieber Verbraucher – soll mein Kind den Hof fortführen?“ Mokoschs Familie ist wie die zweite an ihrem landwirtschaftlichen Unternehmen beteiligte Familie, inzwischen unsicher, ob man dem Sohn überhaupt noch dazu raten soll, den Betrieb zu übernehmen. „Wir überlegen, ob man das seinem Kind antun will.“

Es sei an der Zeit, sagen Rainer Knackstedt und Katja Mokosch, dass auch Verbraucher fragen, woher das täglich Brot kommt und was es bedeutet, wenn irgendwann keine Bauern mehr auf deutschen Böden ackern. Deshalb gibt es im November eine zweite Protestaktion, bei der man dann direkt mit den Menschen der Region ins Gespräch kommen will.