Hessen/Aspenstedt/Quedlinburg l Die Zahlen und Fakten sprechen für sich: 121 Kameraden von zwölf Ortsfeuerwehren aus dem Raum Osterwieck über Stunden im Einsatz; zwei Mitglieder, die wegen Verdachts auf Rauchgasvergiftung und mit Kreislaufproblemen ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Das ist die erste Bilanz nach einem Großfeuer im Bereich Hessen (Stadt Osterwieck), das nach ersten Erkenntnissen der Polizei auf vorsätzliche Brandstiftung zurückgehen könnte.

Am Sonntag fraßen sich die Flammen dort über 25 bis 30 Hektar landwirtschaftlich genutzter Flächen in Richtung eines Waldstücks sowie bebauter Areale und einer Tankstelle voran. Weil vom alarmierten Polizeihubschrauber aus gleich drei Brandausbruchsstellen auszumachen waren und zugleich Funkenflug mangels jeglicher Erntearbeiten sicher ausgeschlossen werden konnte, gehen die Ermittler im Harzer Polizeirevier bislang von einer Vorsatztat aus. Die Ermittlungen, so Sprecherin Bettina Moosbauer, liefen.

Leitstelle alarmiert zwölf Ortswehren

Nach dem Eingang des Notrufs gegen 13.30 Uhr lief mit Blick auf die Ausdehnung des Feuers in der Leitstelle das volle Programm an. Die freiwilligen Wehren aus Rohrsheim, Hessen, Dardesheim, Osterwieck, Osterode sowie Veltheim und Deersheim wurden alarmiert. Hinzu kam Unterstützung von den Kameraden aus Dedeleben, Badersleben und Dingelstedt im Huy sowie aus Schöppenstedt und Winnigstedt in Niedersachsen. Auch Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse und Abschnittsleiter Jörg Kelle aus Halberstadt waren vor Ort. Die Bereitschaftspolizei schickte einen Hubschrauber, um die Ausdehnung des Brandes zu erkunden und die Feuerwehrleute am Boden einzuweisen.

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Die hatten nicht nur mit der Wasserversorgung zu tun. Nach Angaben von Osterwiecks Vize-Stadtwehrleiter Benjamin Lutze gab es lediglich eine Zapfstelle für Löschwasser am Gerätehaus Hessen. Von dort aus mussten die schweren Tanker bis an die eigentlichen Brandstellen fahren.

Wind dreht überraschend für Einsat

Und: Das Risiko für die Einsatzkräfte war nicht ohne. Abgesehen von den beiden Verletzten habe auch eine Ortswehr plötzlich mitten im Rauch gestanden, weil der Wind überraschend drehte, berichtet Lutze. Bis 17.30 Uhr kämpften die Wehrleute vor Ort, gegen 19 Uhr flammten noch einmal einzelne Glutnester auf. „Um 21 Uhr war dann endlich Aufatmen angesagt.“

Nach wochenlanger extremer Trockenheit war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis es auch im Harz die ersten Flächenbrände gibt. In den vergangenen Tagen waren insbesondere die Wehren in der Altmark gefordert gewesen. Mittlerweile ist es fast allerorten so staubtrocken, dass schon ein Funke reicht, um Getreide oder Stroh zu entzünden. Lodern erst mal die Flammen, fressen sie sich rasend schnell voran.

Zwischen Hessen und Mattierzoll wurden am Sonntag laut Polizei rund 30 Hektar bestellter Acker vernichtet – der Schaden wird auf rund 25 0000 Euro beziffert.

Kann der akuten Gefahr vorsorglich etwas entgegengesetzt werden? Beispielsweise mit Brandwachen, die an den Felder gezielt Ausschau halten? Oder mit Wasserwagen, die vorsorglich am Feldrand platziert werden?

„Ich habe einen Wasserwagen und bewirtschafte insgesamt 730 Hektar Ackerflächen“, macht Eike Herweg aus Roklum die Dimensionen deutlich. Der 42-Jährige hat in Hessen am Sonntag auf rund vier Hektar Fläche Weizen verloren. „Der Schaden dürfte bei rund 6000 Euro liegen. Ich hoffe, meine Versicherung zahlt.“ Darüber hinaus ist die Agrargenossenschaft Hessen geschädigt – auf etwa 20 Hektar sei die Wintergerste vernichtet worden, so eine Mitarbeiterin. Vorsorge? „Bei Erntearbeiten haben wir stets Wasserwagen und Pflug bereitstehen.“

Dazu rät auch Wilfried Feuerstack, Vorsitzender des Bauernverbands Nordharz. „Es ist so trocken, dass schon der kleinste Funkenschlag ausreicht. Das kann schon ein Stein im Schneidwerk sein“, so der Landwirt aus Wasserleben. Sein Ratschlag an die Kollegen: Pflug oder besser noch Grubber sollten stets bereitstehen, um bei einem Feuer schnellstens Schneisen zu ziehen und den Flammen so die Nahrung zu nehmen. „Das ist aus meiner Erfahrung die effektivste Lösung und besser als Wasser. Dafür läuft das Feuer bei Wind viel zu schnell.“ Und: Die Technik sollte intensiv gewartet werden, um Überhitzungen vorzubeugen.

Trotz dieser Vorkehrungen mussten die Landwirte in Wasserleben in den vergangenen Tagen im Zusammenhang mit Erntearbeiten zweimal die Feuerwehr rufen.

Daneben appelliert Wilfried Feuerstack an die Vernunft der Mitmenschen: Eine weggeworfene Kippe, eine Glasscherbe und knallige Sonne drauf – und schon sei es passiert. „Offene Lagerfeuer verbieten sich im Moment von selbst.“

Die Feuer in Hessen/Mattierzoll am Sonntag sowie am Samstag in Wasserleben waren nur der Auftakt für einen sprichwörtlich brandheißen Wochenstart: Kurz vor 14 Uhr stehen am Montag nordwestlich von Halberstadt riesige weiß-schwarze Rauchschwaden am Horizont und verdunkeln den Himmel. Am Ortsrand von Aspenstedt brennt eine etwa ein Hektar große Ackerfläche. Die Flammen breiten sich rasend schnell aus. Den Wehren aus Halberstadt, Langenstein, Athenstedt, Aspen­stedt und Ströbeck gelingt es mit 35 Kameraden, das Feuer unter Kontrolle zu bringen. Bauern helfen, sie pflügen Schneisen und karren Löschwasser ran.

Brandgefährlich: Einsätze halten We

Am Nachmittag gehen weitere Notrufe in der Leitstelle ein. Im Falkensteiner Ortsteil Reinstedt brennt ein Mähdrescher, auch bei Anderbeck im Huy steht Ackerfläche in Flammen. Zwischen Hessen und Rohrsheim lodern die Flammen im Straßengraben – hier könnte eine Kippe Ursache sein. Die alarmierte Wehr hat das Feuer schnell unter Kontrolle. Auch an der Hagenmühle in Hasselfelde brennt es, Flammen und Glut flackern mehrfach wieder auf. Und am Bahnhof in Sorge brennt ein Waldstück.

Die Feuerwehr Quedlinburg, die in der Nacht zum Montag gegen ein Großfeuer in Mägdesprung (Stadt Harzgerode) gekämpft hat, muss am Nachmittag wieder ran: Unweit der B 6 Am Steinholz stehen laut Leitstelle rund 60.000 Quadratmeter Getreide und ein angrenzende Waldstück in Flammen. Insgesamt elf Wehren mit 110 Kameraden und 30 Fahrzeugen sowie acht Kameraden vom THW, Polizei und Bauern sind vor Ort, die Löscharbeiten dauern bis in die späten Abendstunden, dann folgt eine Brandwache.

„Es ist jetzt wirklich überall brandgefährlich – das ist unsere eindringliche Botschaft an alle. Wir können nur an die Vernunft appellieren“, betont Kreisbrandmeister Kai-Uwe Lohse.