Halberstadt l Ein Festtag für die „Sonne“ und in doppelter Hinsicht für Investor Michael Herrmann. Seit Dienstagnachmittag ziert eine Richtkrone die neue Dachkonstruktion des altehrwürdigen Hauses in der Halberstädter Gröper­straße. Für Bauherr ­Michael Herrmann ein Geschenk – er feiert zeitgleich zum Richtfest seinen 41. Geburtstag. Wer hätte noch vor Kurzem daran geglaubt, dass die „Sonne“ eine Zukunft hat? Nur wenige. Zu ihnen gehört der Halberstädter. Der Unternehmer erwarb das über 350 Jahre alte Gebäude, das fast 30 Jahre dem Verfall preisgegeben war, und erarbeitete ein Zukunftskonzept zur Rettung des Hauses. Seit Anfang dieses Jahres ist das ehemalige Gasthaus „Zur Sonne“ eine Großbaustelle.

„Ich habe großen Respekt vor dem Bauherren, der mit so viel Herzblut und Investitionsfreude dieses für die Gröperstraße wichtige Haus saniert und damit zur Aufwertung der Straße beiträgt“, betont Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke (Linke). Das sei ein gutes Beispiel für aktive Stadtentwicklung.

Die Umsetzung des Rettungsplanes kostet mehrere Millionen Euro. Überhaupt möglich wird das Vorhaben dank einer Förderung durch das Land Sachsen-Anhalt, das 1,8 Millionen Euro zur Verfügung stellt. „Sonst wäre die Sanierung des Hauses wirtschaftlich nicht zu finanzieren“, betont Michael Herrmann, der in der Kreisstadt eine Malerfirma betreibt. Und vor Überraschungen, die zusätzlich Geld kosten, ist man bei der Rettung eines Altbaus nie sicher. Die „Sonne“ ist da keine Ausnahme.

Neubau entsteht hinter Fassade

Hinter der Fassade entsteht praktisch ein Neubau. Beides muss stabil miteinander verbunden werden. Während der Arbeiten stellte sich heraus, dass das nur mit dem Einbau von Spezialstahl des Typs V4A zu gewährleisten ist, berichtet Michael Herrmann. Insgesamt zwei Tonnen davon kommen zwischen dem Alt- und Neubau zum Einsatz. Ein unerfreulicher Fakt, der die Baukosten beeinflusst. „Allein in den Innenausbau haben wir fast eine Million Euro investieren müssen. Davon sieht man von außen überhaupt nichts“, so der Investor.

Die Kaufentscheidung sieht der Halberstädter heute nicht mehr nur durch die rosafarbene Brille. „Ein ganz großes Stück ­Naivität meinerseits hat schon eine Rolle gespielt“, sagt ­Michael Herrmann rück­blickend. Bereut hat er den Kauf dennoch nicht. Ganz im Gegenteil. Mittlerweile bereitet ihm die umfang­reiche Arbeit an dem riesigen Hauskomplexes in der Altstadt Spaß. „Jetzt sieht man langsam, was es werden soll“, stellt er anlässlich des Richtfestes erleichtert fest.

Moderne Wohnräume hinter Fachwerk

In einem ersten Schritt trugen Handwerker vom mittleren der aus drei Häusern bestehenden „Sonne“ das Dach ab. Über diesen Zugang entsteht hinter den alten Mauern ein nagelneues Haus mit etwa 1100 Quadratmetern Nutzfläche. Die alte Fassade bleibt erhalten. Im Erdgeschoss des Gebäudes entstehen zwei Gewerbeeinheiten. Eine Gaststätte ist nicht dabei. Das ­Gastronomie-Geschäft in der Kreisstadt sei zu un­sicher, begründet der Investor. In den oberen Geschossen sind insgesamt sechs Drei- und Vier-Raum-Wohnungen vorgesehen. Das gesamte Haus erschließt ein Fahrstuhl barrierefrei.

Die historische Fassade am Giebel und zur Straßenseite wird komplett wieder hergerichtet. Menschen mit Weitsicht und dem Glauben ­daran, dass die „Sonne“ eines Tages saniert wird, demontierten die kostbaren Schmuckelemente vor vielen Jahren, lagerten sie ein und retteten sie damit. 80 Prozent der hölzernen Schmuckelemente befinden sich in einem sehr guten Zustand.