Osterwieck l Als Mitte Januar der Politiker Gregor Gysi (Die Linke) die Stadtbibliothek anlässlich ihres 100-jährigen Jubiläums besuchte, schrieb er eine Widmung in das Gästebuch der Einrichtung. „Bücher können unvergänglich sein“, lautete sein Eintrag. Gysis Zeilen waren erst der zweite Eintrag im Jahr 2020 – der vorhergehende lag sage und schreibe 31 Jahre zurück.

Unerwarter Fund

Bibliotheksleiterin Kathrin Mannewitz berichtete, dass ihr das Buch erst beim 2017 vollzogenen Umzug vom Gymnasium in den Bunten Hof wieder in die Hände gefallen war. Zuvor habe es eher unbeachtet in einem separaten Raum gestanden.

Dabei ist das Gästebuch eine Fundgrube. Der Blick hinein lässt staunen. Angelegt worden war es anlässlich des 30. DDR-Geburtstages 1979. Die ersten drei Einträge waren Offiziellen vorbehalten: einem Mitglied des Rates des Kreises, Bürgermeisterin Anneliese Scholle und dem Vizedirektor der Bezirksbibliothek.

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Defa-Gründer kommt mit Delegation

Viele Gäste haben sich in den zehn Jahren bis 1989 mit netten Zeilen für die Stadt- und Zentralbibliothek eingetragen. Teilnehmer des FDJ-Bezirkstreffens 1981, Soldatengruppen, Brigaden, auch ausländische Besucher.

1982 aber fällt in einem Text erstmals das Wort Defa auf. Defa hieß das staatliche Filmunternehmen der DDR in Babelsberg. Eine der Unterschriften im Gästebuch ist von Hans Klering, Schauspieler, Regisseur, 1946 Gründungsmitglied der Defa und bis 1950 sogar einer ihrer Direktoren.

Er gehörte 1982 zu der kleinen Delegation, die im Osterwiecker Kino-Café den sechsten „Filmfrühling auf dem Lande“ eröffnet hat. Acht Tage nach der Uraufführung mit dem Streifen „Die Gerechten von Kummerow“, in dem Klering (1906 bis 1988) mitwirkte. Mit in der Ilsestadt auch die Schauspielerin Erdmute Schmid-Christian.

Der Filmfrühling auf dem Lande war eine Veranstaltungsreihe, die in der DDR jährlich seit 1977 lief. Neue Spielfilme erlebten hier ihre DDR-Premiere. Mit dem Kino-Café in der Mittelstraße besaß Osterwieck ab 1978 quasi eine Vorzeige-Einrichtung. Vorher waren die alten Holzbänke einer modernen Ausstattung mit Polstersesseln und Tischen gewichen.

Dank für Gespräche in der Bücherei

Was hatte der Filmfrühling aber mit der Bibliothek zu tun? Deren Mitarbeiterinnen sorgten für die Beköstigung der Filmschaffenden während ihres Besuchs in Osterwieck. Und so bedankte sich die Defa-Gruppe 1982 im Gästebuch für die interessanten Gespräche in der Bibliothek, die sich damals nur wenige Meter entfernt ebenfalls in der Mittelstraße befand.

Die bereits erwähnte Erdmute Schmid-Christian war bis 1992 in 40 Fernsehrollen zu sehen, 1992 auch in „Der Landarzt“. In jenem Jahr, als ihr Kollege Walter Plathe die Hauptrolle der ZDF-Serie übernahm. Plathe war mit der Reihe „Treffpunkt Flughafen“, zig Filmen und der Moderation von „Ein Kessel Buntes“ in der DDR eine Art Superstar. Und er war einmal auch zu Gast beim Filmfrühling in Osterwieck.

1985 weilte er hier, begleitet von Katrin Saß, einer ebenfalls noch heute aktiven und bekannten Schauspielerin („Good Bye, Lenin!“). Sie waren die Hauptdarsteller der Defa-Komödie „Meine Frau Inge und meine Frau Schmidt“, die übrigens 1988 sogar im bayrischen Fernsehen gezeigt wurde.

Warmherzige Aufnahme

„Es ist das Einfache, das schwer zu machen ist“, schrieben die Schauspieler ins Gästebuch der Bibliothek. „In diesem Sinne verstehen wir unsere Arbeit. Film bzw. Filmkomödie sollen leicht daherkommen – dies war unser Versuch.“ Und weiter: „Hoffen uns und Euch ein paar Gedankenanstöße zu geben. Bedanken uns für die Offenheit!“

1987 wurde „Stielke, Heinz, fünfzehn“ im Osterwiecker Kinocafé gezeigt. Dazu kamen Hauptdarsteller Marc Lubosch, Regisseur Michael Kann und Manfred Schmidt (Szenarium) in die Ilsestadt. Es war eine Defa-Literaturverfilmung über einen 15-jährigen Hitlerjungen. „Wir hatten vor, Sie mit unserem Film aufzuregen – Sie haben uns aufgeregt. Insgesamt war es doch, denken wir, für beide Seiten anregend. Und das soll so sein“, heißt im Eintrag des Gästebuches.

Keine Schauspieler, aber Vertreter des Filmstabes von „Mit Leib und Seele“ mit Regisseur Bernhard Stephan an der Spitze kamen 1988 ins Kino. Sie bedankten sich im Gästebuch für die „warmherzige Aufnahme in Osterwieck“.

Bereits 1984 war Regisseurin Iris Gusner beim Filmfrühling in Osterwieck, um ihre Defa-Romanze „Kaskade rückwärts“ vorzustellen. Sie bedankte sich mit den Zeilen: „Du bist dort zuhause, dort ist Frühling und dort ist Osterwieck, wo du Menschen triffst, bei denen du zuhause bist.“

Einweihung des Kino-Cafés

1983 stellte Regisseur Karl-Heinz Heymann den Spielfilm „Schwierig, sich zu verloben“ hier vor. Er schrieb: „Vielleicht liegt es an dem – buchstäblich – ‚mitteldeutschen‘ oder es liegt am nahenden Frühling. Oder es ist das, was die Bürgermeisterin ausstrahlt – auf jeden Fall war es eine sehr angenehme Gesprächsatmosphäre. Nach meinen Gefühl: kein Wort umsonst!“

Die „Filmstadt“ Osterwieck sah zu DDR-Zeiten aber noch mehr Schauspieler. So waren, noch bevor das Gästebuch der Bibliothek eingerichtet wurde, beim Filmfrühling 1978 drei Film- und Fernsehstars zur gleichzeitigen Einweihung des Kino-Cafés mit seinen 76 Plätzen in Osterwieck: der auch nach der Wende vielbeschäftigte Dieter Mann, Petra Hinze und Heinz Behrens (bekannt aus den Maxe-Baumann-Silvesterschwänken).

Und auch das gehört zur „Filmstadt“: Von Fred Delmare (1922 bis 2009), der in über 200 Filmen mitwirkte, ist zwar kein Besuch beim „Filmfrühling“ überliefert, wohl aber bei seinem Schwiegervater hier in Osterwieck.