Halberstadt l Ein Chinese, der in Halberstadt Pasta und Burger verkauft. Ein ungewöhnliches Konzept. Und eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, die dahinter steht. Denn eigentlich ist Xiaotong Han nicht in der Küche, sondern auf den Bühnen dieser Welt zuhause. Er ist studierter Opernsänger, ein Tenor. Die Ausbildung dazu erhielt er in seiner Heimat Wuhan, Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei mit rund zehn Millionen Einwohnern. Die Musik wurde ihm in die Wiege gelegt, sagt Han, der fast akzentfrei Deutsch spricht. „Meine Eltern waren auch Opernsänger.“

Zu seinen beruflichen Stationen zählte die Chinesische Nationaloper in Peking – nicht zu verwechseln mit der Peking-Oper. „Dort wird traditionelle chinesische Kunst aufgeführt“, erläutert der 45-Jährige. Die Produktionen, in denen er tätig war, waren moderner, teilweise in Kooperation mit internationalen Kollegen. Damals kam er erstmals mit Deutschen in Kontakt. „Ich war fasziniert von Deutschland. Die Theaterlandschaft ist einmalig in der Welt“, schwärmt der Sänger. Er beschloss, in Deutschland arbeiten zu wollen.

Ein Schnellschluss war das nicht. „Ich wollte vom ersten Tag in Deutschland an Deutsch sprechen. Das hat funktioniert“, sagt er stolz. Eineinhalb Jahre hat er dafür neben der Arbeit jeden Tag gebüffelt, acht bis zehn Stunden lang. Eine Herausforderung: Andere Laute, andere Schrift, andere Grammatik. „Die Reihenfolge der Sätzen ist anders. Das war anfangs schwierig.“ Er habe gute Lehrer gehabt, die besonders an der Aussprache mit ihm gefeilt haben. „Als Sänger muss man gut artikulieren können“, erläutert Xiaotong Han.

Erster Tag in Deutschland ein Schock

Der erste Tag in Deutschland war ein Schock, erinnert er sich lachend. 2001 war das. „Berlin kam mir vor wie ein Dorf.“ Knapp 3,6 Einwohner – für chinesische Verhältnisse fast provinziell. In der Bundeshauptstadt studierte er drei Semester lang – die Diplome seiner Heimat werden in Deutschland nicht anerkannt.

Schnell erhielt der Tenor ein Engagement – am Nordharzer Städtebundtheater. Halberstadt statt Großstadt – anfangs konnte er sich das schwer vorstellen. „Aber ich habe sofort mein Herz an Halberstadt verloren.“ Spätestens nach der ersten Premiere. „Ich bekam fünf Minuten lang Applaus“, berichtet er lachend. Wie das Publikum haben ihn die Kollegen herzlich empfangen. „Am Theater arbeiten Leute aus 20 Nationen. Man hilft sich gegenseitig.“

Für seine Frau, Liping Wan, gestaltete sich die Anfangszeit im Harz schwieriger. Kennengelernt haben sich die beiden über Hans Vater. „Er war mein Professor“, berichtet Liping Wan. Während ihr Mann, sie haben 2002 geheiratet, erst in Peking und dann in Deutschland arbeitete, war sie in Wuhan als Lehrerin tätig.

Sie arbeitete in einem Kosmetik-Studio

2003 hatten sie genug von der Fernbeziehung und die heute 35-Jährige folgte ihrem Gatten nach Halberstadt. „Ich konnte die Sprache nicht und lerne nicht so schnell wie mein Mann“, gesteht sie. Während des ersten Jahres hatte sie keine Arbeitserlaubnis. Zudem wurde ihr Abschluss nicht anerkannt. Sie hatte die Wahl, noch einmal in Deutschland zu studieren, oder sich umzuorientieren. Liping Wan – in China ist es geläufig, dass Frauen nach der Heirat ihren Nachnamen behalten – fing als Verkäuferin in einem Kosmetik-Studio an.

Wie schnell sich das Ehepaar an das Kleinstadtleben in Deutschland gewöhnt hat, fiel ihnen erst bei einem China-Urlaub auf. Fünf Jahre seit dem Auswandern waren damals vergangen. „Wir hatten Sehnsucht nach Deutschland“, berichtet Xiotong Wan. „Deutschland ist mittlerweile mehr meine Heimat.“ Er träume und denke sogar auf Deutsch. „Das wäre sicher nicht so, wenn ich in Berlin geblieben wäre. Dort gibt es eine chinesische Community.“ In Halberstadt kannte er lediglich zwei Personen, die ebenfalls aus China kamen.

2012 wurde das Leben des Ehepaares kräftig auf den Kopf gestellt. Der Grund war ein schöner: Tochter Victoria Ziyan Han wurde geboren. Job und Kind unter einen Hut zu kriegen, stellte sich schnell als schwierig heraus. „Das haben wir vorher gar nicht so erwartet“, berichtet der Familienvater. Aber vor allem abends, an Wochenenden und feiertags war der 45-Jährige oft nicht zu Hause. Zuletzt waren es 120 Vorstellungen in neun Produktionen – innerhalb eines Jahres. „Er ist ein Typ, der sehr hart arbeitet. Im Theater hat er nicht einen Tag wegen Krankheit gefehlt“, berichtet Liping Wan. Auch sie arbeitete viel und lang. „Wir hatten fünf, sechs Babysitter gleichzeitig, ich musste jeden Abend überlegen, von wem ich mein Kind abholen muss“, berichtet sie.

Die Arbeit im Verkauf füllte sie ohnehin nicht aus – sie wollte ihr eigener Chef sein. Aber als was? „Mein Mann gab den richtigen Tipp. Er fragte mich, ‚was brauchen die Leute?‘ Essen, was sonst.“

Anfangs Fisch-Bistro in Rathauspassagen

Mit dem Fisch-Bistro in den Rathauspassagen fing alles an. „Gott sei dank konnten wir die Mitarbeiter vom Vorgänger übernehmen“, sagt Liping Wan lachend. „Ich konnte gar nicht kochen.“ Auch, was den Deutschen so schmeckt, musste das Paar erst lernen. Aber schnell merkte Liping Wan, dass Sushi zu rollen gar nicht so schwer ist, wie befürchtet.

Beim Fischladen sollte es nicht bleiben. 2014 kamen ein Café am Holzmarkt und ein weiteres Bistro, „Pasta!Pasta!“, in den Passagen dazu. Obwohl ihr Mann zwischenzeitlich den Theater-Job an den Nagel gehängt hatte, um sie zu unterstützen, wurde es Liping Wan zu viel. Ihr fehlte die Großstadt und sie wollte ihrer Tochter, die bald eingeschult werden sollte, die besten Bildungschancen bieten. „Ich hatte am Theater häufiger mit Schülern aus Halberstadt zu tun und dachte, wenn die Schulbildung hier schon so gut ist, muss das in der Großstadt noch viel besser sein“, so Han. Im Juni 2017 gaben sie alle Geschäfte außer das „Pasta!Pasta!“ auf. Sie hatten in Hamburg das Angebot, eine gastronomische Einrichtung zu übernehmen und zogen in die Hansestadt.

„Das haben wir schon nach einem halben Jahr bereut“, räumt Han ein. „In der Großstadt ist nicht alles bestens.“ Gerade von den Schulen waren sie enttäuscht: Volle Klassen, Kinder mit sehr unterschiedlichem Bildungsstand. Lediglich, dass die Tochter nebenher eine chinesische Schule besuchen konnte, um auch diese Kultur, die Schrift und die Sprache kennenzulernen, sei ein Vorteil gewesen. Die nächsten Orte, in denen es solche Angebote hier gibt, seien Braunschweig oder Magdeburg.

Glücklicher als in Hamburg

Dennoch entschloss die Familie, erneut umzuziehen. „Wir haben Halberstadt sehr vermisst. Die Stadt kann vielleicht nicht mit Hamburg mithalten, aber die Menschen machen den Unterschied. Hier haben wir viele Freunde.“ Auch Tochter Victoria ist jetzt seit einigen Wochen mit Kindern in einer Klasse, die sie noch aus der Kita kennt. Obwohl es für die Sechsjährige viel aufzuholen gilt – die Kinder sind im Unterricht schon viel weiter als in Hamburg – sei sie hier glücklicher, sind sich die Eltern sicher. Dass sie lange hinterherhinken wird, befürchten sie nicht. „Sie ist ehrgeizig wie der Papa“, sagt Liping Wan augenzwinkernd.

Während die Tochter fleißig paukt, Klavier lernt und sich darauf freut, bald wieder die Tanzschule besuchen zu können, haben ihre Eltern das Pasta-Bistro um eine Burger-Lounge erweitert. Sie seien froh, zurück in der Kleinstadt zu sein. „Halberstadt bietet so viel, dass sollten die Halberstädter zu schätzen wissen. Die Infrastruktur ist gut, die Schulen sind super, es gibt ein großes Kulturangebot“, sagt Xiaotong Han. „Es ist vielleicht nicht alles top, aber vieles.“

Auf der Bühne zu stehen, fehle ihm nicht. „Die Freude am Singen manchmal schon, aber nicht der Stress.“ Er genieße es, nun als Zuschauer einen anderen Blick auf das Theater zu haben und die Stücke, von denen er vorher nur seine Rollen kannte, jetzt als Ganzes zu sehen.