Handwerk

Groß Quenstedter erfüllt sich den Traum von der Selbstständigkeit

Von Luisa Rühle
Mick Hennig näht an einer Maschine den Saum eines T-Shirts. Noch arbeitet er in einem Raum im Haus der Familie, doch bald steht ihm viel mehr Platz zur Verfügung. Foto: Luisa Rühle

Groß Quenstedt

Freudestrahlend öffnet Mick Hennig die Tür zum großen Familienhof. Die Nachmittagssonne fällt auf das Fachwerk im Inneren des Gehöftes.

Auf dem Gelände der Familie werkelt Mick Hennig gerade an seinem Firmenstandort. Geradezu befindet sich der Ort des Geschehens: ein rustikaler doppelstöckiger Anbau an das Wohnhaus. Mit gerade einmal 23 Jahren führt er sein eigenes Unternehmen: Eine Näherei im Vorharzort Groß Quenstedt.

Nähmaschine der Oma

Zu seiner Leidenschaft ist er vor allem durch seine Uroma und seine Oma gekommen, erzählt er. Die beiden Frauen seien ebenfalls mit einer Schneiderei selbstständig tätig gewesen. „Ich habe seit meiner Kindheit das ’Juki’-Emblem der Nähmaschine meiner Oma im Kopf“, erinnert sich Hennig an das Zeichen der bekannten Nähmaschinenfirma. Seitdem habe er davon geträumt, sich selbstständig zu machen.

Mick Hennig hat einen langen Weg hinter sich, der von Bayern in den Harz und wieder zurück führte. Der ursprünglich aus Nörting in Bayern stammende junge Mann zog mit seinen Eltern als Fünfjähriger in die Heimat seines Vaters: Den Vorharz.

Als Schüler in Schwanebeck sei er dann auf der Suche nach einem Praktikumsplatz gewesen. In der Schneiderei von Marlies Golze in Reddeber wurde er fündig. Doch bei einem reinen Praktikum sollte es nicht bleiben: „Ich habe dort meine erste Ausbildung absolviert“, so Hennig.

Ausbildung führt an die Staatsoper

Nachdem er seine Lehre als Damenschneider bei „Golze Glamourös“ abgeschlossen hatte, habe ihn sein Weg nach München geführt – an die Bayerische Staatsoper. Die Stadt sei ihm schon durch seine Berufsschulzeit bekannt gewesen. In der Kostümabteilung der Herrenschneiderei konnte er als Großstückschneider tätig werden. Außerdem habe er dort seine zweite Ausbildung zum Herrenschneider abgeschlossen. Eigenen Angaben nach mit großem Erfolg: Als einer der besten Schneiderabsolventen Deutschlands.

„Ich konnte in München ein bisschen Großstadtflair aufsaugen, aber dann wollte ich etwas anderes machen“, so Hennig. Vergangenes Jahr ging es für ihn wieder zurück nach Groß Quenstedt. Eigentlich nur, um Freunde und Familie zu besuchen, doch dann schmiss die Pandemie seine Pläne um. Er begann, in Selbstständigkeit Masken zu nähen. Auf fünfzehntausend Stück schätzt er seine hergestellten Mund-Nasen-Bedeckungen.

Alte Hufschmiede wird Nähstube

Durch die Umstände des letzten Jahres sei aus einem Besuch ein fester Aufenthalt in seiner Heimat geworden. Im September 2020 habe er den Entschluss gefasst, seinen Firmensitz in Groß Quenstedt aufzubauen. „Meine Familie hat mir angeboten, den Platz auf unserem Grundstück zu nutzen“, berichtet er.

Vater Marco Hennig ist Hufschmied, doch mittlerweile sei das hauptsächlich ein reisendes Gewerbe, klärt Mick Hennig auf. Die Räumlichkeiten sollen deshalb verkleinert werden, indem die Schmiede innerhalb des Familienhofes umzieht. So kam die Idee, die ehemaligen Räume des Hufschmiedehandwerkes für Mick Hennigs Firma „Die Näherei“ umzufunktionieren.

Bisher habe er seine Stücke in einem kleinen Raum im Haus der Familie angefertigt. Doch der bisherige Platz reiche schon lange nicht mehr aus. „Es ist ein bisschen kompliziert, in der Werkstatt zu arbeiten.“

Produktionsstätte befindet sich derzeit im Aufbau

In den ehemaligen Schmiederäumen des Vaters soll auf fünfhundert Quadratmetern die Produktionsstätte entstehen. Dabei werde es neben einem Zuschnittraum auch einen Nähsaal, einen Büro- und Kundenraum und einen Präsentationsraum geben. „Im Moment wird die Fußbodenheizung gelegt“, informiert Mick Hennig über den aktuellen Stand der Arbeiten.

Er hofft, dass der Ausbau im Herbst abgeschlossen ist. Neben der Baustelle und seinen Aufträgen hat Mick Hennig noch einiges vor. „Ich befinde mich quasi mitten in meiner Ausbildung in der Meisterschule“, sagt er. Diese sei in vier Teile gestaffelt: Teil eins und zwei beinhalten die Theorie und die Praxis, Teil drei die Buchhaltung und Teil vier die Ausbilderprüfung. Diese konnte er vorziehen und auch bereits bestehen. Hennig darf nun also auch als Ausbilder tätig werden und sein Handwerk an neue Talente weitergeben.

Serienanfertigungen im großen Stil

Der junge Schneider nähe Serienanfertigungen im großen Stil, um ein breit gefächertes Publikum ansprechen zu können. Derzeit arbeite er an Cardigans und Kapuzenpullovern – letztere sollen insgesamt fünfhundert Stück werden. Seine Auftraggeber seien Firmen, Modemarken, Designer, Theater und Opern.

Auch das Repertoire des Schneiders ist mit der Zeit gewachsen: Mittlerweile zähle er 35 Maschinen rund um seine Näherei. Bisher habe er auf eine zweiköpfige Unterstützung zurückgreifen können, doch für den neuen Standort suche er händeringend nach Mitarbeitern, so Hennig.

Materialien von hier und regionale Lieferanten

Für ihn sei wichtig, seine Stücke nachhaltig und umweltschonend produzieren zu können. „Ich versuche, immer alle Materialien in Deutschland einzukaufen“, sagt er. Jedes seiner Bekleidungsstücke durchlaufe mehrere Arbeitsschritte an unterschiedlichen Maschinen. Dabei finde kein Produktionsschritt außer Haus statt.

Er lege Wert auf regionale Lieferanten, kurze Transportwege und habe hohe Qualitätsansprüche an seine Werke, zählt er die Werte seines Unternehmens auf. Auch persönlich bevorzuge er elegante und hochwertige Stoffe. „Edle Wollstoffe wie Kaschmir mag ich besonders“, sagt er.

Mit Blick in die Zukunft wünscht sich Mick Hennig einen erfolgreichen Umbau und wieder ein bisschen mehr Freude am Alltag, die durch die Pandemie verloren gegangen ist. „Ich freue mich auf ein wenig mehr Normalität in unserem Leben“, hofft er.