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Halberstädterin immer mittendrin im Zeitgeschehen

Ute Huch war viele Jahre Gesicht und Stimme der Stadtverwaltung Halberstadt. Sie war und ist immer mittendrin im Zeitgeschehen. Dabei kam sie eher zufällig zu ihrem Traumjob.

Von Sabine Scholz
Ute Huch war 28 Jahre lang als Pressesprecherin der Stadtverwaltung Halberstadt tätig.
Ute Huch war 28 Jahre lang als Pressesprecherin der Stadtverwaltung Halberstadt tätig. Foto: Sabine Scholz

Halberstadt

Sich selbst zurückzunehmen, das habe sie von Anfang gekonnt. „Als Pressesprecher ist man Sprachrohr der Verwaltung, da muss man als Person zurücktreten“, sagt Ute Huch. Loyalität ist mit das allerwichtigste in diesem Job, davon ist sie überzeugt.

28 Jahre lang hat sie die Pressearbeit für die Stadt Halberstadt wahrgenommen, hat Mitteilungen Form, Veranstaltungen Worte, Antworten auf Anfragen Stimme und Gesicht gegeben. „Ich habe das alles von der ersten bis zur letzten Minuten gern gemacht.“

Dass die Öffentlichkeitsarbeit für eine Stadtverwaltung und Assistenz des Oberbürgermeisters mal der Beruf für sie sein würde, das konnte sie als junge Frau nicht ahnen. Waren es doch verschlungene Wege, die sie am Ende beruflich ankommen ließen in einer Aufgabe, die sie mit Leidenschaft wahrnahm.

Ich liebe Modefotografie, das ist ein Steckenpferd von mir.

Persönlich war sie schon zeitig im Leben „angekommen“, mit ihrem Mann Klaus Dieter Huch ist die als Ute Körner 1958 in Wegeleben Geborene seit 41 Jahren verheiratet. Er war und ist ein Ankerpunkt für die attraktive Blondine, die mit Eleganz und Stil immer auch ein Hingucker war bei Pressekonferenzen und Festveranstaltungen. „Ich liebe Mode, das ist ein Steckenpferd von mir“, gibt sie zu. Nicht umsonst gehören Bildbände großer Modefotografen zur Grundausstattung ihrer Wohnung. Schon als Jugendliche habe sie mit Freundinnen aus vorhandenen Sachen Neues gezaubert. So erinnert sie sich noch, dass sie sich aus Schals Pullover genäht oder aus fünf alten Jeans eine neue Jacke hergestellt hatte.

Aber Nähen ist nicht das, was sie jetzt, wo sie Ruhephase der Altersteilzeit begonnen hat, unbedingt tun will. Da fallen ihre als erstes ganz andere Dinge ein, die lange der beruflichen Belastung wegen zu kurz gekommen sind. Zeit mit ihren zwei Enkeln zu verbringen, zum Beispiel. Und verstärkt durch die Corona-Beschränkungen rückt auch das Reisen in der Wunschliste weit nach oben.

Aber bis sie wieder mit ihrem Mann dem Wasserwandern frönen oder ferne Gestade erkunden kann, genießt sie die gewonnene Zeit mit ausgiebigen Spaziergängen, auf Radtouren oder einfach auf dem Sofa beim Lesen.

Hunger nach Kunst

Dass es keinen Termindruck mehr gibt, ist eine neue Erfahrung, die sie in den ersten Wochen besonders genieße. Vor dem Wechsel in den Ruhestand war noch Urlaub abzugelten.

Wobei, Ruhestand? Das kann man sich bei Ute Huch nicht vorstellen. Was sie lachend bestätigt. Einfach nur zu Hause zu sitzen, das ist nichts für sie. Umso schmerzlicher vermisst sie Konzerte, Rundgänge durch Ausstellungen, Theaterbesuche. „Kunst und Kultur müssen endlich wieder stattfinden dürfen“, sagt Ute Huch. Auch, weil zu ihrem großen Freundeskreis viele Künstler und Kulturschaffende gehören, weiß sie, wie prekär die Lage für viele ist. Nicht arbeiten zu können sei schlimm, für kreative Menschen besonders.

Der Hunger nach Kunst, nach Anregendem, nach Schönem begleitet Ute Huch ein Leben lang, das wird spürbar, wenn man sich mit ihr unterhält. Kunst ist dabei immer auch Spiegel, Reibefläche für die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Themen.

StaatlicherDruck

Die Lust am eigenen Denken hat es ihr zu DDR-Zeiten nicht gerade leicht gemacht. Die rebellische Jugendliche eckte schnell an. In der eigenen Familie, in der Schule, bei der Ausbildung. In einem Staat, der Lebenswege vorgab, war eigentlich kaum Platz für eine Suchende. Die sie offenkundig war.

Aufgewachsen in Wegeleben, führte der Weg ab Klasse neun jeden Morgen nach Halberstadt auf die Erweiterte Oberschule „Bertolt Brecht“. Die Schule, die heute wieder Martineum heißt. Nach der zehnten Klasse brach sie die Schule ab, ging nach Jena zu „Carl Zeiss“, eine Feinoptikerlehre sollte es sein. Ihre Bewerbung hatte Erfolg, doch kurz vor der Facharbeiterprüfung musste sie weg aus Jena. Sie war zu dicht dran an jungen Friedensbewegten, der staatliche Druck wurde zu groß.

Es musste sich was ändern

Also kehrte sie zurück nach Halberstadt, jobbte beim VEB Polyplast, in dem Unternehmen, das dank engagierter Chefs nach der Wende Primed wurde. Einer der wenigen Betriebe, die nicht abgewickelt wurden. Wobei Ute Huch am eigenen Leib erfuhr, was es bedeutet „abgewickelt“ zu werden. Doch davor lagen noch mehrere Wendungen.

Als Hilfskraft wurde ihr klar, wie weit weg sie von ihrem Traumberuf Architektin war. „So konnte es nicht bleiben, ich musste was ändern“, erinnert sie sich. Sie absolvierte die Ausbildung zum Chemiefacharbeiter, holte parallel zum Drei-Schicht-Betrieb ihr Abitur nach. Wobei ihr Chef Harry Leibitzki sie unterstützte. „Ich konnte zwei Frühschichten machen und musste nicht in die Spätschicht. Dadurch konnte ich die Abendschule besuchen.“ Nachtschicht ging trotz der Schule.

Mit dem Abitur in der Tasche bewarb sie sich in Magdeburg an der Baufachschule, wurde Tiefbauingenieurin. Allen vorherigen Schritten auf dem Weg zu ihrem Traumberuf wurden Steine in den Weg gelegt. Die Arbeit bei der PGH Hoch- und Tiefbau sollte einen Teilfacharbeiterabschluss und Berufserfahrung bringen, was eine Studienzulassung ermöglichen sollte. Aber dieses Versprechen wurde nicht gehalten.

Aktiv in der Wendebewegung

Dass sie nach dem Studium in Magdeburg wieder in Halberstadt landete, hat sie der Liebe ihres Lebens zu verdanken. Ihren Mann hatte sie in Magdeburg kennengelernt. Dank ihrer Heirat gelang es dem Ehepaar, nach dem Studium von den DDR-Behörden nicht an getrennte Arbeitsorte vermittelt zu werden.

In Halberstadt arbeitete Ute Huch beim Landbauprojekt, das erste Mal, dass es ruhiger zuging für die sportliche und vielseitig interessierte Halberstädterin. Allerdings nur beruflich, denn privat wuchs die Familie, 1981 wurde Sohn Christoph geboren, 1985 Sohn Marius.

Das Paar, verankert im Freundeskreis um Johann-Peter Hinz, engagierte sich in der Wendebewegung, für die Teilnahme an den „Gebeten für unser Land“ und bei den Mittwochsdemonstrationen war immer nur einer von beiden mit dabei. „Damit einer von uns bei den Kindern ist, falls der andere verhaftet werden sollte“, erinnert sich Ute Huch.

Mit der Wende kam auch die Erfahrung von „Kurzarbeit Null.“ Als sie im Sommer 1990 aus dem Urlaub an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, war der Schreibtisch leergeräumt, sie musste wieder gehen. Die Firma gab es kurz darauf nicht mehr.

Zufall ebnet Weg in den Journalismus

Aber zu Hause sitzen und nichts tun? „Geht nicht.“ Also suchte sie sich Aufgaben, jobbte in der Kunstgalerie am St. Florian, kam in Kontakt mit der Stiftung Umwelt und Naturschutz und übernahm für diese die Organisation eines Landschaftstages Huy. Bei den Vorbereitungen traf sie zufällig eine Redakteurin der Braunschweiger Zeitung, die sie fragte, ob sie nicht über den Landschaftstag berichten wolle. So kam es, dass Ute Huch zur Journalistin wurde. Erst als freie Mitarbeiterin, dann wurde ihr ein Volontariat angeboten und Arbeit in der Braunschweiger Zentrale. So sehr ihr der Beruf gefiel, das Pendeln nach Braunschweig war schwierig mit zwei Kindern, die elf und sieben waren. „Ich bin vormittags los, zu Hause war ich oft erst um Mitternacht.“ Wieder war klar: Es muss sich was ändern.

Da kam ihr eine offene Stelle in der Stadtverwaltung entgegen. Annemarie Baum brauchte als Pressesprecherin Unterstützung, Ute Huch übernahm zudem Assistenzaufgaben für den Oberbürgermeister. Sie kümmerte sich um vieles – Kontakt halten nach Israel, Reden schreiben, repräsentative Veranstaltungen organisieren, Informationen zu Pressemitteilungen verarbeiten. „Da half mir, dass ich ein Faktenschreiber bin, mir lagen mehr die Nachrichten als die Glossen“, sagt sie rückblickend.

Begegnungen mit „wunderbaren Menschen“

Am Ende waren es „eine Handvoll Bürgermeister“, die sie erlebte: Matthias Gabriel, Hans-Georg Busch, Harald Hausmann, Andreas Henke und ein paar Wochen Daniel Szarata.

Auch wenn es keiner weiß, mit ihrer Arbeit hat sie sich verewigt – in einigen Grundstein-Schatullen liegen Reden, die sie für Hans-Georg Busch geschrieben hatte. Als Wolfsburger fehlten ihm damals die Halberstadt-Kenntnisse. Die Ute Huch als bekennende Halberstadt-Liebhaberin natürlich reichlich hat.

Obwohl es oft stressig war, der Job hat ihr viel Freude bereitet. „Ich habe wunderbare Menschen kennenlernen dürfen“, sagt sie und nennt als Beispiel Alexander Kluge, Hannelore Hoger, Johannes Grützke, Jutta Hoffmann, Israels Botschafter Shimon Stein, die Zeitzeugen, die von Halberstadt als erster deutscher Stadt eine kleine Entschädigungszahlung erhielten. Begegnungen mit Bundespräsidenten, Ministern, all das gehörte zum Berufsalltag. Aber es gab auch dunkle Momente, schmerzliche Situationen. Der Überfall auf die Theaterleute, vor allem aber die neun Toten, die der Brand in der Obdachlosenunterkunft gefordert hatte. „Das war das Schlimmste in all den Jahren.“

Sie kann einige Anekdoten erzählen von ihrem Beruf, in dem sie sich so wohlfühlte. Trotz extrem stressiger Zeiten, die körperlich Spuren hinterließen. Wehmut, dass sie zwei Jahre vor der eigentlichen Zeit in den Ruhestand geht? „Nein. Ich habe meine Arbeit bis zur letzten Minute gern gemacht. Aber jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören.“

Zeit wird sie ihrer Heimatstadt Halberstadt trotzdem widmen, in ehrenamtlichem Engagement. Das steht schon fest.