Ditfurt l Im Rathaus von Ditfurt, ganz oben unterm Dach, sitzt Joachim Löwe vor seinem Rechner. Hier produziert und schneidet er kleine Filme in einer Länge von 30 Minuten über Gottesdienste oder Vereine der Gemeinde. Diese speist er anschließend als Fernsehprogramm in den heimischen Fernsehsender Ditfurt TV ein. „Alle Ditfurter, die über die Ditfurter Kabelanlage gucken, können diesen empfangen“, erklärt Joachim Löwe.

Schlechter Empfang des Westfernsehens

Speziell die Gottesdienste seien während der Corona-Krise gut bei den Zuschauern angekommen. So habe er sich Ende März, als keine Andachten stattfinden konnten, mit der evangelischen Pfarrerin, Franziska Junge, getroffen. Diese wohne in Ditfurt und sei in Wernigerode in der jungen evangelischen Gemeinde tätig, berichtet der 69-Jährige. Sie hat in Ditfurt in der leeren Kirche eine Predigt gehalten. Außerdem erzählte sie davon, wie es sei, in einer Kirche ohne Menschen zu stehen. Löwe hat gefilmt. In seinem Büro habe er die einzelnen Szenen zu einem Film geschnitten und anschließend im Fernsehen bei Ditfurt TV ausgestrahlt. Auch auf Youtube habe er die Predigt hochgeladen. Fast 1500 Mal sei sie angeklickt worden. Fünf weitere Gottesdienste folgten in der Zeit von April bis Oktober. „Die Kirchen haben gemerkt, dass sie über das Fernsehen einige Leute erreichen können“, sagt der Ditfurter. Sonst habe er nur jedes Jahr den Weihnachtsgottesdienst in Ditfurt aufgenommen und übertragen.

Doch wie kam es überhaupt zu einem eigenen Fernsehsender für das 1700 Einwohner große Ditfurt? „Angefangen hat alles mit einer eigenen Kabelanlage für den Ort“, erklärt der Rentner. Damals, zu DDR-Zeiten, hätte man in Ditfurt einen ganz schlechten Empfang für das Westfernsehen gehabt. Es gab jedoch ein paar Leute im Ort, die das ändern wollten. Unter ihnen war ein Anten-neningenieur, der wusste, wie das geht, erinnert Löwe. Auf dessen Scheune wurden vier Antennen zusammengebaut. Eine oder zwei hätten nicht ausgereicht, um das Signal aus Goslar für Sat 1 abzufangen, erklärt der gelernte Maurer.

Nachdem das gelungen war und der erste Haushalt in Ditfurt ein gutes Bild von Sat1. sehen konnte, wurden die Antennen der vier umliegenden Häuser mit Kabel von Dach zu Dach miteinander verbunden. „Das sprach sich rum in Ditfurt.“ Jeder wollte mitgucken, erklärt Löwe.

Der Ingenieur leitete einige Bewohner des Ortes an, darunter Joachim Löwe. Und so verbanden sie Stück für Stück einen Haushalt nach dem anderen. „In den besten Zeiten waren von 700 Haushalten 500 an der Kabelanlage angeschlossen“, berichtet der Rentner. Das hätten sie alles in ihrer Freizeit getan. Die Einwohner mussten lediglich eine Anmeldegebühr bezahlen.

Auch heute bestehe die Kabelanlage noch. Ungefähr 250 Haushalte in Ditfurt seien daran angeschlossen. Teilweise habe man das Kabel bei Stra-ßenerneuerungen nun aber unter die Erde verlegt. Alle Haushalte, die diese Anlage nutzen würden, wären Mitglied im Antennenverein Ditfurt. Löwe ist der Vereinsvorsitzende. Die Kabelanlage sei Schritt für Schritt gewachsen, erklärt der Experte. Zuerst wurde darüber analoges Fernsehen übertragen, dann digitales. Heute sei es immer noch digital, aber mit HD-Funktion. „Mit der Kabelanlage sind wir auf dem neuesten Stand“, sagt Löwe stolz. Ungefähr 350 Sender könne man darüber empfangen.

Der Vorteil dieses Kabelnetzes sei, dass die Leute den Service hier im Ort hätten. Sollte einmal etwas ausfallen, rufen sie bei ihm an. Der Verein habe einen Fachmann als Mitglied, der sich dann kümmern würde. Der Vereinsbeitrag betrage im Jahr 60 Euro. Davon würde der Verein die Versicherung zahlen, Stromkosten aber auch wenn mal etwas kaputt sei.

Ratssitzungen werden im Fernsehen übertragen

Gerade erst vor drei Wochen habe es in der Kabelanlage einen Totalausfall gegeben, berichtet Löwe. Von morgens vier Uhr bis 16 Uhr hätten die Menschen in Ditfurt kein Bild gehabt. Das Problem: Die Stromversorgung des Verstärkers funktionierte nicht. Eine Weiche sei kaputt gewesen. Er sei dann nach Wernigerode gefahren, um ein neues Signalteil zu kaufen.

Gelernt habe der Ditfurter zu DDR-Zeiten Baufacharbeiter und zunächst in Halle-Neustadt gearbeitet. Irgendwann sei er wieder nach Ditfurt zurückgekehrt und dort in der LPG in der Bauabteilung untergekommen. Nach der Wende sei er ohne Job gewesen. Später habe er bei einer Baufirma gearbeitet.

Und wie kam es nun zum dem eigenen Fernsehsender? „Wir haben einmal im Verein gesagt, wenn wir eine eigene Kabelanlage haben, brauchen wir auch einen eigenen TV-Sender“, sagt Löwe. Mitte der 1990er Jahre wurde das dann getestet. Mitglieder des Vereins hätten eine Musikkapelle bei einer lokalen Veranstaltung mit der Kamera aufgenommen. Sie hätten dann einen Videorecorder an die Kabelanlage angeschlossen und den Sender N3 herausgenommen. Nun konnten die Ditfurter dort, wo sonst N3 lief, die Kapelle spielen hören. „Beim Durchschalten hatten einige Leute das andere Programm bemerkt“, berichtet Löwe und lächelt. Die Resonanz sei durchweg positiv gewesen. Die Menschen in Ditfurt sagten, sie sollten weiter solche lokalen Veranstaltungen übertragen.

Gesagt, getan. Zunächst seien sie zu dritt gewesen, die Ditfurt TV betrieben. Seit ein paar Jahren bestückt Löwe den Fernsehkanal täglich von 10 bis 22 Uhr mit lokalen Ereignissen allein. Zum Beispiel nehme er den öffentlichen Teil der Gemeinderatssitzungen auf und lasse diesen über den Fernsehsender ausstrahlen. So wisse der Bürger, was bei den Beratungen beschlossen wurde. Auch eine eigene Nachrichtensendung gebe es täglich. In Schriftform lasse Löwe hier durchlaufen, welche Veranstaltungen demnächst im Ort geplant und welche abgesagt worden sind.

Seit 1997 hat Joachim Löwe eine Lizenz der Medienanstalt Sachsen-Anhalt für den Fernsehsender Ditfurt TV. Insgesamt zwölf Sender würde es in Sachsen-Anhalt geben, die von Vereinen oder Privatleuten betrieben werden. Ein offener Kanal sei Ditfurt TV nicht, erklärt Löwe. Offene Kanäle würden von Bürgern betrieben. Diese würden die Technik von der jeweiligen Landesmedienanstalt kostengünstig zur Verfügung gestellt bekommen. Er müsse seine Technik selbst bezahlen. Außerdem werde der Chef des offenen Kanals oftmals von der jeweiligen Landesmedienanstalt bezahlt, so der Experte.

Löwe selbst betreibt Ditfurt- TV, weil es ihm, wie er betont, Spaß machen würde und weil er dadurch jede Menge Menschen kennenlerne.

Geld verdiene er nur, wenn er zum Beispiel einen Werbefilm für die Agrargenossenschaft des Ortes oder für Gaststätten dreht.