Halberstadt (vs) l Auch im Vorharz kann es richtig Winter sein. Das müssten jetzt insbesondere jüngere Menschen gelernt haben. In unregelmäßigen Abständen können wir auch vor der Haustür Winterfreuden genießen und Winterstress erleben. Das wird auch im sich vollziehenden Klimawandel so bleiben, aber die Extreme werden zunehmen.

Ich möchte anhand meiner nicht ganz vollständigen Aufzeichnungen mal den Wettersturz über den Jahreswechsel 1978/1979 mit der jüngsten Situation bei uns vergleichen. Dabei sollte man beachten, dass zum Jahreswechsel 1978/79 die DDR-Wirtschaft in bestimmten Bereichen stagnierte, während 2021 die Coronabelastungen obendrauf kommen.

Neun lange Bahnstunden

Wir haben zum Jahreswechsel 1978/79 von unserem damaligen Wohnort Dresden aus meine Eltern in Halberstadt sowie Bekannte in Gatersleben besucht und ich hatte Klassentreffen unserer Abitur-Klasse. Dabei war auch unsere damals anderthalbjährige jährige Tochter.

Am 30. Dezember 1978 war alles noch sehr ruhig, wenn auch der Raum unseres Klassentreffens im „Weißen Roß“ ziemlich kühl war. Am 31. Dezember brach nachmittags der Straßenbahnverkehr in Halberstadt zusammen, die Züge von Spiegelsberge zum Hauptbahnhof und dann weiter bis Gatersleben am späten Nachmittag waren recht pünktlich.

Am 1. Januar 1979 sollte es 12.20 Uhr zurück gehen nach Halberstadt. Da dauerte dann die gesamte Fahrt einschließlich Wartezeiten rund vier Stunden für 18 Kilometer. Die Straßenbahnen in Halberstadt standen wegen Stromabschaltung. Die Volkspolizei informierte per Lautsprecherwagen über die Probleme und forderte die Bürger zum extremen Spaten von Gas auf. Den Geburtstag meiner Mutter feierten wir bei Kerzenschein.

Am 2. Januar mussten wir zurück nach Dresden. Wir machten uns nach meiner Erinnerung um 11 Uhr auf zum Hauptbahnhof und nahmen die Straßenbahn, die wieder fuhr. Der Solowagen vom VEB Waggonbau Gotha (T 57) fuhr sich allerdings wegen Eises in den Rillenschienen östlich der ehemaligen SED-Kreisleitung fest. So stiegen wir aus und legten die letzten rund 300 Meter mit Kinderwagen und Gepäck zu Fuß zurück.

Der D-Zug 943 mit einer Dampflok der Baureihe 01 oder 03 fuhr pünktlich ab. Es war aber eine „Heringsfuhre“ – wir bekamen mit Kleinkind allerdings noch zwei Sitzplätze. Die rund 250 Kilometer Zugfahrt mit Stopps in Aschersleben, Sandersleben, Halle, Leipzig, Wurzen, Oschatz, Riesa und Dresden-Neustadt endete planmäßig 15.44 Uhr in Dresden Hauptbahnhof, also nach rund vier Stunden.

Das war an diesem Tag allerdings nicht der Fall. Der D-Zug wurde von Halt zu Halt durchgeschleust, auf jedem Bahnhof gab es aber bei Bedarf heiße Getränke, auch Nahrung für Babys und Kleinkinder. Das ließ uns die Verdopplung der Fahrzeit auf gut neun Stunden ertragen. Um 21 Uhr waren wir dann angekommen und kämpften uns im total finsteren Dresden mit Sack und Pack und Kinderwagen in unsere Altbauwohnung.

Die Leistung aller Eisenbahner der Deutschen Reichsbahn und Ihrer Helfer ist um so höher einzuschätzen, weil damals auch noch fast der gesamte Güterverkehr auf der Schiene lag (damals über 90 Prozent statt heute unter zehn Prozent), geheizte Weichen eher Zukunftsmusik waren und der Verschleiß der Gleis-Infrastruktur viel höher war als heute.

Aus dem Winter 2010 wenig gelernt

Wenn im Laufe des 6. Februar 2021 der Bahnverkehr im Nordharz eingestellt wurde und zaghaft erst ab 12. Februar wieder aufgenommen wurde, ist das bezeichnend für den Zustand der Bahn in Deutschland. Deutschen Bahn Netz – verantwortlich für die Bereitstellung befahrbarer Schienen-Infrastruktur in Deutschland – ist augenscheinlich nicht auf solche Bedingungen vorbereitet. Vielleicht sollten sie mal zu Kollegen aus der Alpenregion wie der Schweiz zur Nachschulung gehen. Bei dem Pulverschnee, der vorige Woche gefallen ist, hätte schnelles Wiederbefahren der Strecken Räumaufwand und Räumintensität deutlich vermindern können (alte Bahnerweisheit). Ob allerdings die eingesetzten modernen Triebwagen mit viel Elektronik ausreichend winterfest sind, sei dahingestellt.

Der öffentliche Personennahverkehr in Halberstadt (ÖPNV) ist zur Zeit nicht besser aufgestellt als beim Wintereinbruch vor gut zehn Jahren (die Volksstimme berichtete am 8. Januar 2010). Schon damals hat man erlebt, dass die modernen Bahnen mit ihrer umfangreichen Elektronik diesen Witterungsbedingungen nicht gewachsen sind.

Der Lindner-Triebwagen von AEG und der Gothaer T 57 müssten den Verkehr aufrecht erhalten können. Ob die in Halberstadt betriebsfähig vorhanden GT 4 und GT 4-Z eine vorläufige Alternative wären, entzieht sich meiner Kenntnis. Warum der aus Nordhausen angeschaffte Winterdienst-Triebwagen nicht die Strecken freihält, verwundert nur.

Zudem wundere ich mich über die Unkenntnis Verantwortlicher (siehe Volksstimme vom 12. Februar) über die Besitzverhältnisse der städtischen ÖPNV-Infrastruktur. Diese wurde bekanntlich vor einigen Jahren an die städtische Holding Nosa übertragen. Hier müssten die Notfallpläne vorliegen und die Koordinierung der Freihaltung/Freimachung der benötigten Fahrwege und Haltestellen erfolgen. Damit ist auch rechtlich strittig, ob hier die Straßenreinigungssatzung in der heute vorliegenden Form überhaupt gültig ist.

Die Volksstimme hatte darüber berichtet, dass laut aktueller städtischer Reinigungssatzung Grundstückseigentümer für das Beräumen von Haltestellen vor ihren Grundstücken verantwortlich sind. Das Problem: Vielen ist das schlichtweg nicht bekannt; zudem stellt sich die generelle Frage, ob Privatleute für das Räumen von Haltestellen verantwortlich gemacht werden können. In Wernigerode gilt diese Satzungsvorgabe zwar auch – laut Stadtverwaltung wird auf diese Pflicht der Anlieger aber seit Jahren verzichtet, weil die Vorgabe kaum praxistauglich sei.

Und weitere Kritikpunkte aus 2010 macht Ulrich Kasten nach dem jüngsten Winter weiterhin aus: Weder Menschen mit Kinderwagen noch Rollatorennutzer und schon gar nicht Rollstuhlnutzer können aktuell die nur teilweise freigeräumten Haltestellen erreichen.

Auch eine Woche nach diesem starken Schneefall fehlte die notwendige Durchgängigkeit. Da waren wichtige Fußwege höchstens 80 Zentimeter breit geräumt, manchmal nur in Schneeschieberbreite, und dann folgten ungeräumte Abschnitte. An Überwegen im Kreuzungsbereich türmten sich Schneehügel vor dem „Abstieg“ auf die Straße – beispielsweise war am Ex-Kulturhaus über die Harmoniestraße nur ein Einfußpfad. Ein anderes Beispiel ist die nicht freigeräumte Schräge an der westlichen Bushaltestelle Holzmarkt. Sollte Tauwetter mit Nachtfrost einsetzen, sind solche Hindernisse um so schwerer zu beseitigen.

Unpünktlichkeit im Busersatzverkehr ist heute sicher zu tolerieren, aber fehlende Informationen nicht. Wenn ich die Linie 2 ab Hoher Weg bis Sargstedter Weg nicht bediene, müssen aktuelle Informationen auch an den jeweiligen Haltestellen zu finden sein und nicht nur auf der HVG-Seite im Internet.

Warum der südliche Teil des Fahrweges in der Unterstadt nur teilweise freigeräumt wurde, ist unverständlich. Auch im Straßenbereich scheinen Nosa/Stadtverwaltung der Stala nicht übermittelt zu haben, dass der Stadtverkehr auch südlich der Bahnlinie Halberstadt-Blankenburg stattfindet. Der Zustand von Spiegelsbergenweg, Westerhäuser Straße und Klusstraße waren mehr als mies, für Busse nicht befahrbar.

Anmerkung der Redaktion: Ulrich Kasten ist diplomierter Agraringenieur und lehrte zu DDR-Zeiten an der Gartenbau-Ingenieurschule in Quedlinburg. Nach der Wende war er zunächst für die Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung im Nationalpark Hochharz zuständig. Später wechselte er in die Politik und arbeitete bis 2006 zwölf Jahre als verkehrs- und tourismuspolitischer Sprecher für die Linksfraktion im Landtag. Heute ist der 71-Jährige unter anderem noch als verkehrspolitischer Sprecher der BUND-Kreisgruppe Harz tätig und Mitglied im Beirat der Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (Nasa).

Die vorstehenden Zeilen entstammen maßgeblich seiner Feder und spiegeln seine persönliche Sicht wider. Kasten möchte damit die Diskussion rund um den Winter 2021 voranbringen.