Röderhof l Ob etwa Stephen King oder Edgar Wallace, Schöpfer von Gänsehautgeschichten haben sich schon immer gern der Kanalisation als Schauplatz bedient. Für den Künstler Michael Barthel aus Leipzig haben Gullys und Abwasserkanäle überhaupt nichts Erschreckendes an sich, ganz im Gegenteil.

Der Leipziger Künstler, der seit März im Rahmen eines Stipendiums drei Monate lang die Gastfreundschaft des Kunstvereins in Röderhof genießt, fühlt sich von den Kanälen geradezu magisch angezogen. „Als ich hier angekommen bin und das erste Mal am Abend die Straße hinunter zum Gutshof gegangen bin, sind mir sofort Geräusche aufgefallen, die aus den Gullys kamen.“ Hier fließt das Wasser verschiedener Huy-Quellen in Kanälen entlang.

Und weil sich Michael Barthel auf Töne und Geräusche spezialisiert hat, hört der junge Mann Dinge, die ungeübteren Ohren normalerweise verborgen bleiben. Schnell habe er erkannt, dass einige der Kanalöffnungen sehr stark und andere wiederum nur minimal klingen. Dabei ist es weniger ein Plätschern und Rauschen, eher ein Schwingen und Singen in verschiedenen Tonlagen, oft sogar in einem bestimmten Rhythmus. Fasziniert von dieser Entdeckung hat Michael Barthel schnell beschlossen, daraus eine Klanginstallation zu machen und sich damit im Kunstarchiv des Vereins zu verewigen. In diesem Archiv hinterlässt jeder der Künstler, der je als Stipendiat in Röderhof weilte, ein ganz individuelles Stück seiner Arbeit.

Um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, ist Michael Barthel in den letzten Wochen nun beinahe täglich in Richtung Gutshof gegangen, immer mit dabei sein kleines Aufnahmegerät und Kopfhörer. Schnell habe er festgestellt, dass, je später der Abend wurde, desto lauter waren die Geräusche der Gullys. „Insgesamt acht verschiedene Orte hab ich ausgemacht, an denen es besonders klingt“, erklärt Barthel mit faszinierender Ernsthaftigkeit. Dabei kniet er vor dem Gully und lauscht andächtig. Jegliche Nebengeräusche sind bei den Aufnahmen unerwünscht. Gestört habe ihn während dieser etwas befremdlich wirkenden Tätigkeit nie jemand, zumindest kein Mensch. „Nur eine Nachtigall hat die Aufnahmen gestört“, beschreibt Michel Barthel und muss über diesen Satz selbst lachen. Denn, selbstverständlich mag er den Gesang der Nachtigall, betont er. Nur eben nicht bei diesem Projekt.

Tatsächlich ist der Gesang des Nachtigallenmännchens, das damit eine Partnerin anlocken möchte, mitunter die ganze Nacht zu hören. „Ich hoffe sehr, dass dieser Vogel nun ganz schnell sein Liebesglück findet, damit mir noch einige Aufnahmen gelingen“, so Michael Barthel.

Wie genau die fertige Arbeit aussehen wird, die er selbst als Mehrkanalinstallation beschreibt, ist für Barthel selbst noch nicht ganz klar. „Ich werde mit einer detaillierten Beschreibung und Fotos arbeiten.“

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