Langenstein l In Langenstein befindet sich ein einzigartiges Zeugnis früherer Wohnkultur in Deutschland. Die Wohnhöhlen bei der Altenburg und jene auf dem Schäferberg.

Wann sie genau entstanden sind, ist nicht bekannt. Es wird davon ausgegangen, dass sie aus dem 12. Jahrhundert stammen, als auf dem markanten Sandsteinfelsen „Langer Stein“ am Südrand des Ortes die Bauarbeiten für eine Burg begannen. Die Langensteiner Ortschronisten Doris und Siegfried Schwalbe halten es auch für möglich, dass schon viel früher mit dem Aushöhlen des Felsens begonnen wurde.

Chronisten klären auf

In ihrer 2006 erschienenen Langensteiner Chronik „Vom Bischofssitz zum Golddorf“ schreiben sie, dass bereits die Neandertaler Schutz in den Felsenhöhlen gesucht haben. Später siedelten sich im Schutz von Altenburg, Hoppelberg, Schäferberg und Gläserner Mönch Mesolithiker und Bandkeramiker an, vor rund 4000 Jahren folgten die Urgermanen. Bis etwa 1000 nach Christi diente der 300 Meter lange Felsenrücken den Germanen als Fluchtburg. Nachdem Graf von Reinstein 1177 erneut zum Bischof Ulrich von Halberstadt geweiht worden war, ließ er die Altenburg auf dem Ausläufer des Hoppelberges errichten, deren Herrschaft nach seinem Tode mehrfach wechselte. 1644 war die Burg verlassen, 1653 begann der Abriss und der Abtransport der besten Steine zur Dombauhütte Halberstadt zur weiteren Verwendung, ist in der der Abelschen Chronik nachzulesen.

Bilder

Was blieb, war der in den Felsen geschlagene Hohlweg, welcher einst als Zugang/Zufahrt zur Burg diente. Auch die großen Hohlräume, von denen die Chronisten vermuten, dass sie zuvor Kasematten für das Wachpersonal, und die kleineren Behausungen Unterkünfte für die Befehlshaber waren. Ab wann diese Höhlen regulär als Wohnungen genutzt wurden, blieb bis heute ungeklärt. Das Chronistenpaar verweist auf Inschriften zwischen Mitte und Ende des 16. Jahrhunderts sowie eine 1795 eingetragene Überlassung einer Höhle.

In der umfangreichen Ortschronik ist im Kapitel IV „Wohnen in Langenstein“ ausführlich über die Felsbehausungen an der Altenburg und an der Höhlenstraße auf dem Schäferberg zu erfahren. Das Entstehen letzterer ist allerdings geklärt, da sie mit der großen Wohnungsnot im Jahre 1856 zusammenhängt.

Besuch in Langenstein

In der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, Ausgabe 28 des Jahres 1889, bemerkt der Autor E. Krell in seinem Beitrag „Höhlenwohnungen bei Langenstein im Harz“, dass er in Meyers „Wegweiser durch den Harz“ zunächst von in den Felsen gehauenen Räumen in den Klusbergen bei Halberstadt gelesen hätte. Darauf neugierig geworden, erkundigte er sich vor Ort danach und erfuhr, dass diese zwar sehenswert seien, doch längst nicht mehr als Unterkunft genutzt werden.

Allerdings gebe es in dem unweit entfernten Dorf Langenstein Höhlenwohnungen, die zu der Zeit noch zu Wohnzwecken dienen.

Über seinen Besuch dort schreibt er nieder: „Höhlenbewohner fast mitten im Herzen unseres hochzivilisierten Deutschen Reiches! Diese merkwürdige Tatsache bestimmte mich, nach genanntem Orte zu pilgern. Und richtig, oberhalb des großen, wohlhabenden Dorfes Langenstein, und zu diesem gehörig, liegen etwa zehn in den Felsen gehauene Wohnungen. Das Ganze wird ,die Burg‘ genannt, und einige 40 Menschen haben darin Unterkunft gefunden.

An der dem Felsen abgetriebenen Frontseite sieht man eine Reihe regelrecht angebrachter Haustüren und Fenster, fast immer eine Tür und nur ein Fenster zu einer Wohnung gehörig. Die älteste dieser Höhlenwohnungen ist vor 29 Jahren von einem armen jungen Ehepaar, welches in Langenstein kein Unterkommen finden konnte, angelegt und nach und nach erweitert worden. Ein recht beachtenswertes Teil Arbeit, wenn man bedenkt, daß der Mann erst ein bedeutendes Stück Felsen abtreiben mußte, um eine Front zu erhalten. Und zwar mußte er diese Frontfläche sowie die Wohnräume mit einem einfachen Werkzeug, der Picke, Stückchen für Stückchen auspicken, wie man dort sagt, während der Frau das Wegschaffen der Schuttmassen oblag.

Durch die Eingangstür der sehr sauber gehaltenen, wenn auch ärmlichen unterirdischen Wohnung gelangt man zunächst auf einen geradeaus führenden Gang (Hausflur), von welchem rechts eine Türöffnung in die geräumige, mit einem großen Fenster, dem einzigen der Wohnung, und einem Ofen ausgestattete Stube führt.

Dieser gegenüber, links vom Gange, befindet sich ein muschelartig ausgehauener Schlafraum, in welchem man sich den Luxus einer Bettstelle erspart und als Unterlage Stroh unmittelbar auf den Felsen gelegt hat. Hinter diesem Schlafraum, links vom Gange, dem Innern des Felsens zu, ist ein großer Vorratsraum. Rechts hinter der Stube befindet sich die Küche mit Herd und darüber der Schornstein, welcher außen an der Erdoberfläche mit großen Steinen umlagert ist, damit niemand hineinstürzt.

Hinter der Küche ist noch ein Schlafraum, und obwohl die hinteren Räume kein unmittelbares Licht haben, so sind sie doch durch den Schornstein und durch die in der besseren Jahreszeit meist offenstehende Haustür leidlich erhellt.

Die stehen gebliebenen Wände sind natürlicherweise Felsen, und die Stärke der oberen Decke bewegt sich je nach der äußeren Form des Felsens zwischen einem und zwei Metern. Sämtliche Räume sind vollständig trocken, und da man über der Eingangstür eine schmale Öffnung gelassen hat und keiner der Räume noch durch eine besondere Tür abgeschlossen ist, so geht, auch wenn Haustür und Fenster nicht geöffnet sind, immer ein leichter Luftzug durch die ganze Wohnung und hinten zum Schornstein hinaus.

Die Wohnungen sind im Winter warm, im Sommer kühl und nach den Versicherungen der Bewohner, welche meist recht kräftige, rotbäckige Leute sind, vollständig gesund.

Da nun einige Familien die Front ihres Heims weiß getüncht haben und oben aus den Felsspalten Gras und Wiesenblumen herausschauen, auch teilweise vor den Wohnungen winzige Gärtchen angelegt sind, so ist das Äußere gar nicht so unfreundlich. Jedenfalls sind diese Höhlenwohnungen bei weitem gesünder als die vielen Kellergeschoßwohnungen, die gemauerten Höhlen unserer Großstädte.“ (Der Text wurde der heutigen Schreibweise angepasst und durch Erklärungen ergänzt.)

Letzter Bewohner

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts lebten zahlreiche Familien in den Wohnhöhlen an der Altenburg und auf dem Schäferberg. Die in Deutschland einmalige Höhlenstraße am Schäferberg umfasste ehemals zehn Felsenwohnungen. Sie wurde zwischen 1900 und 1910 leergezogen. Die ehemaligen „Felsenvillen“ dienten danach 100 Jahre lang als Vorratskeller oder Tierställe.

Der letzte Höhlenbewohner an der Altenburg zog erst im Jahre 1916 aus seiner Höhlenwohnung an der Altenburg aus. Die Wohnstätte von Karl Rindert trug sogar eine Hausnummer: Nr. 11.

Einstündige Führung

Dank des Engagements zahlreicher fleißiger Helfer des Vereins „Langensteiner Höhlenwohnungen“ können heute an beiden genannten Stellen in Langenstein originalgetreu restaurierte und liebevoll eingerichtete Höhlenwohnungen besichtigt werden.

Es gibt keine festen Öffnungszeiten. Besichtigungen sind im Rahmen einer einstündigen Führung möglich.

Führungen für Gruppen sind nur auf Anmeldung möglich. Dafür ist ein Termin zu vereinbaren bei Siegfried Schwalbe, Telefon (0 39 41) 60 21 08, oder Helmut Scholle, Telefon (0 39 41) 60 21 04.