Hoppenstedt l Riesig ist der Kalksteinbruch am Rande von Hoppenstedt nicht. Vom Brocken aus kann man das weiße und rote Gestein bei guter Sicht gerade so erkennen. In der Größe also nicht zu vergleichen mit eingangs genannten Landschaften. Dennoch steht der Hoppenstedter Steinbruch jetzt in einer Reihe mit bis dahin 77 Objekten – als Nationales Geotop der Bundesrepublik Deutschland.

Bürgermeisterin Ingeborg Wagenführ (Buko) überbrachte jüngst im Stadtrat die Kunde von dieser hohen Auszeichnung. Es handelt sich um eine Zertifizierung, die im vergangenen Jahr vom Präsidium der Akademie für Geowissenschaften und Geotechnologien Clausthal-Zellerfeld vorgenommen worden ist. Seit 2006, im Ergebnis eines Wettbewerbs um die bedeutendsten Geotope Deutschlands, gibt es Nationale Geotope.

„Der Sinn dieser hohen Auszeichnung besteht darin, eine breite Öffentlichkeit auf die Naturschätze Deutschlands aufmerksam zu machen und somit auch das Bewusstsein für das geologische Erbe unseres Landes zu fördern“, teilten Akademie-Präsident Prof. Dr. Ugur Yaramanci und Geschäftsführer Dr. Rainer Müller der Stadt Osterwieck mit.

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In Sachsen-Anhalt ist der Hoppenstedter Kalksteinbruch erst das vierte Nationale Geotop. Die anderen drei befinden sich auch alle am und im Harz: das Bodetal, die Teufelsmauer und die Blockhalden des Brockens. Die Zertifizierung gilt für zehn Jahre, kann nach einer neuerlichen Überprüfung aber verlängert werden.

Unter Fossiliensammlern ist der Steinbruch schon seit Jahrzehnten bekannt, wenngleich das Sammeln nur am jährlich im September veranstalteten Tag des Geotops erlaubt ist. Dann kommen extra Fachleute vom Magdeburger Museum für Naturkunde vor Ort.

Der Hoppenstedter Steinbruch gilt als einer der besten Aufschlüsse von Gesteinsschichten aus der Zeit der Oberkreide in Sachsen-Anhalt. Kaum vorstellbar, hier befand sich in der Kreidezeit vor etwa 95 Millionen Jahren der Meeresboden, wohl 400 Meter unter der Wasserfläche gelegen. Was die versteinerten Kopffüßler, Seeigel und Schnecken erklärt.

Mit der Annahme der Auszeichnung hat sich die Kommune bereiterklärt, den Steinbruch zu pflegen, auszuweisen und der Öffentlichkeit zugänglich zu halten. Das ist ohnehin schon gang und gäbe. Der Grasweg zum Steinbruch wird von einem Freiwilligen aus Hoppenstedt mehrmals im Jahr gemäht. Der Steinbruch steht unter Naturschutz, es ist aber ein Pfad gekennzeichnet, der zu einer Informationstafel führt, die 2014 vom Regionalverband Harz aufgestellt wurde.

In die Öffentlichkeit gerückt ist der Steinbruch zudem durch das 2016 eröffnete Wandergebiet im Kleinen Fallstein. Einer der ausgeschilderten Pfade führt am Steinbruch vorbei. Einen Wanderparkplatz gibt es dafür in Hoppenstedt.

Doch wie kam es überhaupt zum Steinbruch? Am Kleinen Fallstein wurde über einen Zeitraum von 66 Jahren Kalkstein abgebaut. Diese Geschichte hatte vor gut 20 Jahren Alt-Bürgermeister und Ortschronist Günther Boog aufgeschrieben.

1909 begann der Bau eines landwirtschaftlichen Kalk- und Mergelwerkes durch Carl Mönkemeyer. Schon im ersten Jahr konnten 588 Tonnen Mergel produziert werden. Von Vorteil war es, dass Hoppenstedt 1908 einen Bahnanschluss erhalten hatte. Am alten Bahnhof befindet sich übrigens jetzt der Wanderparkplatz.

Mergelwerk existierte bis zum Sommer 1975

1920/21 wurden vor Ort zwei Kalköfen errichtet. Der Betrieb hatte zwei Hauptproduktionszweige. Der zerbrochene und vermahlene Mergel wurde an landwirtschaftliche Betriebe mit leichten Böden verkauft. Und der Branntkalk aus den Öfen wurde an die Bauwirtschaft sowie darüber hinaus als Dünger an die Landwirtschaft verkauft – für Verwendung auf mittleren und schweren Böden.

Seinen wirtschaftlichen Höhepunkt erreichte der Betrieb in den 1930er bis 1950er Jahren. Damals waren hier 30 bis 40 Arbeiter tätig. Während des Zweiten Weltkrieges wurden hier auch französische Zwangsarbeiter eingesetzt.

Carl Mönkemeyer gab den Betrieb Ende der 1950er Jahre auf. Dieser wurde verstaatlicht, vom Harzer Baustoffwerk übernommen. Statt einer zunächst geplanten Rekonstruktion wurde aber der Abriss beschlossen. Aus Kostengründen, aber auch wegen der Lage im Grenzsperrgebiet. Im Sommer 1972 wurde die Produktion eingestellt. Der Abriss erstreckte sich über mehrere Jahre und endete am 1. Juli 1975.

Geblieben ist der Steinbruch, in dem sich seltene Pflanzen und Tieren angesiedelt haben und der deshalb Naturdenkmal ist. Besonders gut ist der durch Salztektonik oberflächennah, wellenartig verlaufende Kalkstein zu sehen. Und für die Geologen sind auch jetzt nach so vielen Jahren Ruhe im Steinbruch immer noch erstaunliche Funde möglich. Was nicht überraschend kommt, denn nach Nässe und Frost brechen immer wieder Gesteinsbrocken ab.