Osterwieck l Das Staunen stand Pfarrer Stephan Eichner ins Gesicht geschrieben, als Restaurator Dirk Jacob das Bild auswickelte. Erstmals seit 1847 ist die sogenannte Alltagsseite des Altars wieder zu sehen. Seit über 170 Jahren war sie unter einen grauen Farbschicht verborgen. Warum das Bild übermalt worden war, ist den heute Lebenden ein Rätsel.

Die Alltagsseite zeigt eine Szene aus der Weihnachtsgeschichte. Die drei Könige sind zu sehen, Maria mit ihrem Kind sowie die Herberge. Während des ZDF-Fernsehgottesdienstes in acht Tagen soll diese Seite durch Zuklappen der Flügel erstmals zu sehen sein, am Ende der Predigt des Pfarrers. Ein großer Moment für die Kirchengemeinde. Aber auch ein ungewohnter Anblick, wenn der Altar schlank im Chorraum stehen wird.

Ein wenig wird der Schein am 23. Dezember noch trügen. Als Dirk Jacobs 2017 zunächst eines der beiden Altarflügelbilder zur Bearbeitung in seine Werkstatt nach Berlin holte, hatte er das Ziel, bis zum Fernsehgottesdienst beide Bilder zu schaffen. Obwohl er fast jeden Tag über dem Bild saß, ist jetzt nur der rechte Flügel fertig geworden. „Die Arbeit war äußerst mühsam, der Aufwand war vorher nicht erkennbar“, berichtete er.

Mühsame Restaurierung

Unterm Operationsmikroskop löste Jacob per Skalpell Millimeter für Millimeter die graue Farbe über dem Ursprungsbild. Wo es nötig war, wurde danach behutsam retuschiert. Die Schwierigkeit seien die Gipsbestandteile in der grauen Übermalung gewesen, erklärte der Restaurator. Darauf sind letztendlich auch die etwas verschiedenen Farbtöne zum Beispiel auf der dargestellten Mauer zurückzuführen. „Das war wirklich die Grenze des Machbaren“, stellte Dirk Jacob zum Ergebnis fest.

Der Berliner hat jetzt auch einen Ersatz für das linke Flügelbild mit nach Osterwieck gebracht, eigenhändig auf eine Leinwand gemalt. So wie er sich mit geschultem Auge das tatsächliche, unter der grauen Farbe noch versteckte Bild vorstellt. Dessen Restaurierung könnte eine noch größere Herausforderung werden. Denn die Übermalung lässt auf einige Fehlstellen schließen.

Dass die Alltagsseite insgesamt etwas blass wirkt, hat indes nichts mit der Restaurierung zu tun. Diese Seite sei schon im Ursprung, also vor über 500 Jahren, einfacher gestaltet worden, sagte der Restaurator. Eben eine Alltagsseite. Im Vergleich dazu wurden seinerzeit für die Passionsseite und die Festtagsseite wertvollere Materialien verwendet.

46.000 Euro reichen nicht für Projekt

Für die Gesamtrestaurierung stehen bisher 23.000 Euro von der Braunschweiger Hans-und-Helga-Eckensberger-Stiftung, 20.000 Euro von der Volksbank-Stiftung und 3000 Euro von der Volksbank Börßum-Hornburg zu Verfügung. Diese Beträge werden angesichts des gestiegenen Zeitaufwandes nicht ausreichen. Deshalb werden jetzt mit Hilfe des Kirchbauvereins noch weitere mögliche Spender angesprochen.

Die komplett restaurierte Alltagsseite wird wohl erst 2019 zu sehen sein. Dirk Jacob hat das linke Flügelbild jetzt mit nach Berlin genommen.