Halberstadt l Menschen aus brenzligen Situationen retten – dieser verantwortungsvollen Aufgabe haben sich die Frauen und Männer der Bergwacht Harz verschrieben. Vier von ihnen waren am Freitag in einer für sie nicht alltäglichen Mission im Einsatz – im Dienst des Denkmalschutzes. In schwindelerregender Höhe beseitigten Ralf Scholz, Jens Wackernagel, Holger Müller und Uwe George am Südostturm der über 800 Jahre alten Liebfrauenkirche Halberstadt Wildbewuchs. Dabei handelt es sich um Bäume, die aus der Fassade des kostbaren Bauwerks wachsen und das Mauerwerk der einzigen viertürmigen Basilika Mitteldeutschlands schädigen, informiert Architektin Ursula Hülsdell vom Architekturbüro Hülsdell & Hallegger. Die vier Ehrenamtler der Bergwacht sind nun einem Hilferuf der reformierten Kirchen­gemeinde von Liebfrauen gefolgt.

„Während eines Dronenfluges über der Kirche wurde im Umfeld des Südostturms Wildbewuchs entdeckt“, berichtet Ursula Hülsdell. Im Mauerwerk des Turms entdeckte man mithilfe des Flugapparates verschiedene Bäume, die dort überhaupt nichts verloren haben, so die Architektin. Die Pflanzen treiben ihre Wurzeln ins Mauerwerk, bringen die Fugen zum Aufplatzen und sprengen das Mauerwerk, erklärt die Halberstädterin. „Hier muss man schnell handeln“, betont sie.

Baugerüst zu teuer

Klassisch komme eigentlich ein Baugerüst zum Einsatz, um an die Bewuchsstellen zu gelangen. Dessen Aufbau und die Verankerung an der Fassade sei jedoch sehr aufwendig und damit teuer. So wurde die Idee geboren, Bergsteiger auf das Dach beziehungsweise den Turm zu schicken. „Dankenswerterweise erklärten sich die Mitglieder der Bergwacht Harz sofort bereit, den Job zu übernehmen“, so Ursula Hülsdell.

Wobei Pfarrerin Dr. Elfi Runkel die Aufgabe locker selbst hätte übernehmen können, wie die vier Männer der Bergwacht mit einem Augenzwinkern erstaunt feststellten. Sie ist Mitglied des Alpenvereins, klettert selbst seit vielen Jahren und ließ sich gestern auch nicht lange bitten, mit aufzusteigen. Kurzerhand schlüpfte sie in ihre Kletterausrüstung und stieg „ihrer“ Kirche buchstäblich aufs Dach.

Beste Bedingungen für Bergsteiger

Kurz nach 9 Uhr, die Sonne scheint, beste Bedingungen für die Bergsteiger. Einen Tag zuvor war Rolf Scholz, Bereitschaftsleiter der Bergwacht Halberstadt, noch ein wenig skeptisch, ob der Einsatz überhaupt klappt. Laut Wetterdienst sollte es am Freitagvormittag stark regnen, begleitet von Blitz und Donner. „Dann hätten wir die Aktion verschieben müssen“, so der erfahrene Bergsteiger.

So aber ist alles perfekt: Aus 20 bis 30 Metern Höhe seilen sich die Männer und die Pfarrerin vorsichtig vom Südostturm der Kirche ab. Für die geübten Bergretter ist das keine Herausforderung. Privat besteigen sie in den Alpen 3000 bis 4000 Meter hohe Berge. Selbst der Harz, wo ihr klassisches Einsatzgebiet liegt, sei eine andere Hausnummer. Eines sei jedoch überall wichtig: die Sicherheit. Egal, ob in 20 oder in 3000 Metern – ein Sturz hätte fatale Folgen.

Der Kampf mit der Birke

Rechts neben dem Turm in etwa 15 Metern Höhe ist eine Dachrinne bis an den Rand voll mit Dreck. Darin wächst ein kleiner Ahorn. Uwe George entfernt den Baum und säubert die Rinne, damit das Regenwasser wieder frei ablaufen kann und nicht das Bauwerk beschädigt. Ralf Scholz kämpft indessen mit einer ­Birke. Der Baum sitzt in der Fassade fest. Der Versuch, ihn einfach rauszureißen, scheitert. Der Bergsteiger muss zur Säge greifen. „Es ist wichtig, dass die Wurzeln entfernt werden, sonst schlägt der Baum erneut aus“, sagt Ursula Hülsdell. Elfi Runkel beobachtet alles mit großem Interesse aus nächster Nähe.

Die Bergretter entfernen jedoch nicht nur den Wildwuchs, sie betätigen sich auch als Maurer. Mitarbeiter der Firma von Frank Zimmer, die nur einen Steinwurf entfernt den Kreuzgang der Liebfrauenkirche sanieren, stellen einen Eimer mit Mörtel zur Verfügung. Die Bergsteiger bessern damit sofort die Schadstellen aus. Und ihr Einsatz zahlt sich doppelt aus. Während der Klettertour entdecken sie im Dach eine undichte Stelle. Dort kann sich Wasser sammeln und ins Innere der Kirche einsickern. Ursula Hülsdell weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat: „Jetzt ist mir klar, woher der Nässefleck in der Barbara-Kapelle stammt. Die liegt nämlich genau unterhalb dieses Lochs.“

Bergwacht hilft ehrenamtlich

Ralf Scholz, Jens Wackernagel, Holger Müller und Uwe George freuen sich, dass sie der Kirchengemeinde unbürokratisch helfen können. „Wir machen das in unserer Freizeit und stellen der Gemeinde als Ehrenamtler den Einsatz nicht in Rechnung“, betont Ralf Scholz. So einem bedeutenden Bauwerk zu helfen, sei Ehrensache.

Das Team nutzt die Gelegenheit zugleich, um auf die Bergwacht aufmerksam zu machen. „Viele wissen gar nicht, dass es uns im Harz seit über 60 Jahren gibt“, so Jens Wackernagel. Und der Bergwacht gehe es wie vielen anderen Vereinen: der Nachwuchs fehle. Gut funktionierende Jugendarbeit gebe es derzeit nur in der Ortsgruppe Thale. Insgesamt 60 Aktive sichern den Dienst im Harz ab. Unterstützung sei jederzeit willkommen. „Interessenten dürfen nur keine Höhenangst haben, müssen gesundheitlich topp fit und teamfähig sein“, unterstreicht Uwe George.

Wer bei der Bergwacht Harz mitarbeiten möchte, kann sich per E-Mail unter info@bergwacht-halberstadt.de melden oder telefonisch unter (0152) 37 73 16 37.