Wettbewerb

Sachsen-Anhalts schönstes Fachwerkhaus steht in Halberstadt

Sandra und Michael Herrmann können es kaum fassen. Ihr Fachwerkgebäude „Zur Sonne“ in der Halberstädter Altstadt ist vom Landesinnungsverband des Maler- und Lackiererhandwerks Sachsen-Anhalts zum schönsten Haus gekürt worden.

Von Jörg Endries
Sandra und Michael Herrmann freuen sich über die Auszeichnung ihres sanierten Hauses "Zur Sonne-Weingalerie" in Halberstadts Gröperstraße.
Sandra und Michael Herrmann freuen sich über die Auszeichnung ihres sanierten Hauses "Zur Sonne-Weingalerie" in Halberstadts Gröperstraße. Foto: Jörg Endries

Halberstadt - In der Altstadt Halberstadts, genauer gesagt an der Gröperstraße, steht das derzeit schönste Haus Sachsen-Anhalts. Dafür votierte eine Jury des Landesinnungverbandes des Maler- und Lackiererhandwerks Sachsen-Anhalt. Das 2018 bis 2019 komplett und aufwendig sanierte Fachwerkhaus „Zur Sonne-Weingalerie“ gewann im Wettbewerb „Wir bringen Farbe ins Land“ gleich zwei von insgesamt vier Kategorien - einmal für die Fassadengestaltung an historischen und denkmalgeschützten Gebäuden sowie für die moderne und kreative Innenraumgestaltung.

„Der Malerfachbetrieb Schmidgunst & Herrmann hat an diesem Fachwerkhaus mit ausgesprochen hohem fachwerklichen Können und mit viel Liebe zum Detail ein Kleinod in Halberstadt wieder auferstehen lassen. In alten Gemäuern ein modernes Ambiente zaubern? Das Unternehmen hat diesen Spagat mit meisterlicher Bravour bestanden“, heißt es in der Begründung der Jury.

Bei den Hauseigentümern Sandra und Michael Herrmann ist die Freude groß. Vor Kurzem nahmen sie die Auszeichnung im Rathaus der Landeshauptstadt aus den Händen von Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) und dem Staatssekretär im Landesbauministerium Sebastian Putz (CDU) entgegen.

Stadtbild prägendes Haus in Zukunft gerettet

„Oberbürgermeister Daniel Szarata (CDU) hat bereits gratuliert und gleich gefragt, ob die Stadt mit der 'Sonne' im Internet für die Kreisstadt werben darf“, berichtet Michael Herrmann.

Michael Herrmann hat gleich zweimal Grund, die Sektkorken knallen zu lassen. Denn ausgezeichnet wurde die Firma Schmidgunst & Herrmann GmbH für die Gestaltung des alten Fachwerkensembles. Der Halberstädter ist Geschäftsführer des mittelständigen Unternehmens und gleichzeitig Eigentümer des Traditionshauses. „Hier hat das eine mit dem anderen jedoch nichts zu tun“, betont er. „Es ist purer Zufall, dass ich Chef des geehrten Unternehmens bin und mir und meiner Frau das Haus gehört.“

Die Konkurrenz sei sehr stark gewesen. Immerhin seien etwa 47 Objekte zum landesweiten Wettbewerb des Landesinnungsverbandes Sachsen-Anhalts gemeldet worden. Eine mit Fachleuten besetzte Jury reiste durch das Land und nahm die Objekt ekritisch unter die Lupe.

Denkmal war über 30 Jahre verwaist

Das ehemalige Gasthaus „Zur Sonne“ in der Gröperstraße besteht aus drei Gebäuden. Das älteste davon ist 1661 erbaut worden. Ab 1857 befand sich im Haus die Gaststätte „Prinz von Preußen“. Friedrich Hoffmeister betrieb den Gasthof von 1894 bis 1947. Dann passte der Name nicht mehr in die politische Landschaft. Das Haus wurde ins Hotel „Zur Sonne“ umbenannt. Seit Ende der 1980er Jahre war das Gebäude verwaist.

An eine Zukunft des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes glaubte nach über 30 Jahren Leerstand in Halberstadt kaum noch jemand. Das imposante Gebäude war heruntergekommen und marode, nur ein Schatten seiner selbst. Dreimal brannte es während des Leerstands.

Michael Herrmann war weit und breit der einzige Optimist. Wobei bei ihm mehr im Spiel war. Er verliebte sich in das Haus, kaufte die Ruine vor über sechs Jahren und entwickelte mit Fachleuten ein Sanierungskonzept.

Erst später merkte er, das er sich wohl auf das Abenteuer seines Lebens eingelassen hatte. Das Gebäude ist nach der Sanierung nicht nur von außen, sondern auch von innen nicht wiederzuerkennen. Detailverliebt ist das Fachwerk neu entstanden, am Giebel zur Ochsenkopfstraße sogar nach altem Vorbild mit Schnitzwerk. Hinter den alten Mauern ist allerdings ein komplett neues Haus entstanden. Wände, Treppen, Räume verschwanden im Laufe der Jahrzehnte. Letztendlich blieb eine nackte Holzkonstruktion übrig.

Wohnen und Gewerbe im historischen Gemäuer

„Das Holz war zum großen Teil nicht mehr zu verwenden und musste entfernt werden. Ein Schritt, der alle vorher geplanten Dimensionen und Vorstellungen zur ­Sanierung des Hauses sprengte – auch finanziell. Vom Keller bis ins Dachgeschoss ersetzte ein Betonbau die Holzkonstruktion. Wieviel Kubikmeter Beton vergossen wurden, daran kann sich der Bauherr nicht erinnern.

Allein 1.400 Tonnen eines Spezialstahls, der extra aus Indien eingeführt wurde, weil er in Europa nicht zu bekommen ist, kamen beim Bau zum Einsatz. Er sei notwendig gewesen, um die alte Hülle des Gebäudes sicher und fest mit dem Neubau innen zu verbinden. „Die Statik zwischen Rohbau und Fassade zu gewährleisten, war die größte Herausforderung“, betonte der Bauherr zur Fertigstellung des Hauses im Herbst 2019. Allein die Innenarbeiten hätten etwa eine Million Euro verschlungen. Insgesamt seien drei Millionen Euro in die Rettung der „Sonne“ investiert worden, davon 1,8 Millionen Euro Fördergeld.

Insgesamt sechs Zwei- und Vier-Raum-Wohnungen entstanden. Alle besitzen unterschiedliche Zuschnitte, vier einen Balkon. Ein Fahrstuhl erschließt das Denkmal vom Erd- bis ins Dachgeschoss barrierefrei. Großzügig sind auch die Gewerberäume im Erdgeschoss. Dort zogen ein Wein- und ein Innenausstattungs-Fachgeschäft ein, das Sandra Herrmann betreibt.

Zum Wettbewerb

Seit 1993 wird der Wettbewerb „Wir bringen Farbe ins Land“ für das Maler- und Lackiererhandwerk in Sachsen-Anhalt ausgerichtet. Ursprünglich war der Wettbewerb für moderne und denkmalgeschützte Fassaden konzipiert, heute sind es vier Kategorien (die Kategorien für Innenarbeiten modern und restaurativ wurden neu aufgenommen). Für die Malerbetriebe bietet der Wettbewerb die Möglichkeit, die Vielfältigkeit und auch die Kreativität eines Handwerksberufes öffentlichkeitswirksam zu zeigen und zu präsentieren. Insgesamt wurden bisher 2.418 Objekte von einer unabhängigen Jury bewertet und begutachtet.