Halberstadt l Einen fetten Strich durch die Rechnung des Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg und der Stadt Halberstadt zog die Corona-Pandemie. Eigentlich sollte kurz vor dem Weihnachtsfest der Stadt ein ganz besonderes Geschenk bereitet werden: die offizielle Übergabe des komplett sanierten Fachwerkhauses Grudenberg 8. Der Termin musste zwar ausfallen. Das ändert allerdings nichts am Fakt, dass das kostbare Haus fertiggestellt ist und das Stadtbild bereits bereichert. Insofern gibt es trotz Corona einen triftigen Grund zur Freude.

Immerhin handelt es sich um den ältesten erhaltenen Schulbau Halberstadts von 1697. Der Grudenberg 8 ist Teil des städtebaulich bedeutsamen Ensembles Hühnerbrücke 4 und Hühnerbrücke 2/3 und ein Einzeldenkmal, das am Grudenberg stadtbildprägend ist. Möglich wurde die Rettung des Hauses nur, weil es in Besitz der Kommune ist. Zur Nutzung sagt Rathaussprecherin Ute Huch, dass die Stadt es als Einfamilienhaus in der Altstadt vermieten möchte.

Sechs Jahre dauerte die aufwendige Rettung des Hauses unter Federführung des Deutschen Fachwerkzentrums Quedlinburg. Die Fachleute haben sich bereits mit der erfolgreichen Sanierung der benachbarten Hühnerbrücke 4, die sich ebenfalls einst in einem sehr schlechten Bauzustand befand, einen guten Namen gemacht.

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Geldgeber unterstützen Sanierung

Vor allem das nachhaltige Sanierungskonzept des Fachwerkszentrums sei ausschlaggebend dafür gewesen, dass die Quedlinburger mit der heiklen Aufgabe betreut wurden, bestätigt Ute Huch. Dazu gehört die ressourcenschonende und mit alten Handwerkstechniken erfolgte Sanierung.

Chemie, Zement und Co. sind im Portfolio der Fachleute nicht zu finden. Dafür unter anderem Lehm und Öko-Farbe, die selbst aus Kuhdung, Quark, Leinöl und Farbpigmenten gemixt wird. Außerdem vermittelt das Fachwerkzentrum durch den Einsatz von Studenten, Mitgliedern der Jugendbauhütte und Bundesfreiwillige Wissen, um Geschichte wieder erlebbar zu machen, betonte vor einigen Wochen Claudia Hennrich, Geschäftsführerin des Fachwerkzentrums.

Die Verwirklichung des nachhaltigen Konzepts ist allerdings kostenintensiv und daher nur umzusetzen, wenn engagierte und verlässliche Geldgeber dem Vorhaben zur Seite stehen. Immerhin kostete nach den letzten der Volksstimme vorliegenden Informationen die Sanierung des Grudenbergs 8 etwa 880 000 Euro. Großzügig flankiert wurden die Arbeiten von Beginn an von Fördergeldgebern. Gleich zum Auftakt des Rettungsprojekts war das die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mit rund 125 000 Euro. Kurz vor Sanierungsende folgten weitere 30 336 Euro für die Restaurierung der Innentüren und des Innenputzes. Zu den großzügigen Geldgebern gehörte aber auch das Land Sachsen-Anhalt.

Fenster sind noch Originale

Die im Gebäude installierten Fenster sind Originale aus den 1930/1950er Jahren, die vor Sanierungsbeginn geborgen und in mehreren Schritten aufwendig instandgesetzt wurden. Das ist ressourcenschonend – bei der Sanierung auf das vorhandene alte Baumaterial in den Gebäuden zurückzugreifen, um die Umwelt zu entlasten. Daher legt das Fachwerkzentrum großen Wert darauf, die alten Fenster und Türen nicht durch neue Replikate zu ersetzen, sondern aufzuarbeiten und anschließend erneut einzusetzen. Teils noch mit den Original-Scheiben. Schadhafte Hölzer schnitten die Mitarbeiter heraus und besserten die Stellen aus. Beim Streichen der Holzrahmen kam Bierlasur zum Einsatz, die aus Gerstensaft besteht und mit Farbpigmenten angereichert ist. Zur detailgetreuen Sanierung gehört, dass sogar die alten Beschläge aufgearbeitet werden.

Das die Sanierung überhaupt gelang, ist ein Wunder. Zum Start der Arbeiten präsentierte sich das Haus in einem katastrophalen und scheinbar hoffnungslosem baulichen Zustand. Jahrzehnte war es verwaist und dem Verfall preisgegeben. Nur das Dach ist Anfang der 1990er Jahre neu gedeckt worden. Sonst würde es diesen Schatz wohl schon lange nicht mehr geben.

Faulende Holzbalken, Spinnweben, bröselndes Mauerwerk, herausgeschlagene Fensterrahmen – das Fachwerkhaus Grudenberg 8 war nur noch ein Schatten seiner selbst. Außerdem litt die Holzkonstruktion unter extremem Hausschwammbefall. Der konnte unter Einsatz eines Heißluftverfahrens erfolgreich bekämpft werden. Das Fachwerk setzte eine Fachfirma instand.