Halberstadt l Einige Häuser in der Friedenstraße in Halberstadt befinden sich in einem traurigen Zustand. Leerstand hat Spuren hinterlassen (Volksstimme berichtete). Fassaden bröckeln, von den Dächern rutschen Ziegel herunter, große Löcher in der Dachhaut öffnen Wind und Wetter den Weg in die Gebäude, lassen sie verfallen. Es geht aber auch anders, wie unter anderem das Haus Friedenstraße 51 beweist. Es wird seit Monaten von Olaf Herbst herausgeputzt.

Acht Jahre hat der Halberstädter mit seiner Firma Herbst Plan-Consult GmbH dem Halberstädter Bahnhof die Treue gehalten. Ihn verband und verbindet viel mit dem Tor zur Stadt. Plan-Consult hat den vielbeachteten Um- beziehungsweise Neubau des wichtigen Verkehrsknotenpunktes betreut. Nach Fertigstellung bezog sein Unternehmen die obere Etage. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge bricht der Halberstädter am Bahnhof für eine neue Liebe seine Zelte ab. Für die Frieden­straße 51. Eine herrschaftliche, unter Denkmalschutz stehende Villa hat es dem Halberstädter angetan, damit hat er auch seine Familie infiziert.

Eindrucksvolle Villen

Steingewordene Geschichte – das sind die eindrucksvollen Villen, die sich um den Käthe-Kollwitz-Platz in Halberstadt gruppieren und in angrenzenden Straßen das Bild bestimmen. Industrielle, Kaufleute und Ärzte haben sich dort vor mehr als 100 Jahren ihren Traum vom Eigenheim erfüllt. Alle eint ein Fakt: beim Bau wurde mit Geld nicht gekleckert, sondern geklotzt. Viele Häuser sind nach 1989 aufwendig saniert worden, einige warten noch da­rauf. Die Friedenstraße 51 ist in den zurückliegenden Monaten von ihrem neuen Besitzer Olaf Herbst herausgeputzt worden. Unterstützt von Sohn Bastian und Schwiegertochter Anne, mit dem der Halberstädter das Architektur- und Planungsbüro Herbst Plan-Consult GmbH betreibt.

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Stolze 580 Quadratmeter Wohn­fläche umschließen die attraktiven Mauern – genug Platz zum Leben. Familie Herbst hat einen anderen Plan für das Haus. Ihr Unternehmen wird in den kommenden Tagen dort das neue Domizil beziehen. Auf fast 500 Quadratmetern übernehmen die zehn Mitarbeiter und zwei Studenten vom Kellergeschoss bis ins erste Geschoss die Regie über das Gebäude. Nur unterm Dach bleibt auf 85 Quadratmetern Platz für eine Mietwohnung.

„Das Haus atmet Geschichte, es ist wunderschön“, ist Olaf Herbst begeistert. Im November letzten Jahres habe er das Angebot für die zum Verkauf stehende Villa bekommen und nicht lange überlegt. 14 Tage später war der Vertrag unterzeichnet. In den zurückliegenden Monaten haben Handwerker alle Hände voll zu tun gehabt. Die Fassade hat eine neue Farbgebung erhalten. „Innen sind wir sehr behutsam vorgegangen. Vieles bleibt so´, wie es die Erbauer des Hauses, eine jüdische Kaufmanns­familie, vor 106 Jahren geplant hat. Die Villa ist von 1910 bis 1912 errichtet worden.

Zimmer mit Originalparkett

Olaf Herbst ist vom guten Erhaltungszustand angetan. Viele Zimmer sind noch mit dem Originalparkett, Möbeln, Deckenbalken, Marmor-Kamin und Wandvertäfelungen ausgestattet. Sogar der Fahrstuhl, mit dem damals das Essen von der Küche im Kellergeschoss in die oberen Etagen transportiert wurde, ist vorhanden. Ebenso wie die klug durchdachten Wandschränke in den ehemaligen Schlafzimmern. „Darüber bin ich erstaunt. Obwohl das Haus nach 1945 bis 1999 im städtischen Besitz ständig zur Betreuung von Kindern genutzt wurde.“ Abgesehen von kleinen Gebrauchsspuren, die Olaf Herbst auch nicht wegretuschieren will, weil sie zur Geschichte der Villa gehören, ist alles tipptopp. Das sei auch dem Vorbesitzer, einem Bauingenieur, zu verdanken. „Zu einem Oldtimer gehört nun mal ­Patina.“ Doch das 21. Jahrhundert gehört ebenfalls zur Geschichte des Hauses, und auch das spiegelt sich nach dem behutsamen Umbau in einigen Räumen wider. Vieles ist jedoch raffiniert versteckt worden, wie zum Beispiel die 1250 Meter Datenkabel, die das Unternehmen für die Arbeitsplätze und den Hochleistungsserver im Haus benötigt. „Wir haben dafür unter anderem die alten, nicht mehr in Betrieb befindlichen Kaminschächte genutzt“, berichtet Olaf Herbst.

Zur modernen Seite der 106-Jährigen gehören aber auch eine moderne Brandmelde- und Sicherheitsanlage mit Videoüberwachung. „Es ist viel Holz im Haus verbaut, da ist Brandschutz wichtig“, sagt Olaf Herbst. Und mit Langfingern hat er bereits Bekanntschaft gemacht. Vor Kurzem haben die die alten Kupfer-Dachrinnen des Hauses gestohlen.