Halberstadt l Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Geschäftsführer Ronald Krahl erläutert, aber nur die zwei direkt neben ihm Stehenden können folgen. Also unterbricht der gebürtig aus Thale stammende und 2013 von Aachen nach Halberstadt gewechselte Geschäftsführer der VIS GmbH und geleitet die Gäste vor die Tür. Natürlich lässt er genügend Zeit, damit man den Blick schweifen lassen kann über große Stahlrahmen, auf Laufkatzen, Schweißerarbeitsplätze, die durch schwarze Schutzmatten voneinander getrennt sind. In den so entstehenden variablen Kojen stehen Männer in Schutzkleidung und belüfteten Helmen. Die sorgen anders als die früher üblichen Schweißermasken nicht nur für einen Schutz der Augen. Ein Stück weiter wird mit Druckluft gearbeitet, es kracht, dröhnt und scheppert gewaltig. Die Mitarbeiter tragen nicht umsonst Gehörschutz.

Rohbauhalle am lautesten

In der Rohbauhalle ist es am lautesten, auch wenn es in den anderen Werkshallen nicht gerade leise zugeht. Wo mit Stahl gearbeitet wird, tonnenschwere Elemente bewegt werden müssen oder komplette Züge rollen, kann es auch nicht leise sein.

24 Sommerabenteurer werfen am Mittwoch einen Blick in die Hallen der VIS GmbH Halberstadt. Das mittelständische Unternehmen der Zeppenfeld-Gruppe setzt die traditionsreiche Geschichte des einstigen RAW Halberstadt fort. Im Reichsbahnausbesserungswerk wurde nämlich ebenfalls nicht nur ausgebessert, sondern auch neu gebaut. Und das tut die VIS GmbH nun wieder.

Bilder

Rund 200 Mitarbeiter

Der Neubau von Zugwagen ist ein Standbein für das Unternehmen, das turbulente Zeiten hinter sich hat und einmal schon fast vor der Insolvenz stand. Doch mittlerweile zeigt die Kurve wieder deutlich nach oben, rund 200 Mitarbeiter feiern heute gemeinsam mit Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) nicht nur das 15-jährige Bestehen der Firma, sondern auch einen Vertrag, der Arbeit für die nächsten 15 Jahre sichert.

Ronald Krahl führt eine Abenteurergruppe, die andere leitet Hans Hill durch die Hallen. In denen hängen Heizkörper unter der Decke, die im Winter für Wärme sorgen. Reinhard Suttner und Matthias Jäger blicken nach oben und müssen schmunzeln. Beide waren vor Jahren in der Instandsetzungsabteilung des RAW tätig, das dann Spezialwerk Fahrzeugbau Halberstadt hieß und schließlich 2002 von der Unternehmerfamilie Zeppenfeld übernommen wurde. Während es Reinhard Suttner bis zur Rente im Werk geschafft hat, musste Matthias Jäger 2005 bei einer der großen Entlassungswellen gehen. Doch nun wollen beide nochmal einen Blick in die Hallen werfen, ebenso wie Peter Onderka.

Kunden aus ganz Deutschland

Zum Fachsimpeln haben ehemalige Kollegen, denen sie auf dem Rundgang begegnen, keine Zeit. Überall wird geschraubt, geschweißt, gehämmert, geprüft, getestet. Neben dem Neubau von Zugwagen ist die Instandsetzung ein weiteres wichtiges Standbein des Unternehmens in Halberstadts Osten. Für Kunden aus ganz Deutschland werden Straßenbahnen, U-Bahn-Züge, Dieseltriebfahrzeuge und solche mit Elektroantrieb entrostet, neu lackiert, komplett überholt oder nach Unfällen wieder in Ordnung gebracht. Es gibt riesige Mess-Stationen, an denen geprüft wird, wieweit sich die Waggonwände im Laufe der Jahre oder durch einen Crash verdreht haben. Jede Nacht werden die Züge des Harz-Elbe-Express‘ überprüft, Reparaturen vorgenommen. Einmal in der Woche fahren die blau-gelben Züge durch die Waschanlage der VIS GmbH. Getankt werden kann hier ebenfalls, berichtet Ronald Krahl.

Arbeitsgruben und Dachstände

Das Unternehmen erledigt die per Gesetz vorgeschriebenen Hauptuntersuchungen bei Zügen, setzt Drehgestelle instand. Auch für die Harzer Schmalspurbahnen und Straßenbahnen, die eine andere Spurweite als Eisenbahnzüge haben. Aber darauf hat VIS reagiert, in den Hallen gibt es Arbeitsgruben, über denen Züge mit der Meterspur aufgebockt sind. Weil es nötig war, wurde eine andere Arbeitsgrube verlängert, sodass nun auch ein 60 Meter langer Zug darüber Platz findet und die Mitarbeiter den Zug von unten in Augenschein nehmen können. An anderer Stelle stehen die Dachstände, von denen die Oberseite der Wagen inspiziert werden kann.

Beim Rundgang erfahren die Sommerabenteurer, was ein Powerpack ist, was ein Triebdrehgestell von einem Laufdrehgestell unterscheidet, warum man Stahlkies in großen Kisten am Zug benötigt und welchem Zweck die kleineren Sandkästen dienen.

Wasserdichte Wände

Sie lernen, dass man irgendwann in der Zugbaubranche begonnen hatte, Carbonmischgewebe auf Stahlgerippe aufzubringen und die leichteren Wandelemente miteinander zu verkleben. Möglichst wasserdicht sollten die Wände werden. Inzwischen weiß man, dass das nie hundertprozentig funktioniert, allein durch die Einstiege gelangt Feuchtigkeit in die Wagen und kann zwischen den Baugruppen nicht ablaufen. Das Wasser steht dann in den Wänden, lässt die Stahlstreben rosten. Auch das kann die VIS GmbH reparieren.

Zwischen den graublauen Hallen steht eine elektrisch betriebene Schiebebühne, mit der die Züge von einem Hallenplatz zum nächsten gebracht werden können, wenn nicht die firmeneigenen, extra an unterschiedliche Zugtypen anpassbare Transportdrehgestelle dafür genutzt werden.

Tausende Ersatzteile

Tausende Ersatzteile, endlose Reihen von Kabeltrommeln, Halterungen für Glasscheiben und Türelemente – es gibt viel zu sehen in den Hallen, auch Erinnerungen an die lange Geschichte des Fahrzeugbaus in Halberstadt. Ältere Aufschriften auf den Schaltschränken zum Beispiel. Das Unternehmen nutzt Vorhandenes, entwickelt Neues, setzt hochmoderne Technik ein, wo es sinnvoll ist. Zum Beispiel Ultraschallmessgeräte oder Laserschneider. Und VIS bildet aus. Jedes Jahr können sieben Jugendliche einen Beruf erlernen. Schließlich arbeiten hier Schlosser, Tischler, Elektriker, Mechatroniker, Lackierer, Maschinenbauer, Schweißer, Kaufleute zusammen.

Mehr Bilder vom Sommerabenteuer finden Sie im Internet unter volksstimme.de/VIS-17