Halberstadt l Es ist ein Kampf um die Köpfe, das weiß Ulrich Kasten. Ebenso, wie schwer es ist, gegen die Ordnungsliebe vieler Menschen zu argumentieren. Das erlebt er im eigenen Umfeld. Als er die Thujahecke (Lebensbaum) an der Grundstücksgrenze fällte und stattdessen heimische Laubgehölze anpflanzte, wusste er, das gibt Diskussionen mit den Nachbarn. Denn die heimischen Hölzer, so gewählt, dass von Frühjahr bis Spätsommer Blüten in der Hecke Insekten Nahrung bieten, wachsen nicht als gleichmäßige grüne Mauer. „Schneiden sollte man solche Hecken nicht vor Mitte Juli, weil manche Vogelarten zweimal brüten“, sagt Kasten, der sich im Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) engagiert. Aber er entschied sich für die Laubgehölze, auch, weil Thujahecken die Bodenfauna negativ beeinflussten. „Da finden Sie keinen einzigen Regenwurm mehr.“

Dass das öffentliche Bewusstsein für die Menschen gemachte Beschleunigung des Klimawandels wächst, sieht Kasten als Chance, auch die Halberstädter zu mehr Engagement in Sachen Klimaschutz zu motivieren. Dabei hat Kasten die Vorgärten im Blick und den aktuellen Trend, diese mit möglichst wenig Grün, dafür mit Marmorkies und Co. zu gestalten. „Wasser kann schlecht versickern, irgendwann sprießt doch Grün zwischen den Kieseln, was mit Chemie totgespritzt wird. Insekten finden keine Nahrung, Vögel auch nicht, dazu kommt, dass sich die Flächen extrem aufheizen“, sagt Kasten. Und sogar trockene, warme Flächen liebende Tieren siedelten sich in solchen „lebensfeindlichen Steinwüsten“, nicht an, weil es kaum Unterschlupf gibt und auch die Verbindung zu gewachsenem Boden nicht mehr besteht. „Irgendwas müssen ja auch Eidechsen fressen.“

Satzung der Stadt gefordert

Ein mögliches Instrument für mehr Grün und kleine Biotope in der Stadt, sieht Kasten in Satzungen von Seiten der Stadt. So könnte in den örtlichen Gestaltungsvorschriften für Eigenheimgebiete das Anlegen solcher Steinwüsten verboten werden, regt Kasten an.

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Stadtplanerin Siegrun Ruprecht findet es gut, dass auch in Halberstadt ein öffentlicher Diskurs zu Vorgärten geführt wird, wie sie auf Nachfrage sagt. „Ich werde in letzter Zeit häufiger von Bürgern auf die sogenannten ,Steinreichen‘ angesprochen. In unseren Gestaltungsvorschriften spielten diese allerdings noch keine Rolle, da diese Mode erst vor Kurzem in unserer Stadt angekommen ist – seitdem haben wir noch kein Wohngebiet entwickelt.“

Fakt sei jedoch, so Ruprecht, dass die steinernen Vorgärten „eine Wirkung wie Kachelöfen entfalten“. Da sie zudem meistens mit einer Versiegelung verbunden seien, wirke ein Starkregen besonders „effektiv“. Heißt, es rauscht noch mehr Wasser über die versiegelten Flächen, versickert nicht, sondern erhöht die Überschwemmungsgefahr auch abseits von Bächen und Flüssen.

Bislang kein Klimaschutzmanager

„Bei unserem nächsten Bebauungsplan versuchen wir eine Regelung dazu zu finden“, sagt Ruprecht. Denn das Thema gewinne an Bedeutung, gerade mit Blick auf den Klimaschutz und ein angenehmes Lebensumfeld in der Stadt.

Die Stadtverwaltung hat keinen Klimaschutzmanager, dessen Aufgabe es sein könnte, Ideen zum Klimaschutz und zur Klimafolgenanpassung zu entwickeln und an der Umsetzung zu arbeiten – was bedeutet, dass es keine geplanten Kontrollen vonseiten der Stadt gibt, ob bestehende Gestaltungsvorschriften in den Baugebieten eingehalten werden. Denn bereits jetzt gibt es die Maßgabe, möglichst heimische Laubgehölze zu pflanzen.

Klimaschutz, das zeigen aktuelle Debatten, ist ein Thema, das viele ältere Menschen nicht interessiert – sie müssen ja kaum mit den Folgen klar kommen. Wobei, die Zunahme an Extremwetterlagen ist schon jetzt spürbar.

Gartentipps anno 1913

Interessant ist, dass die Gestaltung von Vorgärten übrigens kein Thema ist, dass erst jetzt aufs Tableau kommt. In einem „Gartenbuch für Anfänger“, das im Jahr 1913 bereits in zehnter Auflage erschien, gibt es ein Kapitel „Der städtische Vorgarten“. Dort kritisiert der Autor Johannes Böttner, dass die in neuen Stadtteilen oft baupolizeilich vorgeschriebenen Streifen zwischen Haus und Straße „mit wenig Liebe behandelt“ würden. Dabei ließen sich auch kleine Flächen gärtnerisch abwechslungsreich gestalten.

„Und ökologisch“, sagt Ulrich Kasten. Mehr Grün helfe, Feuchtigkeit im Boden zu halten, und dank der Beschattung der Flächen die Temperaturen in der Stadt etwas herunter zu regeln. „Leider pflanzen viele Eigenheimbauer ja keinen an den jeweiligen Standort angepasste Hausbaum mehr.“ Auch Fassadenbegrünungen seien in Städten durchaus sinnvoll, regt Kasten an.

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