Halberstadt l Am Anfang steht Mut. Mut zum Widerstand. Drei Worte sind es, die nicht bsonders mutig klingen: Reko statt Abriss. Doch Rekonstruktion statt Abriss zu fordern, war vor 30 Jahren keine Nebensächlichkeit. Es war Auflehnung gegen die politisch Herrschenden. Noch existiert die DDR, noch funktioniert das System aus Repressalien, Leugnung, Überheblichkeit. Alte Fachwerkhäuser stehen zudem nicht weit oben auf der Beliebtheitsskala der Wohnungssuchenden in Halberstadt Ende der 1980er Jahre. Klo auf dem Hof, kein Bad – das will keiner mehr.

Reko statt Abriss

Und doch, Reko statt Abriss. Es sind ein paar Halberstädter, die sich zu wehren beginnen. Ihre Stadt hat soviel Gesicht verloren seit dem verheerenden Bombenangriff, der 80 Prozent des Stadtzentrums hinwegfegte. Bagger fressen die Reste der alten Schönheit, die Altstadt hat im Januar 1989 bereits viel von ihrem Charme verloren. Zugemauerte Straßenzüge, verrottende Fachwerkhäuser, eingestürzte Mauern.

Im Winter 1989 wird Halberstadt zu einem Geheimtipp der morbiden Art. Aus Niedersachsen, Hessen, Bayern kommen sie, um den Verfall einer Stadt zu sehen. Da hatten es die Mutigen geschafft, auch die Bequemen zu mobilisieren. Sie gingen auf die Straße, angstzitternd zu Beginn, dann in machtvollen Demonstrationen. In der Masse, die durch die Straßen ziehen, zieht immer noch Angst mit, aber sie wird kleiner, das Aufbegehren gegen die geistige Enge, die Gängelung wird am Ende einen Staat hinwegfegen.

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Das Ende der Deutschen Demokratischen Republik, es beginnt auch in Halberstadt mit dem Mut einiger Weniger. Einiger Weniger, die nicht mehr hinnehmen wollen, dass die Zeugnisse der langen Geschichte dieser Stadt einfach von Baggern platt gemacht werden.

Marktflecken wird Bischofsitz

Schon im 9. Jahrhundert beginnt Halberstadt wichtig zu werden, wichtig nicht nur für das direkte Umland, sondern für den mitteldeutschen Raum. Der Marktflecken wird Bischofssitz. Die Bischöfe von Halberstadt residieren hier mehr als acht Jahrhunderte, die Stadt wird geistlicher und politischer Mittelpunkt, entwickelt sich über die Zeit zu einem kulturellen und auch ökonomischen Zentrum, wird verkehrstechnischer Mittelpunkt des nördlichen Harzvorlandes und für mehr als 300 Jahre auch eine Stadt mit wichtiger militärischer Tradition. Bedeutung und Reichtum der Stadt prägen auch deren Gesicht, beeindruckende Sakralbauten und die großflächige geschlossene Fachwerkbebauung des späten Mittelalters dokumentieren diese Bedeutung bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Stadt verliert ihr Gesicht – und bewah

Das 20. Jahrhundert wird eines sein, das die Stadt innerhalb kürzester Zeit extrem verändert. Sie verliert ihr Gesicht. Und bewahrt es.

Der Mut der Wenigen trägt Früchte. Mit dem Jahr 1990 beginnt der Kampf der Halberstädter um ihre Stadt erste sichtbare Erfolge hervorzubringen. Zwar kommt die Niedersachsenhilfe erste später als in anderen Orten der Region und erst nach persönlichen Bemühungen, aber sie kommt. Mit Dachziegeln für die Altstadt. Mit erstem Geld für die Sanierung. Das Kuratorium Stadtkultur wird im März 1990 gegründet, am 19. März wird es als erster Verein eingetragen beim Amtsgericht. Damals noch als Kuratorium Sanierungsfonds. Den vorhandenen Verwaltungsstrukturen misstrauten die Geldgeber aus dem Nachbarland, technische und finanzielle Organisation der Niedersachsenhilfe übernahm das Kuratorium als unabhängiges Gremium. Es sollte nicht lange dauern, da hieß es Kuratorium Stadtentwicklung. Dass es nun den Namen Kuratorium Stadtkultur trägt, ist auch ein Zeichen des anstrengenden, aber erfolgreichen Wegs, den die Einwohner Halberstadt seit 1989 gehen.

Erhalt der Strukturen

Mit der politischen Wende 1989 begann das Engagement für den Erhalt der historischen Stadtstrukturen Früchte zu tragen, 1990 nahm der Einsatz Fahrt auf, 1991 gelang es, dass Halberstadt als fünfte Stadt in das Bundesmodellprojekt zur Stadtsanierung aufgenommen wurde. Nach der Niedersachsenhilfe ist es die Niedersächsische Landesentwicklungsgesellschaft (Nileg), von der Stadtverwaltung treuhänderisch mit der Stadtentwicklung beauftragt, die mit Wissen, Kontakten und Verwaltungserfahrung die Halberstädter im Kampf um ihre Stadt unterstützt.

Ein Kampf, der mit Gold gekrönt wird. Halberstadt ist sowohl für die „beispielhafte Stadtsanierung“ als auch für die „herausragende Gestaltung seiner Stadtmitte“ jeweils mit einer Goldplakette des Bundesbauministeriums ausgezeichnet worden, 1994 und 2002.

Wiederaufbau wird zum Erfolg

Dahinter stehen heftige Debatten in der Stadt über die richtigen Wege, ein Sanierungsgebiet wird ausgewiesen, 91 Hektar umfasst es mittlerweile. Der Neubebauung des leeren Stadtzentrums geht ein heftiges Ringen zwischen Stadtrat und Stadtverwaltung voraus, es führt zu einem beispiellosen Erfolg in der Stadtgeschichte, ja bundesweit. Der Wiederaufbau des Stadtzentrums bis 1998 gilt in der gesamten Bundesrepublik als einmalig.

Bis heute sind über 400 Millionen Euro investiert worden im Sanierungsgebiet, viel Geld aus den Töpfen der Europäischen Union, des Bundes, des Landes, der Stadt und unzähliger Privatleute. Jeder Euro Fördergeld, heißt es, zog bis in die 2000er Jahre hinein das Fünffache an privaten Investitionen nach sich.

Entwicklung hört nie auf

Wer durch Halberstadt geht, kann ihn immer noch finden, den morbiden Charme verfallender Häuser. Längst ist nicht jede Wunde, die Krieg, Vernachlässigung und Flächenabriss schlug, verheilt. Die wirtschaftlichen Folgen der Wende haben neue Wunden geschlagen, die gerade erst zu verheilen beginnen. Die Zeiten mit Arbeitslosigkeitsquoten von über 20 Prozent sind vorbei, aber viele junge Menschen kehrten der geschundenen Stadt damals den Rücken. Die fehlenden Einwohner sind eine neue Herausforderung an die Mutigen in Halberstadt. Sie mussten wieder abreißen, neue Brachen schaffen, die nicht alle wieder bebaut werden müssen, aber zu gestalten sind. Es gibt pfiffige Ideen dafür, die leeren Flächen waren gar Thema einer Internationalen Bauausstellung. Und sie zeigen sichtbar, das Stadtentwicklung etwas ist, das nie aufhört.

Die Mutigen von damals, sie haben eine Schönheit wiederbelebt, in irrsinnig kurzer Zeit. Sie haben Mitstreiter gefunden, verschüttetes Selbstbewusstsein freigelegt. Erfolg gibt Zuversicht und Vertrauen in die eigene Kraft, bestärkt. Stolz können sie sein, die Halberstädter auf ihre Stadt. Die wird weiter mutige Menschen brauchen, die den Staffelstab übernehmen, Ideen entwickeln, mit Leidenschaft kämpfen, sich von Schwierigkeiten nicht abschrecken lassen. Stolz ohne Überheblichkeit trägt weit, strahlt aus, hält auch die Narben im Gesicht aus. Das ist Schönheit.