Halberstadt l Sie haben die alten Drehgestelle wieder hervorgeholt. Dieter Meyer löst Schrauben, Stangen, Federn und Teile der elektrischen Bremsen. „Wir arbeiten die Drehgestelle auf, weil wir unsere GT4-Züge jetzt im Dauerbetrieb haben und wir so bei den Wartungen schneller sind“, erklärt Claudia Stein. Die Chefin der Halberstädter Verkehrsgesellschaft HVG ist froh, dass viele Arbeiten in der eigenen Werkstatt erledigt werden können. Nur die neuen Räder aufzupressen, das kann nicht vor Ort gemacht werden, da hilft ein Hallenser Unternehmen.

Die aktuellen Arbeiten sind dem schweren Straßenbahnunfall vom 22. September geschuldet. Denn aufgrund des Zusammenstoßes sind zwei der fünf Leoliner, also der modernen Straßenbahnzüge, aktuell nicht mehr fahrtauglich. Sie sollen bei der VIS GmbH in Halberstadt repariert werden. Dass ein Halberstädter Unternehmen das beste Angebot abgab, sei schön, sagt Stein. VIS habe als Reparaturdauer ein halbes Jahr angegeben. „Das ist schnell, ich plane eher mit einem Dreivierteljahr“, sagt die diplomierte Verkehrswirtschaftlerin, „denn wir wissen nicht, wie lange Ersatzteillieferungen dauern und ob es nicht noch verdeckte Schäden gibt, die man von außen nicht sehen kann.“ Vor dem Sommer, so die HVG-Geschäftsführerin, rechne sie nicht mit dem Einsatz der reparierten Bahnen.

Irritationen wegen Ersatzverkehrs

Für den normalen Einsatzbetrieb hat der Unfall vom September weitreichende Folgen. Denn auch wenn zwei der alten „Freiburger“ oder „Stuttgarter“, wie die GT4-Züge wegen ihrer früheren Einsatzorte heißen, die Fahrten der kaputten Bahnen übernehmen, ist der Betrieb eingeschränkt. Normalerweise waren die grünen Bahnen nämlich im Einsatz, wenn die Leoliner in der turnusmäßigen Wartung waren. Da die GT4-Züge nun im Regelbetrieb verkehren, müssen für diese Wartungstage nun Busse Schienenersatzverkehr auf der Linie 1 und 2 fahren. Das heißt, sie übernehmen bestimmte Einsatzzeiten, sodass mal ein Bus und mal eine Straßenbahn auf der Strecke unterwegs ist.

Das sorgt für Irritationen, denn an den Haltestellen Herbingstraße, Beckerstraße oder an der Heinrich-Julius-Straße kann der Bus die regulären Bahnhalte nicht ansteuern. Hat dann ein Fahrgast den Hinweis auf dem Fahrplanaushang nicht gesehen, verpasst er den an anderer Stelle stehenden Bus.

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Es gab diesbezüglich Anfragen im Stadtrat. Marlies Jehrke von der Linksfraktion machte während der Oktobersitzung des Rates auf das Problem aufmerksam. „Wir haben reagiert“, sagt Claudia Stein, „die Wartung findet jetzt immer nur mittwochs und donnerstags statt, dann ist klar, wann Schienenersatz fährt. Und wir werden mit Aufstellern an den betreffenden Haltestellen auf den Ersatzverkehr und die betroffenen Fahrzeiten hinweisen.“ Das ist zum Beispiel auch an der Haltestelle Heinrich-Julius-Straße wichtig. Vor allem in Fahrtrichtung Holzmarkt, denn der Bus fährt den Halt in der Spiegelstaße an, was von der Straßenbahnhaltestelle nicht gesehen werden kann.

Umgerüstet wird in der Werkstatt der HVG auch ein dritter GT4-Zug. Der muss ebenfalls wieder fit gemacht werden für den Dauerbetrieb, was unter anderem den Einbau eines Fahrkartenautomaten beinhaltet. „Die Kollegen haben die Automaten aus den Leolinern ausgebaut und ein Gestell angefertigt, um ihn in der alten Bahn installieren zu können“, berichtet Claudia Stein. Die Fahrgäste sollen ihre Tickets ziehen können und nicht beim Fahrer kaufen müssen. „Der Fahrerverkauf birgt ja auch immer die Gefahr von Verspätungen in sich“, erklärt Stein.

Einnahmeausfälle

Dabei sei man bemüht, den 15-Minuten-Takt zu halten, der ist schließlich vertraglich zugesichert und auch Teil des übergeordneten Nahverkehrsplans des Kreises. Ob das wirtschaftlich zu halten ist – sei angesichts der Einnahmeausfälle fraglich.

Denn die Fahrgastzahlen sind in Corona-Zeiten deutlich gesunken. Bund und Länder haben Hilfe für die öffentlichen Verkehrsbetriebe angekündigt, Claudia Stein hat die Unterstützung bereits beantragt. Auf mehr als 200.000 Euro, so die Schätzung, belaufe sich der Einnahmeausfall aus den Fahrgasterlösen in diesem Jahr. „Wir müssen den Ausfällen die Rücklagen, beziehungsweise Ersparnisse, gegenrechnen.“ Als Beispiel nennt Stein die gesparten Stromkosten, wenn weniger Bahnen fahren. So, wie es beim ausgedünnten Fahrplan im April und Mai der Fall gewesen sei. Die geschlossenen Schulen, Läden und Betriebe habe die HVG sofort zu spüren bekommen. „Im April hatten wir 80 Prozent weniger Fahrgäste als im Vorjahr“, sagt die HVG-Chefin. Auch Mai und Juni seien „furchtbar“ gewesen. „Im September lagen wir endlich wieder besser, aber auch nur bei 83 Prozent im Vergleich zum September 2019.“ Für den November hat Stein mit 80 Prozent des Vorjahres-Fahrgastaufkommens gerechnet. Sollten die Schulen wieder schließen, dann wird es noch heftiger. „Spitz abgerechnet wird nächstes Jahr – ich hoffe, dass alle Ausfälle ausgeglichen werden.“

Hoffnung auf Dezember

Noch, sagt Stein, habe sie die Hoffnung nicht ganz verloren, dass es im Dezember ein bisschen besser wird. Hat die HVG mit der Tourist-Information doch besondere Angebote geplant, zum Beispiel Glühweinfahrten. Auch die vom „Halberstädter Hof“ angebotenen Funkenrutschertouren waren sehr gut angenommen worden. „Schade, es sind so schöne Dinge, die uns jetzt wieder wegbrechen“, so die Geschäftsführerin.