Halberstadt l „Groß war die Überraschung für Ulrich Nitsch, Inhaber der Halberstädter Würstchen-und Konservenfabrik GmbH & Co. KG, als Oberbürgermeister Andreas Henke ihm die Verdienstmedaille der Stadt überreichte und ihn darum bat, sich in das Goldene Buch der Stadt einzutragen“, berichtet Ute Huch, Sprecherin der Stadtverwaltung. Eigentlich waren der Oberbürgermeister und sein Wirtschaftsförderer Thomas Rimpler am Dienstag im Unternehmen, um dem geschäftsführenden Gesellschafter der Halberstädter Traditionsfirma zum 80. Geburtstag zu gratulieren, den er am 3. Oktober begangen hatte. „Das war aber nur einer der Gründe des Besuches, von denen Ulrich Nitsch Kenntnis hatte“, so Huch .

Oberbürgermeister Andreas Henke (Die Linke) habe bei der Auszeichnung daran erinnert, dass der Betrieb nach der Wende faktisch schon aufgegeben worden war. Ulrich Nitsch habe als Unternehmer das Risiko auf sich genommen und die Halberstädter Würstchen- und Konservenfabrik übernommen. Am 1. April 1992 kaufte er das Unternehmen und führte die Marke erfolgreich in die Marktwirtschaft und damit in die Zukunft. Millionenschwere Investitionen waren erforderlich.

„Es ist ihm zu verdanken, dass das Traditionsunternehmen im November dieses Jahres sein 135-jähriges Bestehen feiern kann“, lobte Henke den Mut und das Durchsetzungsvermögen des Unternehmers aus Niedersachsen. Ihm sei es auch zu verdanken, dass heute knapp 190 Mitarbeiter im Unternehmen beschäftigt sind und Ausbildungsplätze gesichert werden konnten. Nicht zu vergessen sei das Engagement auf dem touristischen Sektor mit dem am Markt etablierten Wellnesshotel „Villa Heine“.

In Halberstadt wohlgefühlt

Ulrich Nitsch sei sichtlich überrascht gewesen über die Auszeichnung mit der Verdienstmedaille der Stadt Halberstadt. Er habe Halberstadt in guter Erinnerung, weil er sich „hier immer wohlgefühlt habe und immer wohlfühle“, habe der Unternehmer gesagt, berichtet Ute Huch. Er habe immer das Gefühl gehabt, dass ihm die Halberstädter Bevölkerung sehr zugetan war. „Ich habe mich hier zu Hause gefühlt. Halberstadt ist ein Ort, den ich nicht vergessen werde“, zitiert die Stadtsprecherin den 80-Jährigen, der jetzt nur noch selten im Unternehmen ist, da ja die Geschäftsführung nun schon seit einigen Jahren in den Händen seiner Kinder liegt und der Senior seinen Lebensmittelpunkt in Niedersachsen hat.

Dass der Fleischermeister aus Lehrte überhaupt in Kontakt mit der 1883 von dem in der Börde geborenen Friedrich Heine gegründeten Firma kam, ist dem Halberstädter Karlheinz Krone zu verdanken. Er hatte Anfang der 1990er Jahre die „Operation Wurst für den Westen“ gestartet und 1992 gut 30 Investoren überredet, Halberstadt zu besuchen. „Abreißen“, sagten 29 Westdeutsche. Einer packte die Aufgabe an und investierte kräftig – Ulrich Nitsch. Dafür gab es für Nitsch vor einigen Jahren das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Traditionsbewusstsein

Als Investor mag Ulrich Nitsch nicht bezeichnet werden, das klingt für ihn zu sehr nach knallhartem Gewinnstreben. Natürlich muss ein Unternehmen Gewinn erwirtschaften, will es bestehen, aber wichtig sind dem gelernten Metzger Qualität und Geschmack. Eine Haltung, die heute nicht unbedingt weit verbreitet ist auf dem hart umkämpften Lebensmittelmarkt.

Deshalb setzt der in Ostpreußen geborene Familienvater auf einen Produktmix, in dem die traditionell im über 100 Jahre alten Kamin geräucherten Würstchen einen Spitzenplatz einnehmen. Die schmecken anders als die industriell geräucherten Würstchen und sind deshalb mittlerweile auch eine europaweit mit geografischer Herkunftsangabe geschützte Marke.

Sein Engagement für das 1992 vor der Liquidation stehende Unternehmen, das 1913 als „größtes Fleischverarbeitungswerk Europas“ gefeiert worden war, erklärt Nitsch auch mit seiner Biografie. Im Zweiten Weltkrieg floh seine Familie aus Ostpreußen und erlebte in Nordhausen den Bombenangriff mit. Dass in einer ebenso geschundenen Stadt ein Unternehmen geschlossen werden sollte, „das zwei Weltkriege und die Enteignung überstanden hat“, wollte er nicht hinnehmen. Die Bilanz – ein gutes Vierteljahrhundert und Investitionen von rund 40 Millionen Euro später – kann sich sehen lassen.

Im Gesamtunternehmen der Halberstädter Würstchen und Konservenfabrik GmbH sind heute etwa 190 Mitarbeiter beschäftigt, die Produktpalette umfasst rund 80 Erzeugnisse, zu denen neben den weltbekannten Würstchen auch Suppen, Fertiggerichte, vegetarische Produkte und sogar schweinefleischfreie Erzeugnisse gehören. Mittlerweile haben Tochter Silke Erdmann-Nitsch und Sohn Stefan Nitsch die Geschäftsführung übernommen, worauf der traditionsbewusste Senior-Chef stolz ist.