Halberstadt l Mike Brand aus Halberstadt ist genervt – er sieht rot. Und das ist wortwörtlich zu nehmen. Der Taxi-Unternehmer verdient praktisch auf den Straßen der Kreisstadt seinen Lebens­unterhalt. Daher ist er auf ein funktionierendes Verkehrsleitsystem angewiesen. Kunden schnell und sicher von A nach B zu transportieren, ist sein Anspruch. Die Ampeln in der Kreisstadt würden ihm jedoch ständig einen Strich durch die Rechnung machen. „Darüber beschweren sich auch meine Fahrgäste immer wieder“, berichtet er.

„An roten Ampeln zu stehen, ist in Halberstadt leider nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Das ist zum Haare raufen. Wozu hat die Stadt vor Jahren für viel Geld einen ­neuen Verkehrsrechner gekauft? Spürbar besser ist seitdem nichts geworden“, kritisiert der Taxi-Fahrer. Der Halberstädter ist seit über acht Jahren selbstständiger Taxi-Fahrer und absolviert nach eigenen Angaben pro Jahr zwischen 60.000 und 70.000 Kilometer. Also darf man ihm wohl unterstellen, dass er sich ein Urteil darüber erlauben kann, ob das Verkehrsleitsystem in Halberstadt in der Praxis funktioniert oder nicht.

Selbst die Minimal-Variante, die eigentlich Standard sein sollte – zumindest auf den vielbefahrenen Hauptverkehrsstraßen mit einer grünen Welle für ein zügiges Vorankommen zu sorgen – sei nicht gewährleistet, urteilt Mike Brand. „Dass man an einer ampel­geregelten Kreuzung länger auf grünes Licht warten muss, wenn ich von einer Nebenstraße komme, sehe ich noch ein. Allerdings nicht, dass man auf den Bundesstraßen in der Ortslage fast nur Rot sieht und an jeder Kreuzung anhalten muss.“ Selbst Straßenbahnen und Busse, die vorrangig an Kreuzungen grünes Licht bekommen, würden laut Mike Brand oft an den Kreuzungen vor roten Ampeln stehen. In anderen Städten würde das viel besser funktionieren. „Warum nicht in Halberstadt?“

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Rückstau durch kurze Grünphasen

Der Unternehmer benennt weitere Schwachpunkte. Am Heine-Platz würden viel zu kurze Grünphasen dafür sorgen, dass nur wenige Fahrzeuge über die vielbefahrene Kreuzung kommen. Dadurch bildet sich auf den ­Straßen ein Rückstau. Verrückt sei auch, dass die Ampel an der Kreuzung Richard-Wagner-Straße/Gerichtsstraße in Richtung Bahnhof beim Heranfahren plötzlich von Grün auf Rot springt, den Verkehr ausbremst, um eine Sekunde später wieder auf Grün zu wechseln. In der entgegengesetzten Fahrtrichtung sei das nicht der Fall. „Fußgänger müssen dort ebenfalls lange auf Grün warten“, ergänzt der Berufskraftfahrer.

Genauso unverständlich sei, dass in der Nacht oder an den verkehrsarmen Sonntagen die Ampeln in Betrieb sind. Unter anderem sei das nachts am Hohen Weg, in der Schmiedestraße, am Holzmarkt und am Fünfeck der Fall. „Auf den ­Straßen ist zu diesen Zeiten nichts los, sie sind leergefegt. Jeder Verkehrsteilnehmer kann doch Verkehrsschilder interpretieren. Ampeln benötigt zu diesen Zeiten niemand. Die bremsen nur wieder aus“, schimpft Mike Brand.

In der Stadtverwaltung Halberstadt würde man daran arbeiten, die Schwächen des Verkehrsrechners zu beseitigen, sagt Rathaussprecherin Ute Huch. „Allerdings sorgen die vielen Baustellen auf den Hauptverkehrsstraßen der Kreisstadt dafür, dass der Verkehrsrechner in den zurückliegenden Jahren nicht seine volle Funktionstüchtigkeit erlangt hat.“ Zu den konkreten Vorwürfen, die Mike Brand aufzählt, könne die Stadtverwaltung derzeit nichts sagen. Das sei erst im Januar 2019 möglich.

Rechner kostet 23.800 Europ pro Jahr

„Dass der Rechner seit vier Jahren nicht funktioniert, kann nicht nur an Baustellen liegen“, stellt Mike Brand fest. In der Kritik steht das 191.000 Euro teure und jährlich 23.800 Euro Unterhaltungskosten verursachende Elektronengehirn, das in Halberstadt den Verkehrsfluss regeln soll, vom ersten Tag seiner Installation an. Pleiten, Pech und Pannen sind an der Tagesordnung.

 Immer wieder gab es Verständigungsprobleme zwischen Rechner und Ampeln, weil diese mit alten Steuergeräten ausgerüstet sind oder waren. Außerdem gab es Probleme beim An- und Abmelden der Straßenbahn an den Ampelkreuzungen. Die Bahnen melden sich an den Kreuzungen über Funk an und erhalten vorrangig grünes Licht. Das Signal zum Abmelden ist ausgeblieben. Resultat: Der Verkehr auf der Straße sieht Dauer-Rot.