Harzer Wanderkaiser

Wanderabenteuer von klein auf

Schauen hat seit Kurzem zwei Kaiser – Harzer Wanderkaiser. Das Besondere: Sie sind erst acht und elf Jahre alt.

Von Mario Heinicke
Sie können stolz auf ihre  Leistung sein: Die jungen Harzer Wanderkaiser Ben und Carolin Krüger haben alle 222 Harzer Stempelstellen erwandert, auch an der Regensteinmühle  bei  Blankenburg.
Sie können stolz auf ihre Leistung sein: Die jungen Harzer Wanderkaiser Ben und Carolin Krüger haben alle 222 Harzer Stempelstellen erwandert, auch an der Regensteinmühle bei Blankenburg. Foto: Krüger

Schauen - „So jung schon Wanderkaiser, das ist ganz selten.“ Diese anerkennenden Worte für die Geschwister Ben (8) und Carolin (11) Krüger kamen im Volksstimme-Gespräch von Klaus Dumeier. Der Blankenburger ist der Chef der Harzer Wandernadel und weiß am besten, was es heißt, 222 Stempelstellen im Harz zu erwandern. „Das sind tausend Wanderkilometer.“

Fünf Jahre haben die Schauener Geschwister dafür benötigt. Natürlich nicht allein, sondern mit ihren Eltern Ina und Thomas Krüger sowie – nicht zu vergessen – ihrem treuen Begleiter Charly, den jetzt zehnjährigen Boxerrüden.

Mit den Kindern kürzere Tagestouren

Ben, heute Drittklässler, war erst drei Jahre alt, als das Wanderabenteuer begann. Und er musste, mit seinen damals noch kurzen Beinen, von den Eltern anfangs ab und an getragen werden. Die ersten Jahre, berichtete Ina Krüger, habe sich die Familie zunächst die im Norden des Harzes und damit nahe an Schauen liegenden Wanderstempelkästen als Ziele ausgesucht. Nicht mehr als zehn Kilometer Wegstrecke pro Tour.

Auf die Idee gekommen waren Krügers schon 2014, als sie mit der Dampflok zum Brocken gefahren waren und die vielen Wanderer sahen. 2015 wurden die Stempelhefte besorgt, nur für die Kinder. Die Eltern sind ohne Stempelheft gewandert und wollten erst, wenn die Hefte der Kinder voll sind, in die „Jagd“ nach den Stempeln einsteigen. Inzwischen haben auch sie eigene Stempelabdrucke im Heft, und die Kinder nehmen schon den zweiten Anlauf.

„Vom Harz“, erzählte Thomas Krüger, „kennen die meisten ja nur den Brocken, Thale mit dem Hexentanzplatz und die Rappbodetalsperre.“ Bei ihnen sei es früher genauso gewesen, als Kinder seien die heutigen Eltern nur selten in den Harz kommen. Umso beeindruckender sei es, die Vielfalt des Harzes kennenzulernen, die sich durch das Wandern zu den Stempelstellen erschließen lässt.

Und die Schauener lernten die große Ausdehnung des Harzes kennen. Denn die Stempelstellen reichen von Sangerhausen im Osten bis Seesen im Westen und Nordhausen im Süden. Um die Fahrstunden im Auto zu reduzieren, haben sie auch den einen oder anderen Kurzurlaub im Süd- und Oberharz eingelegt.

Aber ist das Wandern für Kinder nicht langweilig? Ben und Carolin schüttelten den Kopf. „Man kann unterwegs gut für die Schule lernen“, sagte die Elfjährige, die in die sechste Klasse am Fallstein-Gymnasium geht. Gedichte zum Beispiel oder Lieder. Auch andere Lernfächer. Und Ben unterhielt sich gern mit Ratespielen und lernte so ganz nebenbei das Zählen und die ersten Buchstaben. „Wenn wir von der Wanderung nach Hause gekommen sind, waren die Kinder fertig mit Lernen“, sagte Ina Krüger augenzwinkernd.

Begeistert von Bisongehege und Sandsteinhöhlen

Viele schöne Erinnerungen, Erlebnisse und Aussichten verbindet Familie Krüger mit den Touren durch den Harz. Für Carolin war das Bisongehege in Stangerode ein Höhepunkt, für Ben sind die Sandsteinhöhlen bei Blankenburg ein Lieblingsort geworden. Orte, wie Ina Krüger anmerkte, die sie ohne die Harzer Wandernadel wohl nie entdeckt hätten.

Wobei sie hinzufügt, dass die Touren nie in Stress ausgeartet seien. Wenn etwa auf der Burg Falkenstein ein Fest war, habe man sich auch dafür Zeit genommen. Die allerlängste Wandertour sei 18 Kilometer lang gewesen. Nicht viel für Wanderkaiser.

Letztendlich bieten die Wanderungen an den Wochenenden eine schöne Gelegenheit, als Familie zusammen zu sein, berichteten die Eltern. „Wir haben Zeit für die Kinder. Sie sind nach den Wanderungen ausgeglichen.“ Was gerade in den Monaten des coronabedingten Homeschoolings doppelt zählte. „Die Kinder können ja sonst nirgendwohin. Alles ist geschlossen.“

Der letzte Stempel an derHanskühnenburg

Den 222. und damit letzten Wanderstempel holten sich Krügers übrigens an der Hanskühnenburg im Westharz. Darauf wurde gleich vor Ort mit Bier beziehungsweise Fassbrause angestoßen. Kurz darauf haben die Kinder ihren verdienten Lorbeer geerntet mit ihrer schmucken Anstecknadel und der Urkunde, die sie als Harzer Wanderkaiser Nummer 7635 und 7636 sowie die kaiserlichen Namen Ben II. und Carolin II. ausweist.

Die Harzer Wandernadel ist eine Erfolgsgeschichte, die 2006 ihren Anfang nahm. Unter den aktuell 7648 Wanderkaisern, so schätzt Christina Grompe aus dem Wandernadel-Servicebüro, hätten das erst etwa 50 Kinder bis zum Alter von Ben geschafft.

In den Anfangsjahren, berichtete sie, seien es vor allem Ältere gewesen, die die Wanderschuhe geschnürt hätten. Das habe sich geändert, „wir haben ganz viele Jüngere ab 40 Jahre“.

Und man habe die Erfahrung gemacht, wer schon als Kind mitwandert, fange auch später als Erwachsener wieder an.