Halberstadt l Das diesjährige Weihnachtskonzert der Kantorei Halberstadt in der Moritzkirche bewies, dass nicht immer und nur ausschließlich das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach in festlichen Aufführungen erklingen muss. Eine wunderbare Ergänzung bot die Weihnachtsgeschichte op. 10 von Hugo Distler, aus der die Variationen über das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ musiziert wurden. Eine Melodie, die nicht zufällig zu den am weitesten verbreiteten Weihnachtsliedern der Gegenwart gehört.

Musik aus drei Jahrhunderten

Das zugrundeliegende Kirchenlied von Michael Praetorius, das in sechsmaliger feinsinniger Veränderung die Weihnachtsgeschichte durchzieht, beeindruckte durch seinen verhalten-innigen Ton und weckte die Aufmerksamkeit des hoch konzentrierten Publikums auf weitere Kompositionen von Hugo Distler (1908 bis 1942). Und auch Domkantor Claus-Erhard Heinrich legte dieses Lied seiner Hommage an Distler I und II zugrunde.

Mit der Uraufführung dieser Komposition hatten die Zuhörer das besondere Glück, am zweiten Adventssonntag weihnachtliche Kirchenmusik aus drei Jahrhunderten zu genießen. Kompositionen, die so kunstvoll miteinander verflochten wurden, dass sie trotz unterschiedlicher musikalischer Gestaltungsmittel die Ereignisse von der Geburt Christi, von der Verkündigung bis zum Lobgesang der Hirten chronologisch erzählten.

Leipzig zu Gast in Halberstadt

So war es sicherlich auch nicht zufällig, dass dem Erzähler/Evangelisten dem Alt, „der für die Stimme des Glaubens und der Kirche steht“, eine besondere dramaturgische Rolle zukam. Die Altpartien wurden von Susanne Krumbiegel (Leipzig) mit ihrer warmen Stimme und ihrem Einfühlungsvermögen eindrucksvoll, mit großer innerer Beteiligung ausgefüllt. Weiter waren zu hören die Sopranistin Luise Kramer, der Tenor Patrick Grahl und der Bass Dirk Schmidt (alle Leipzig). Auch sie ließen keine Wünsche offen. Natürlichkeit wurde ergänzt durch ausgezeichnete Stimmkultur und authentische Gestaltung der Arien.

Patrick Grahl steht als ehemaliger Thomaner in der Bachschen Tradition. In der Moritzkirche präsentierte sich nicht nur der Sänger, hier präsentierte sich ein wahrhafter Evangelist/Erzähler. Auch Bassist Dirk Schmidt profilierte sich mit einer tiefgrundierten, beherrscht geführten Stimme ausgezeichnet. Eine nicht ganz einfache Situation für Luise Kramer. Die junge Sopranistin meisterte mit Bravour die Herausforderung, an der Seite erfahrener Solisten ein Konzert zu gestalten.

Oratorium begeistert Publikum

Diese waren nachdrücklich festzustellen bei den Ausschnitten aus der Weihnachtsgeschichte von Distler, die vierstimmig und a cappella zu singen waren. Erstklassig unterstützt wurden Solisten und Chor vom Sächsischen Barockorchester mit seinen historischen Instrumenten und der wunderbaren Konzertmeisterin Katharina Arendt. Sie sagte am Rande des Konzertes, dass die musikalische Vielfalt des Konzertes auch für die Orchestermusiker sehr interessant gewesen sei.

Nachdem der letzte Ton verklungen war, herrschte zunächst Schweigen im Kirchenraum. Die suggestive Wirkung der adventlich-weihnachtlichen Musik und deren biblische Gliederung mussten erst einmal verarbeitet werden. Einige Minuten später zollte das Publikum den Solisten, den Sängern, dem Sächsischen Barockorchesters und insbesondere Domkantor Claus-Erhard Heinrich langen und respektvollen Beifall für das etwas andere weihnachtliche Konzert. Im Mittelpunkt der Anerkennung nach dem Konzert stand Domkantor Claus-Erhard Heinrich für die Uraufführung seiner Hommage an Distler.

Das „Weihnachtsoratorium im neuem Licht“ wird in den Zuhörern nachklingen und die Adventszeit mit seinem Glanz erhellen.