Drehort Napola

Wigald Boning jagt Geschichte im Harz

An vergessenen Orten spüren Wigald Boning und Friedrich Meinecke für eine Doku Geschichten auf. Ihr erster Dreh führt sie nach Ballenstedt.

Von Sandra Reulecke

Ballenstedt l Wigald Boning steht auf der Bühne. Um ihn herum wuseln Kameraleute und Tonassistenten. An sich ist das nichts Ungewöhnliches. Ist der Komiker doch durch Fernsehproduktionen bekannt geworden. Mit Komik hat der aktuelle Drehort jedoch nichts zu tun. Das Bauwerk gehört im Gegenteil zu einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Das Set befindet sich in der Aula der ehemaligen Nationalpolitischen Erziehungsanstalt, kurz Napola genannt, in Ballenstedt. Dort wurden vor mehr als 70 Jahren Eliteschüler zum „nationalsozialistischen Führernachwuchs“ ausgebildet. Kaum war der Zweite Weltkrieg vorbei, zog die nächste Ideologie ein: Das Anwesen wurde als SED-Parteischule genutzt.

Wie passt nun Ulk-Nudel Wigald Boning an diesen Ort? „Ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, ob ich als Komiker vor der Kamera stehe oder nicht. Ich bin einfach so, wie ich bin“, sagt der Adolf-Grimme-Preis-Träger achselzuckend. Das Interesse für Geschichte und Outdoor-Aktivitäten wie Zelten mache ihn ebenso aus, wie sein Humor.

Für das neue Fernseh-Format „Wigald & Fritz – Die Geschichtsjäger“ steht ersteres im Fokus. Ausgestattet mit großem Rucksack, Stirnlampe, Stiefeln und Klettergeschirr erkundet Boning fast vergessene, mittlerweile verwilderte Orte. Episoden sind geplant in Tschernobyl (Ukraine), in der ehemaligen Heeresversuchsanstalt Peenemünde in Mecklenburg-Vorpommern und im ehemaligen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen in Berlin.

Immer an Bonings Seite ist Friedrich „Fritz“ Meinecke. Der 26-Jährige ist nicht nur Medienproduzent, sondern auch ein Abenteuer, der sich mit dem Überleben in der Wildnis und dem Verhalten in bröckelnden Gemäuern auskennt. Die beiden Protagonisten wurden von der Produktionsfirma zusammengeführt und freuen sich auf die gemeinsamen Entdeckungsreisen.

„Ich finde es großartig, jetzt beruflich die Orte zu sehen, an die ich privat schon immer wollte, aber nie hindurfte“, schwärmt Wigald Boning. Solche gibt es im Harz. „Als Nordlicht habe ich mit meinen Eltern Reisen in den Westharz unternommen“, berichtet der Moderator, der in Wildeshausen bei Oldenburg geboren wurde. „Der Brocken war für mich immer nur der hohe Berg in der Ferne, auf den man nicht gehen durfte.“ Mittlerweile sei er zwar schon in Quedlinburg gewesen, doch noch nie auf der höchsten Erhebung Norddeutschlands. „Aber es steht auf meiner Will-ich-im-Leben-noch-machen-Liste“, versichert der 49-Jährige und lacht.

So ganz ernst kann er eben nicht sein. Das zeigt sich schon an seiner „Wander-Kleidung“: rotes Hemd, marineblaue Jacke, türkisfarbene Pluderhose, bunt gepunktete Socken darüber gezogen. „Auch wenn die Geschichte eine Ernste ist, findet sich doch etwas Ulkiges an dem Ort – und wenn es die Formen der Tannen sind“, sagt er und zeigt auf die ausladenden Grünpflanzen, die zu DDR-Zeiten auf den ehemaligen Exerzierplatz gesetzt wurden.

Die Anlage, die nur etwa einen Kilometer von Ballenstedt entfernt ist, wirkt trotz verriegelter Fenster und einsturzgefährdeter Gänge fast idyllisch in der Frühlingssonne. Von Abenteuer und Gefahr kann nur schwerlich die Rede sein.

Was reizt dann Friedrich Meinecke an der Napola in Ballenstedt? Schließlich hat er sich als sogenannter Urban Explorer (englischer Begriff für Hobby-Erforscher von Einrichtungen des städtischen, ungenutzten Raums wie Industrieruinen und Kanalisationen) auf der Internetplattform YouTube einen Namen gemacht? „Mir geht es darum, wie interessant die Orte sind, nicht darum wie schwer man sie erreicht“, erläutert er. „Es gibt Plätze, die zwar gefährlich sind, aber auch langweilig.“ Als gebürtiger Magdeburger hat er zudem einen persönlichen Bezug zum Harz.

Die beiden „Geschichtenjäger“ hatten bei der Auswahl der „Lost places“ (englisch für verlorene Plätze) Mitspracherecht. „Es fallen mir sofort unzählige dieser Orte ein“, berichtet Friedrich Meinecke. Privat hat er schon einige aufgesucht. „Mit einem Fernseh-Team an der Seite ist das allerdings etwas ganz anderes. Man benötigt eine Drehgenehmigung und die erhält man oft nicht“, berichtet der Wahl-Berliner.

Dies sei insbesondere der Fall, wenn der Ort mit einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte in Verbindung stehe, bestätigt Nicolas Finke vom Sender History. „Uns geht es in der Produktion aber nicht darum, Skandale aufzuwühlen, sondern darum die Geschichten der Orte zu erzählen – aus neuen Perspektiven, mit kritischem Anstrich und aus Sicht von Zeitzeugen.“

Was Zeitzeugen über ihre Erlebnisse in der Napola in Ballenstedt berichten, gibt es ab November auf dem Bezahlsender History zu sehen. Die Napola wird in einer 30-minütigen Episode der sechsteiligen Doku-Reihe „Wigald & Fritz – Die Geschichtsjäger“ thematisiert.

Einen – kostenlosen – Blick hinter die Kulissen gibt es unter www.history.de/geschichtsjaeger