Haldensleben l „Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mir Arbeitsschutzschuhe gekauft. Und dort in der Ecke steht schon mein neues Arbeitsfahrzeug“, sagt Ulrich Hauer und zeigt auf ein Lastenfahrrad mit integrierter Transportbox vorne. Säge, Sense, Rechen und andere Arbeitsgeräte kann der 63-Jährige damit transportieren. „Am Mittwoch geht es offiziell los, da trete ich meinen Dienst an“, erzählt Ulrich Hauer mit einem Lächeln. Dabei ist der heutige Dienstag eigentlich der letzte Tag seines Arbeitslebens.

Wie aber passen diese Fakten zusammen?

Ganz von vorn: Ulrich Hauer ist gelernter Elektriker. Dazu ließ sich der Hundisburger, der seinen Heimatort nie verließ, in seiner Jugend ausbilden. Als Betriebselektriker des damaligen Kreiskrankenhauses in Haldensleben nahm er vor 40 Jahren an einem Betriebsausflug teil. Besucht wurde das Haldensleber Museum. Dort sah er einen Aushang: „Technischer Assistent gesucht“. Nach einem Gespräch mit der früheren Museumsleiterin Sieglinde Bandoly stand fest: Ulrich Hauer bekommt den Job. „So war das damals. Ich hatte zwar kein Studium in Geschichte oder ähnlichem absolviert, aber habe mich damals schon für etliches interessiert“, erzählt Ulrich Hauer.

So wurde er Museumsmitarbeiter mit Leib und Seele und schloss bald auch ein Fachschulfernstudium zum Restaurator für archäologische Ausgrabungen ab. Nicht nur die Archäologie ist Ulrich Hauers Steckenpferd, auch interessierte und belas er sich schon immer in einer Vielzahl von Sachgebieten wie Naturbeobachtungen, Vogelkunde und Geschichte. Seit seinem Arbeitsbeginn im Haldensleber Museum im Jahr 1977 brachte er deshalb auch unheimlich viele Projekte und Ausstellungen mit auf den Weg. So wurde auf seine Initiative beispielsweise im Jahr 1988 das Schulmuseum in Hundisburg gegründet, das noch heute eine Außenstelle des Haldensleber Museums ist.

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Museum mit Schwerpunkten

Als Ulrich Hauer bereits 20 Jahre im Museum gearbeitet hatte, ging Leiterin Sieglinde Bandoly in Rente. Ihre Stelle wurde intern ausgeschrieben und jeder Bewerber musste sich mit einem eigenen Konzept zum Fortgang des Museums vorstellen. „Wir hatten damals von allem ein bisschen“, erinnert sich Ulrich Hauer daran, wie die Einrichtung zu der Zeit aufgestellt war. So habe das Haldensleber Museum eine Naturkunde-Ausstellung besessen, einen Geologie-Bereich und auch eine Bauernstube. Es sei ein typisches Heimatmuseum gewesen – von allem war ein bisschen dabei, so erzählt Ulrich Hauer.

Er entschied, sich auf besondere Schwerpunkte zu konzentrieren. So griff er die Grimm-Ausstellung als besonderes Merkmal des Haldensleber Museums heraus und beschränkte die Dauerausstellung weiterhin auf die Biedermeier-Zeit – darin inbegriffen sind die Geschichten der Haldensleber Unternehmerfamilien Uffrecht und Nathusius. „Wir konnten allerdings auch die Ur- und Frühgeschichte nicht außer Acht lassen“, nennt Ulrich Hauer den dritten Schwerpunkt der Dauerausstellung. Weil Haldensleben in der historischen Quadratmeile von archäologischen Denkmalen wie den Großsteingräbern liege, sei dieses Thema unumgänglich für die Museumsarbeit gewesen.

Mit seinem Konzept punktete Ulrich Hauer damals und wurde neuer Leiter des Kreismuseums.

20 Jahre lang leitete Ulrich Hauer das Haldensleber Museum und erinnert sich an einzelne Arbeiten, Projekte, Ausstellungen und Veranstaltungen noch genau. Den Haldenslebern war der Mann mit den langen Haaren und dem weißen Bart bekannt, für sie war er eng mit dem Museum verknüpft.

Und obwohl auch Hauer selbst gerne an seinen insgesamt 40 Jahre dauernden Dienst im Museum zurückdenkt, möchte er vor allem in die Zukunft schauen. Denn heute ist sein letzter offizieller Arbeitstag vor dem Ruhestand. Wer Ulrich Hauer aber kennt, der weiß, dass er als Rentner die Beine nicht hochlegen wird.

Für seinen neuen Lebensabschnitt hat er sich viel vorgenommen. „An erster Stelle steht natürlich meine Familie“, erzählt der Hundisburger, der seine Frau ab sofort zuhause mehr entlasten möchte. „Aber auf die Nerven will ich ihr auch nicht gehen“, sagt er mit einem Schmunzeln. Deshalb stehe das Schulmuseum in Hundisburg gleich an zweiter Stelle. Weil Ulrich Hauer nicht weit davon entfernt wohnt, ist es auch seine Telefonnummer, die Interessenten für Führungen wählen können. Außerdem gehört Ulrich Hauer der Garten, der an die Schule grenzt. Auch dieser nimmt viel Zeit in Anspruch.

Barrierefreie Kulturdenkmäler

Das Hauptprojekt in Ulrich Hauers Ruhestand wird allerdings ein anderes sein. „Ich möchte unsere archäologischen Kulturdenkmale barrierefrei gestalten“, erläutert der Hundisburger. Die Landschaft westlich von Hundisburg hat verschiedene Sehenswürdigkeiten – den Galgenberg, die Ruine Nordhusen und verschiedene Großsteingräber wie die Teufelsküche. Diese müssten nicht nur von Wildwuchs freigehalten werden, um sie ganzjährig für Besucher zugänglich zu machen, sondern sollen laut Hauer auch Wege erhalten, die beispielsweise Rollstuhlfahrern das hautnahe Erlebnis erlauben.

Dafür holt Ulrich Hauer nun noch letzte Absprachen mit den jeweils zuständigen Behörden ein. Beim Hundisburger Ortsbürgermeister hat er sich aber schon für den offiziellen Dienst ab morgen angemeldet. Deshalb also Arbeitsschuhe, Sense und Säge. Und weil Ulrich Hauer keine Sache nur so halb macht, hat er für seinen neuen Lebensabschnitt auch gleich ein neues Aussehen gewählt. Der Bart, den er seit jungen Jahren trägt, ist ab. „Jetzt fängt eben ein neuer Abschnitt an. Und bevor ich irgendwann im Altenheim bin und mir irgendjemand den Bart abschneidet, mache ich das lieber selbst“, begründet er lächelnd.

Verloren gehen wird Ulrich Hauer den Haldenslebern jedenfalls nicht so schnell. Neben seiner Arbeit im Schulmuseum möchte er nämlich auch an den Kulturdenkmälern, die er ab jetzt täglich pflegt, Führungen anbieten.