Weferlingen l Der Charme eines typischen DDR-Saals lastet noch auf ihm, doch mit den bespannten Wänden und dunklen Decken ist es trotz der Leere vor der Leinwand auch irgendwie gemütlich. Da stehen noch ein rustikaler Liegestuhl, ein alter Clubtisch, ein Holzstuhl, eine Vitrine und eine kleine, abgedeckte Orgel auf der Bühne. Die Kinosessel fehlen, sind aber auf der Empore eingelagert.

Das alte Weferlinger Kino in der Friedrichstraße gehört seit dem vergangenen Jahr Bozji Racic, der eher durch Zufall als durch Absicht zu dem leerstehenden Objekt in Weferlingen gekommen ist.

„Ich bin zufällig auf die Auktion aufmerksam geworden und hätte nicht gedacht, dass es überhaupt klappen würde“, erzählt der Rentner, der in Helmstedt und Kroatien zu Hause ist und mehrmals im Jahr zwischen den Orten pendelt. Es habe noch drei, vier weitere Bieter gegeben, die für die Auktion am 19. September in Berlin Gebote abgegeben hatten. Das Mindestgebot von 1000 Euro war damit nicht mehr zu halten. Er habe mehr ausgegeben als er wollte, versichert Bozji Racic, ohne jedoch konkreter werden zu wollen. Seine Frau Inge war gar keine Freundin seines Vorhabens. Noch mehr Arbeit habe er sich damit aufgehuckt, doch für Bozji Racic ist so ein Vorhaben eine Herausforderung, sie weckt seine Abenteuerlust.

Bilder

Wochen sei er damit beschäftigt gewesen, das Objekt zu entmüllen und zu entkernen, dabei traten einige der schon aufgezählten Schätze zutage. Die Umrisse der Theke sind noch zu sehen. „Die steht jetzt in der Feuerwehr“, hat man ihm erzählt. Immer wieder, wenn die Türen offen standen, kamen Weferlinger herein, um mit ihm ins Gespräch zu kommen, ihm zu erzählen wie sie hier in ihrer Jugendzeit das Kino besucht hatten, den ersten Kuss, die erste Liebe erfahren hatten, erzählt Bozji Racic schmunzelnd. Das Interesse der Einwohner sei auf jeden Fall vorhanden, denn immer wieder wurde er auch nach den Plänen für das Haus gefragt.

Projektoren aus Ungarn

Hinter der Empore finden sich im Vorführraum noch die Vorführapparate. Der letzte Film, es soll „Die junge Lady Chatterley“ gewesen sein, lieft Ende 1990 in der da gerade frisch renovierten Kinobar. Seitdem schweigen die Projektoren ungarischer Bauart. Ob sie noch funktionieren? Bozji Racic hat es nicht ausprobiert, doch die Apparate sehen aus, als müssten sie nur angeworfen werden. Alles steht - wenn auch etwas angestaubt - noch an seinem Platz.

Weitere Räume im Obergeschoss mögen mal Büro- und Wohnräume gewesen sein, ein Landschaftsgemälde hängt an einer Wand, Mantel und Jacken in einem Schrank. Hier hat bestimmt mal der Archivar des Esperanto-Bundes übernachtet, vermutet Bozji Racic. Denn bevor das ehemalige Kino an den Kroaten verkauft wurde, waren hierin etliche Jahre Dokumente und Unterlagen des deutschen Esperanto-Bundes untergebracht gewesen. Nach einem Feuer am Standort des Archivs in Berlin hatte Johann Pachter als dessen Verwalter alle geretteten Objekte nach Weferlingen verfrachtet und hier eingelagert. Ein großer Verpackungskarton im Großbildformat lehnt in einer Ecke und erinnert noch daran.

Bozji Racic packt die Plakate darin aus. Auf großen Pappkarton-Hintergründen kleben Erinnerungen an Esperanto-Treffen deutschland- und weltweit von vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Zu Zeiten des Nationalsozialismus war Esperanto verboten, da ruhte das gesellschaftliche Leben des Bundes.

Geschlechtergetrennte Toi-letten sind vorhanden, das Wasser ist aber vorsorglich abgestellt. Auch die alten Heizungs-, Sanitär- und Elektroinstallationen müssten erneuert werden, doch Bozji Racic sieht schon vor sich, was aus dem 240-Quadratmeter-Grundstück mit der doppelten Nutzfläche gemacht werden könnte.

Und was soll nun aus dem verwunschenen Objekt in der Friedrichstraße werden? „Ich habe in der vergangenen Woche draußen ein Zu-vermieten-Schild aufgehängt“, sagt der Gebäudeeigentümer.

Er hat die Vision einer kulturellen Stätte für Weferlingen und Umgebung, ein Kommunikations- und Treffpunkt. Gut könnte er sich wieder eine Theke vorstellen - mit Bar- oder Gaststättenbetrieb sogar, denn davon könnten Weferlingen und das Umland profitieren. Er selbst könnte diese Aufgabe nicht stemmen, da er mehrere Monate im Jahr in Kroatien weilt. Aber jemand aus der Region mit einem Blick auf die Chance, die sich hier bieten könnte, auf das Romantische und die gute Lage könne sicher etwas daraus machen.

Kontakt zum Besitzer: Telefon 0178/271 44 57