Seehausen l Aufgeweckt krabbelt Emilia durch die Wohnung. Seit 13 Monaten ist sie auf der Welt, nun räumt sie fleißig alle Taschen und Körbe aus, die sie finden kann. Doch vor einigen Wochen ging es ihr schlecht. Sie fieberte. Für Mutter Isabell Schulze erst einmal nichts Ungewöhnliches. Doch als Emilias Haut einen Ausschlag zeigte, machte sie sich Sorgen. Der Albtraum begann.

An einem Samstagmorgen entschied Isabell Schulze, ihre Tochter von einem Arzt untersuchen zu lassen. Doch wohin? In Seehausen, etwa zwölf Kilometer entfernt von Wanzleben, ist der nächste Kinderarzt ebenso weit weg. Doch die Praxen waren am Wochenende geschlossen. Die 27-Jährige besitzt kein Auto. Die Situation wurde brenzlig. „Ich rief meine Familie und Freunde an und fragte, ob uns jemand nach Magdeburg fahren kann“, erinnert sich Isabell Schulze.

Rückblick: Bis April 2016 gab es einen Bereitschaftsdienst für Kinderheilkunde, der für den Altkreis Haldensleben zuständig war. Das bestätigt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA). Dann habe laut KVSA jedoch die Zahl der Kinderärzte nicht mehr ausgereicht, um einen solchen Notdienst zu stemmen. Seither müssen junge Patienten in Not nach Magdeburg, Gardelegen oder sogar Wolfsburg ausweichen – für Isabell Schulze ohne Fahrzeug und Führerschein eine Unmöglichkeit.

Ärztesuche per Telefon

Die Mutter suchte weiter nach Hilfe. Sie rief beim kassenärztlichen Notdienst an. Sie hatte Hoffnung, einen Arzt zu finden, der die Reise nach Seehausen antreten könne. Fehlanzeige. „Man sagte mir, es sei nur ein Allgemeinmediziner vor Ort, der nicht für ein Kind zuständig ist“, erzählt sie. Der Ausschlag ihrer Tochter wurde schlimmer, das Fieber hörte nicht auf. Was nun?

Um solche Krisensituationen zu vermeiden, wurde Anfang Mai eine Petition gestartet. Initiatorin ist die Haldensleberin Katharina Zacharias, die ebenfalls mit ihrem Kind eine Pilgerreise unternehmen musste, um es ärztlich behandeln zu lassen. „Ich finde es absolut inakzeptabel, dass es in einem Gebiet mit einer Ausdehnung vergleichbar mit der des Saarlandes keinen solchen Bereitschaftsdienst gibt“, sagt sie.

Notdienst am Wochenende

Ihre Idee: Man nimmt alle Kinderärzte der Börde zusammen und stemmt einen Notdienst, zumindest am Wochenende. Doch die KVSA, die für die Frage der ausreichenden medizinisch-ambulanten Versorgung zuständig ist, sieht einen Kindernotdienst in der Börde nicht als erforderlich. Unterstützung hingegen sicherte Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD) zu, die auf die Petition aufmerksam geworden ist.

Inzwischen waren in Seehausen über zwei Stunden vergangen und Emilia ging es noch nicht besser – bis sich die Cousine von Isabell Schulze bereiterklärte, das fiebernde Kind nach Magdeburg zu fahren. Das dortige Medico-Soziale-Zentrum übernimmt den kinderärztlichen Notdienst der Börde. „Das Medico Center war restlos überfüllt. Dort zwei Stunden zu warten, war auch eine Erfahrung für sich“, sagt Isabell Schulze. Die Diagnose: Fieberausschlag. „Das ist nicht lebensbedrohlich. Aber was ist, wenn Emilia mal einen Notfall hat?“, fragt die besorgte Mutter.

Notdienst restlos überfüllt

Ähnliche Situationen schildern zahlreiche Eltern, die die Petition unterstützen. Mit über 5000 Unterschriften hat die Petition innerhalb kurzer Zeit viele Menschen erreicht. Insgesamt 20 000 Unterschriften sollen es bis Ende August werden, das ist das gesteckte Ziel. Inzwischen hat Katharina Zacharias erreicht, dass die KVSA sowie die Sozialministerin sich mit ihr an einen Tisch setzen wollen. Ob die Petentin den Kindernotdienst zurückholen kann, ist ungewiss. Schließlich gab es Gründe, diesen abzusetzen. Die Ärzte in der Börde stehen der Idee mit gespaltenen Gefühlen gegenüber.

Für die Seehausenerin Isabell Schulze wäre ein Kindernotdienst in der Börde eine Hilfe. „Ich habe mich in dieser Situation so hilflos und allein gelassen gefühlt“, sagt sie. Die junge Mutter zieht in Betracht, nach Hannover zu ziehen, wo sie einige Jahre gelebt hat. „Ich möchte mein Kind im Notfall gut versorgt wissen und dort sind die Wege einfach kürzer“, sagt sie.

Mit der Petition soll dem entgegengewirkt werden, damit junge Familien dem Landkreis Börde nicht den Rücken kehren, weil das medizinische Versorgungssystem Lücken aufweist.