Automobilbranche

Automobilzulieferer Ifa aus Haldensleben sichert sich Auftrag bei BMW

Von Juliane Just

Haldensleben

Sie ist nur etwa 80 Zentimeter lang und sechs Kilogramm schwer. Trotzdem ist das Produkt für die Ifa Group, Sachsen-Anhalts größtem Automobilzulieferer, ein neuer Meilenstein. Zwei Jahre lang tüftelte ein Entwicklerteam an der Seitenwelle. Das Bauteil überträgt das Drehmoment der Motor- oder Getriebeeinheit auf die Räder. Mit einem Prototyp konnte Ifa nun den Automobilhersteller BMW überzeugen.

Die Ifa Group, die laut eigenen Angaben 3000 Mitarbeiter an acht Standorten weltweit beschäftigen, hat erst 2017 mit der Produktion von Seitenwellen begonnen und belieferte seither vorrangig Daimler. Bisher liegt das Kerngeschäft des Haldensleber Unternehmens bei Längswellen. Sie übertragen im Gegensatz zur Seitenwelle das Drehmoment vom Getriebe zum Achsdifferential.

Das Problem: Längswellen sind bei den neuen Antrieben nicht mehr erforderlich. Die Branche wandelt sich weg von Verbrennern hin zum Elektro- und Hybridantrieb. Auch der Automobilzulieferer aus Haldensleben muss umdenken. Und der Markt für Elektrofahrzeug wächst, Seitenwellen sind gefragt.

Entwicklung einer Seitenwelle für BMW

Um ein solches Bauteil nach den Anforderungen von BMW zu entwickeln, kam bei Ifa ein Expertenteam zusammen – vorrangig aus Haldensleben und Hanau (Hessen). „Wir haben hier das Knowhow aus allen Bereichen gekoppelt“, sagt Anett Ziems, Leiterin des Bereichs Globale Entwicklung bei Ifa. Die Entstehung des neuen Produktes dauerte insgesamt zwei Jahre. Zunächst entstand die Seitenwelle auf dem Papier und wurde schließlich auf Grundlage von Berechnungen und Simulationen virtuell erstellt. Danach durchlief das neu entwickelte Produkt mehrere Bereiche an verschiedenen Standorten und wurde schließlich am Produktionsstandort in Haldensleben produziert.

BMW verbaute den Prototypen aus Sachsen-Anhalt schließlich und absolvierte verschiedene Fahrzeugtests. „Das ist durchaus üblich in der Branche, dass neue Bauteile im Stresstest sowie auf Teststrecken geprüft werden“, betont Anett Ziems. Hier setzte sich Ifa mit Geräuschverhalten, Wirkungsgrad und Dichtheit der Seitenwellen durch.

Das Produkt soll künftig in einem geländefähigen SUV-Fahrzeug verbaut werden, das 2024 auf den Markt kommen soll – mehr will Ifa vorerst nicht verraten. „Es ist ein sehr wichtiger Auftrag in Millionenhöhe“, verrät Franziska Schneeberg, die als Teamleiterin im Vertrieb den Kunden BMW betreut.

Veränderungen am SUV-Fahrzeug

Nachdem das Unternehmen den Auftrag in der Tasche hat, beginnt für das Expertenteam die Detailarbeit. In der Entwicklungsphase des neuen Fahrzeugs muss die Seitenwelle nun nach Wunsch des Kunden angepasst werden – dabei werden kleinste Veränderungen im Millimeterbereich der Bauteile verändert.

Mit der neuen Entwicklung könnte auch das Werk in Ujest einen Aufschwung erhalten. Hier hatte Ifa im Juni 2017 rund 100 Millionen Euro in einen neuen Standort investiert. Doch die Produktion der Seitenwellen lief nicht wie geplant an. Das Unternehmen fährt seither einen strengen Sanierungskurs. Aber nicht nur in Polen soll die BMW-Seitenwelle produziert werden, sondern erstmals auch am US-Standort in Charleston. Damit erleichtere sich das Unternehmen den Einstieg in andere Märkte und habe Chancen auf weitere Aufträge, heißt es von Ifa.

Erschließen weiterer Märkte weltweit

„Mit dem Auftrag ist für uns der Startschuss in den Seitenwellen-Markt für weitere Automobilhersteller gefallen“, sagt Anett Ziems. Mit der Entwicklung der eigenen Gelenke könne man weitere Kunden akquirieren. Das ist in den unruhigen Zeiten der Automobilindustrie durch Diesel-Skandal, Fahrverbote und der Stagnierung des globalen Automarktes durch die Corona-Pandemie ein Hoffnungsschimmer.

Damit macht Ifa einen Schritt in Richtung Zukunft, der nötig war. Und dass, obwohl das Unternehmen sich trotzdem, wie Geschäftsführer Arno Haselhorst in einem Volksstimme-Interview im vergangenen Jahr sagte, weiterhin als Längswellen-Experte sehe. Nun haben die hauseigenen Entwickler die Expertise scheinbar erweitert. „Wir haben viel investiert und sind mit einem jungen Team neue Wege gegangen. Das zahlt sich jetzt aus“, ist sich Anett Ziems sicher.