Haldensleben l Viele Einwohner Haldenslebens erleben zum ersten Mal, dass das Leben von einer Epidemie wie beim derzeitigen Coronavirus Sars-CoV-2 so eingeschränkt werden kann. Doch ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die Stadt bereits mehrere Epidemien ähnlicher Art überstanden hat.

Der „Schwarz Tod“, bisher eine der verheerendsten Pandemien der Weltgeschichte, raffte in den Jahren 1349 und 1350 fast zwei Drittel der Stadtbevölkerung – und sogar der Weltbevölkerung – nieder. Als Ursache gilt die durch das Bakterium Yersinia pestis hervorgerufene Pest. Vom 15. und 17. Jahrhunderte folgten insgesamt 13 weitere Pestepidemien, die über die Stadt hereinbrachen. Bei jener im Jahr 1682 werden 62 Todesopfer verzeichnet. Nur 16 Häuser blieben laut den Geschichtsbüchern verschont.

Eine weitere Epidemie musste die Stadt im 19. Jahrhundert überstehen. Die bakterielle Infektionskrankheit Cholera breitete sich 1817 von Indien her aus und erreichte 1831 Deutschland. Eine amtliche Zusammenstellung für den Regierungsbezirk Magdeburg verzeichnet im Januar 1832 insgamt 984 Erkrankungen, von denen 551 Personen starben.

Haldensleben blieb bis auf einen verdächtigen Fall verschont, doch man musste jederzeit mit einem Ausbruch der Seuche rechnen. Deswegen trafen die Behörden die notwendigen Vorbereitungen, die nach dem damaligen Stand der Seuchenbekämpfung möglich waren. Es wurde eine Gesundheitskommission eingerichtet, zu der der Bürgermeister, der Kreisphysikus sowie ein Apotheker gehörten. Damals gab es in Haldensleben 450 Wohnhäuser und 4000 Einwohner, die der Einfachheit halber in vier Bezirke eingeteilt wurden.

Auf der Masche wurde ein Cholera-Lazarett in einer Gastwirtschaft vorübergehend eingerichtet. Auch in der Stadtschule sollte ein solches Lazarett eingerichtet werden, doch der Rektor weigerte sich. Sorge gab es außerdem darum, dass im Stadthospital nur eine Badewanne zur Verfügung stand. Schnell wurden zwei weitere angefordert, um sie als „Räucherungsapparat“ für Erkrankte zu nutzen. Ebenso wurde ein Cholera-Damfbett beschafft sowie zahlreiche Materialien wie Decken und Betten.

Des Weiteren wurden Tag- und Nachtwächter angestellt, die das Gesindel aufgreifen sollten, das von Ort zu Ort zog und so die Seuche verschleppen könnte. Auch Kirchenschließungen standen zu Debatte, da die Cholera-Infektion bei den Versammlungen in Gotteshäusern leicht übertragbar gewesen wäre.

Bis ins Jahr 1850 – also knapp 20 Jahre nach dem ersten Fall in Deutschland – wurde in Haldensleben nur ein Fall registriert. Doch dann traf es auch die Stadt. Innerhalb von 15 Tagen registriert der Kreisarzt 315 Erkrankte und 105 Todesfälle. Die Epidemie begann in der Langen Straße und betraf dort nahezu alle Anwohner. Die Ritterstraße war als zweite betroffen, anschließend breitete sich die Cholera-Infektion auf die ganze Stadt aus. Vor allem Satuelle war mit 14 betroffenen Personen, die alle starben, schwer betroffen.

Der Kreisarzt sagte wegen der Cholera-Infektion in Zusammenarbeit mit der Stadt den Festball der Schützengilde ab. Auf dem Friedhof wurde außerdem ein provisorisches Leichenhaus gebaut, damit die Cholera-Toten aus den Häusern geholt werden konnten.

In der Bevölkerung machte sich das Gerücht breit, dass es sich bei der Epidemie gar nicht um Cholera handelte, sondern dass verunreinigtes Fleisch die Ursache ist. Der Kreisarzt dementierte. Fleischer wurden untersucht, sogar ein Arzt aus Gardelegen wurde angefordert. Der bestätigte, dass es sich um Cholera handelte. In seinem Bericht hält der Kreisarzt fest: „Es ist hieraus zu ersehen, dass Volkswahn nur durch reine Wahrheit zu bekämpfen ist.“