Haldensleben l So einen Betreungsschlüssel gibt es normalerweise nur zu Hause: 25 Betreuer für 22 Kinder, da ist theoretisch eine Einzelbetreuung möglich in der Kita „Max und Moritz“ auf dem Süplinger Berg, der größten städtischen Kita in Haldensleben. Wenn da nicht die Eltern wären, um die sich einige Kitamitarbeiter dieser Tage auch kümmern müssen.

Denn viele Mütter und Väter haben Fragen. Ist die Kita nun geschlossen? Kann ich die Sachen für mein Kind abholen? Montagvormittag um halb zehn spricht Kitaleiter Henrik Hoffmann schon von 50 Anrufen, die er beantwortet habe, seit die Landesregierung am Freitag die weitgehende Schließung der Kindertagesstätten verfügte. Untersagt ist Eltern seitdem allerdings nicht, ihr Kind in die Kita zu bringen. Erst ab Mittwoch ist ausschließlich eine Notbetreuung für anspruchsberechtigte Eltern vorgesehen.

Nur 100 Kinder in den Kitas und Horten

Dennoch haben schon gestern viele Eltern ihr Kind nicht mehr in die Kita gebracht. Im Kindergarten „Max und Moritz“ war nur etwa jedes achte Kitakind erschienen. In allen städtischen Kitas und Horten kam nur knapp jedes zehnte Kind. Insgesamt waren es nach Angaben der Stadt 100 Kinder. Gemeldet sind in den zehn städtischen Einrichtungen 970 Kinder.

Auch in der Wedringer Kita „Sonnenblume“, ebenfalls in städtischer Trägerschaft, waren nur sechs von 45 Kindern in der Betreuung. Etwa zwei Drittel der Kollegen waren anwesend, wie Kita-Leiterin Anja Ulrich mitteilt. „Es ist schon ungewohnt, wenn so wenig Kinder hier sind“, sagt sie. Mit dem Essenszulieferer für das Mittagessen sei die Einrichtung in ständigem Kontakt, sodass auch die wenigen anwesenden Kinder versorgt werden konnten.

Wo sonst 90 Kinder in der katholischen Kita St. Johannes spielen und toben, sind gestern zehn anwesend gewesen. Auf drei Erzieher wurde die Belegschaft heruntergeschraubt, wie eine Mitarbeitern erzählt. Dabei beantworten die Erzieherinnen den Kindern die Fragen, die ihnen bezüglich des Corona-Virus auf der Seele brennen. Außerdem wurde das Händewaschen ausführlich erklärt – wenn das Lied „Happy Birthday“ zwei Mal gesungen ist, dürften die Händchen keimfrei sein. Die Mitarbeiterin sagt jedoch auch, dass viele Kinder bereits Zuhause über die ungewöhnliche Situation informiert wurden.

Eltern befürchten längere Schließzeiten

Marco Laaß ist am Montagvormittag mit seiner zweijährigen Tochter Lucy in die Kita „Max und Moritz“ gekommen, um Sachen abzuholen, Lucys Regenjacke etwa. Ob die Schließzeit bis zum 13. April reichen wird, bezweifelt er. „Ich befürchte, dass es länger dauern könnte“, sagt Laaß, von Beruf Kraftfahrer. Er hat noch bis Mittwoch frei. „Zufällig“, sagt er. Deswegen kann er sich gerade um Lucy kümmern. Zum Ende der Woche springt dann die Schwiegermutter ein, sie gehöre nicht zur Risikogruppe, sagt Laaß, sie sei erst 52 Jahre alt. In der kommenden Woche werde dann seine Frau die Betreuung für Lucy übernehmen. Derzeit verhandele sie darüber mit ihrem Arbeitgeber, berichtet Laaß.

Auch Stadträtin Katharina Zacharias kommt am Montagvormittag kurz in die Kita „Max und Moritz“, um die Sachen ihrer Kinder abzuholen. Die SPD-Politikerin wirbt für Verständnis: „Bürgermeister und Landräte arbeiten gerade bis zur Erschöpfung“, betont sie. Diese Situation verlange gerade vielen Menschen alles ab. Besonders schwierig sei es derzeit für die Eltern, die mit ihrer Arbeit nicht zum Erhalt wichtiger Infrastruktur beitrügen und damit keinen Anspruch auf eine Notbetreuung haben, gleichzeitig aber das Einkommen brauchten, um über die Runden zu kommen, sagt Zacharias.

Wie viele Personen bislang eine Notbetreuung beantragt haben, konnten gestern weder der Landkreis noch die Stadt Haldensleben beantworten. Andrea Schulz, Haldenslebens Dezernentin, geht davon aus, dass in den Einrichtungen in städtischer Trägerschaft am Ende weniger als 100 Kinder eine Notbetreuung brauchen.

Personal wird nach Möglichkeit reduziert

Kitaleiter Hoffmann sprach gestern von vier Anträgen, die bei ihm eingegangen seien. Der Betreuungsschlüssel könnte also bald noch höher ausfallen in der Kita „Max und Moritz“ – wenn weiterhin so viele Mitarbeiter erscheinen. Sabine Wendler, die stellvertretende Bürgermeisterin, hat allerdings schon ankündigt, das Personal in einigen Kitas reduzieren zu wollen, wenn nur wenige Kinder zur Notbetreuung kommen.

Gestern Morgen war das noch nicht abzusehen. In der Kita „Max und Moritz“ waren laut Kitaleitung von den 32 Mitarbeitern 25 erschienen. Erzieher gehören zu den Berufsgruppen, die systemrelevant sind. Deswegen haben auch sie einen Anspruch auf Notbetreuung ihrer eigenen Kinder.

Zu ihnen zählt Burghard Girle. Er arbeitet in der Kita „Max und Moritz“, ebenso seine Frau Lisa. Bevor die beiden morgens zur Arbeit gehen, bringen sie ihre einjährige Tochter in eine andere Kita, die Kita Zwergenhaus. Beide sind arbeitspflichtig. Girle sagt: „Ich bringe mein Kind in Gefahr.“ Der Erzieher hat wenig Verständnis dafür, dass nun an vielen Orten alles dicht gemacht wird, er aber sein Kind in die Kita bringen müsse.

Wie es weitergeht, ob etwa bald Dienste gekürzt werden in der Kita „Max und Moritz“, das konnte Kitaleiter Hoffmann gestern Vormittag noch nicht sagen. „Wir arbeiten nun auf, was wir sonst nicht schaffen“, sagte er. So sei jetzt etwa Zeit, das Spielzeug der Kita zu waschen. Auch für die Osterzeit wolle man schon jetzt anfangen zu basteln. Außerdem wolle er mit seinen Mitarbeitern versuchen, die Kinder, die noch in die Kita kommen, zu sensibilisieren für die Gefahren des Coronavirus. So wollten sie etwa einen Tanz einstudieren, der den Kindern beibringe, sich etwas distanzierter zu begrüßen.

Auch Hoffmann geht davon aus, dass ab Mittwoch noch einmal deutlich weniger Kinder in die Kita kommen. Für die Mehrzahl der Eltern, die noch gestern ihr Kind in die Kita brachten, seien die Ankündigungen schlicht zu kurzfristig gewesen, sagt er.

Not-Hortplätze noch weniger gefragt

Noch weniger Kinder als in die Kitas sind am Montag in die Schulhorte gekommen. In den drei städtischen Horten der Gebrüder-Alstein-Grundschule, der Otto-Boye-Grundschule und der Grundschule Erich Kästner sind nach Angaben der Stadt 423 Kinder gemeldet. Erschienen sind von ihnen am Montagvormittag nur 16.

Dass nicht nur die Spielplätze der Kitas und Schulen in den kommenden Wochen leer bleiben, forderte gestern Mittag auch Landrat Martin Stichnoth (CDU). Er teilte mit: „Vermeiden Sie Menschenansammlungen. Zum Beispiel Kinder, die sich zum Spielen auf dem Spielplatz treffen, können das Virus schnell weiterverbreiten. Und genau das muss vermieden werden.“ Noch am Abend hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel dann im Rahmen der umfangreichen Maßnahmen auch die Schließung von Spielplätzen angeordnet.