Haldensleben l So richtig können die Lehrer und Schüler die neue Farbe ihres Schulhauses gar nicht benennen. „Beige?“, fragt eine Schülerin? „Wie Babybrei?“, eine andere. „Kackbraun!“, trifft eine Lehrerin eine klare Aussage. Einig sind sich Schüler, Eltern und Lehrer jedenfalls darin, dass die Farbe, die seit kurzem von der Rückseite der Haldensleber Otto-Boye-Grundschule prangt, alles andere als schön ist.

So habe man sich das Schulhaus nach der Sanierung nicht vorgestellt, sagt Ingo Vogler. „Die Sanierung unserer Fassade stand schon lange auf dem Plan. Umso glücklicher waren wir, als die Stadt die finanziellen Mittel dafür bereitstellte“, erinnert sich der Schulleiter. Die Fassadensanierung hat im Juli begonnen und soll voraussichtlich bis zum Frühjahr 2020 dauern. Teils kostet sie Schüler und Lehrer Nerven, denn bei laufendem Schulbetrieb muss auch mal gebohrt oder gehämmert werden. „Aber die Freude über die Sanierung hat uns alle geduldig alle Beeinträchtigungen ertragen lassen“, sagt Ingo Vogler.

Gebäude sollte hell und einladend sein

Dass das Haus, in dem die Otto-Boye-Grundschule untergebracht ist, historisch ist, wissen Vogler und sein Kollegium nicht nur, sondern sie sind auch stolz darauf. „Unser Gebäude gehört zu den schönsten Grundschulen in Sachsen-Anhalt, das wird uns auch von Besuchern immer wieder bestätigt“, sagt der Schulleiter. Ihm zufolge sei es „richtig und gut“, dass alle baulichen Elemente des Hauses erhalten oder restauriert werden und auch nur bestimmte Materialien verwendet werden dürfen.

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Bei der Farbauswahl solle man laut Ingo Vogler aber nicht nur den Denkmalschutz beachten, sondern auch, welcher Nutzung das Gebäude diene. „Wir sind eine Grundschule, in der Kinder von 6 bis 10 Jahren lernen. Unser Gebäude sollte hell und einladend sein, damit die Kinder gern und mit Spaß in die Schule kommen“, sagt er. Die neue Farbe aber tauge allenfalls für ein Museum.

Träger der Schule ist die Stadt Haldensleben. Den Werdegang der Farbauswahl für die Fassade beschreibt Pressesprecher Lutz Zimmermann so: „Da es sich bei der Otto-Boye-Schule um ein Einzeldenkmal handelt, war eine denkmalrechtliche Genehmigung notwendig. Im Vorfeld musste die Stadt ein restauratorisches Gutachten in Auftrag geben, das historische Farbreste zutage förderte, die dann die Grundlage für drei Farbvarianten in einem gelblich-beigen Ton bildeten“. Diese Vorgehensweise bestätigt auch Heiko Markworth, Sachgebietsleiter Bauverwaltung beim Landkreis Börde. Er steht der zuständigen Unteren Denkmalschutzbehörde vor und erläutert, dass die Behörde sich bei ihren Entscheidungen an das Denkmalschutzgesetz des Landes Sachsen-Anhalt halten muss.

Dunklere Farbe vorgesehen

Dieses gebe einen bestimmten Rahmen für die Sanierung denkmalgeschützter Gebäude vor. Aufgrund des restauratorischen Gutachtens habe die Denkmalschutzbehörde laut Heiko Markworth ein Grundkonzept der Farbgestaltung ausgearbeitet. „Wir hatten einen dunkleren Farbton vorgesehen, als den, der jetzt an die Fassade gebracht wird“, erläutert der Sachgebietsleiter. Jedoch habe der Schulleiter schon damals Kritik an der ausgesuchten Farbe geübt und um eine hellere Variante gebeten.

Die Untere Denkmalschutzbehörde habe sich daraufhin mit dem Landesamt in Halle abstimmen müssen und gemeinsam mit der Oberen Denkmalschutzbehörde einen helleren Farbton gefunden. Dieser sei laut Heiko Markworth auch mit allen Beteiligten – also mit dem Schulleiter, der Stadt Haldensleben und dem Architektenbüro – abgestimmt worden. Die jetzige Farbgebung sei bereits ein Kompromiss zwischen den Beteiligten.

Dem Sachgebietsleiter zufolge sei die Untere Denkmalschutzbehörde der Schule auch anderweitig entgegen gekommen. Denn zunächst sollten auch Fenster und Türen einen braunen Anstrich erhalten. Diese tragen aber seit über 20 Jahren eine grüne Farbe, mittlerweile sind Möbel in der Schule, Fahrradständer und vieles mehr farblich darauf abgestimmt. So habe die Denkmalschutzbehörde erlaubt, die Fenster grün zu lassen – sie werden in einem zur Fassadenfarbe passenden Grün noch einmal gestrichen.

Absprache vonm Tisch gewischt

Schulleiter Ingo Vogler erzählt allerdings, dass die Farb-Absprache, die unter den Beteiligten getroffen wurde, sei von der Behörde „einfach vom Tisch gewischt“ worden. „Es wurde eine Farbe verfügt, die dem Gebäude komplett seinen einladenden Charakter nimmt“, so Vogler. Die Stadt Haldensleben lässt sich derweil nicht zu einer Beurteilung der Farbgebung hinreißen. „Aus rein ästhetischen Gründen wäre sicherlich auch eine andere Farbe geboten gewesen, doch bei Einzeldenkmalen haben der Eigentümer und erst recht der Nutzer in ihren Belangen zurückzustehen“, heißt es aus der Pressestelle.

Die Kinder und Lehrer der Boye-Grundschule fällen da ein klareres Urteil. „Weiß wäre gut“, sagt beispielsweise Schülerin Luna Mia. Ihre Freundin Chiara wäre sogar für „ganz bunt“. Auch die Schule selbst favorisiere eine neuen weißen Anstrich, sagt Ingo Vogler. Heiko Markworth allerdings erklärt, dass die Schule so, wie sie jetzt ist, einen Anstrich der Bäderarchitektur hat – das sei für das 1876 erbaute Haus absolut nicht passend.

Schulleiter hofft auf neue Entscheidung

Schulleiter Ingo Vogler lädt Bürger und Stadträte dazu ein, sich die neue Farbe an der Rückseite der Schule einmal anzugucken. „Vielleicht kann der Stadtrat noch einmal das Gespräch mit der Denkmalschutzbehörde suchen und danach einen für alle Seiten befriedigenden Kompromiss finden“, hofft er. Doch Heiko Markworth nimmt diesem Ansinnen bereits den Wind aus den Segeln.

Ein Kompromiss sei mit der jetzigen Farbe schon gefunden worden – die Behörde müsse sich nun einmal an das Gesetz halten und habe deshalb nur die Wahl zwischen bestimmten Nuancen einer Farbe. Eine völlig andere Farbe könne nicht ausgesucht werden.

Die Fassadensanierung der Schule kostet rund 370 000 Euro. Die Stadt erhält dafür Städtebaufördermittel.