Sanierung

Glocken der Haldensleber Stadtkirche St. Marien könnten im September wieder läuten

Die Sanierungsarbeiten in der Haldensleber Stadtkirche St. Marien biegen langsam, aber sicher auf die Zielgerade ein. Aktuell stellt sich das Innere des Gotteshauses als Großbaustelle dar.

Von Jens Kusian
Jens Ritter hat den neuen Boden im Eingangsbereich des Kirchturmes verlegt.
Jens Ritter hat den neuen Boden im Eingangsbereich des Kirchturmes verlegt. Foto: Jens Kusian

Haldensleben - Zwei große Baugerüste dominieren das Innere der St. Marienkirche in Haldensleben. Eines steht am nördlichen Seitenschiff, das andere führt um den Altar herum und reicht bis fast an die Decke. „Nur selten hat man solch einen Blick in unsere Kirche“, stellt Judith Vater, stellvertretende Vorsitzende des Gemeindekirchenrats, in gut 14 Metern Höhe begeistert fest.

Dunkel ist es in der Kirche geworden. Die alten Kirchenfenster des Chorraums sind entfernt worden, hölzerne Notverschlüsse schützen das Innere vor Wind und Wetter. „Die Steinmetzarbeiten an den Chorfenstern haben einen guten Fortschritt gemacht. Hier ist weit weniger Sandsteinmaßwerk als angenommen zu erneuern oder zu ergänzen“, erklärt Judith Vater. „Die Gläser unserer neuen Kirchenfenster sind bereits in der Glaswerkstatt in Quedlinburg eingetroffen und die Schablonen dafür sind fertig.“ Als nächstes steht nun die Bemusterung der ersten fertiggestellter Flächen für die neuen Fenster an.

DDR-Weiß ist endgültig verbannt worden

Das südliche Seitenschiff ist mittlerweile so gut wie fertig. Etwas schwer getan hat sich der Gemeindekirchenrat bei der Farbgestaltung. „1872 bis 1874 wurde unsere Kirche im Inneren grundlegend verändert. Die einfache rosa-weiße Wandfarbfassung wich einer Quaderausmalung mit einem den gesamten Innenraum umlaufenden Weinrankenfries. Die heutige, noch aus DDR-Zeiten überlieferte weiße Farbfassung der Innenwände fand keinen Anklang. Auch Vorschläge für Grau- beziehungsweise Beige-Töne wurden angesichts der grautonlastigen Holzausstattungsteile verworfen, obwohl es überliefert ist, dass es bereits in den 1940er Jahren einen elfenbeinfarbigen Anstrich gab. Unter Berücksichtigung der Fußbodenfarbigkeit, der Bemalung von Altar und Kanzel sowie der Farbigkeit anderer Ausstattungselemente wurde der Rosa-Befund aus dem frühen 19. Jahrhundert dann in Betracht gezogen. Da im nördlichen Seitenschiff aber ein individueller Gedenk- und Andachtsraum entstehen soll und neben den aufgehangenen einzelnen Gefallenentafeln auch eine Tafel direkt auf unsere Kirchenwand aufgemalt ist, war und ist zumindest hier ein Rosa-Farbton schwer denkbar“, so Vater weiter.

Geeinigt haben sich der Gemeindekirchenrat und die Bau-Experten letztlich auf einen Lichtrosa-Farbton für das Mittelschiff und einen leichten Grauton für die Seitschiffe, um auch dem neuen Nutzungskonzept Rechnung zu tragen. „Das neue Farbkonzept sieht zudem vor, die mehrfarbig gefassten Säulenteile aus dem späten 19. Jahrhundert zu säubern und original zu belassen, die Säulenkörper, Engelsköpfe, die Wulstprofile der Rundfenster und das Friesgesims aber einfarbig grau vom Lichtrosa-Wandanstrich abzuheben“, erklärt die stellvertretende Vorsitzende.

Auch die neuen Räume haben inzwischen Gestalt angenommen und stehen kurz vor dem endgültigen Verputzen. Die Elektro-Rohbauinstallation ist fertig und berücksichtigt alle Anlagen für das neue Nutzungskonzept, wie separaten Datenschrank, Anschlüsse und Steuerung für Licht und Ton und den neuen Glasfaseranschluss. Die WC-Spülkastenmodule sind eingebaut, Wasserzu- und -ableitungen gelegt, das Abluftsystem ist integriert und die Trockenbauwände stehen. „Jetzt fehlen nur noch die Fliesen, WC-Becken, Waschtische und der Anschluss an das Abwassernetz auf dem Marienkirchplatz. Und zur späteren Gestaltung und Einrichtung der Teeküche gibt es erste Ideen“, freut sich Judith Vater über den Baufortschritt.

Glocken könnten im September wieder läuten

Begonnen haben zudem die Arbeiten im Eingangsbereich des Kirchturms. Der Eingang soll möglichst barrierearm mit einer schrägen Fußbodenführung gestaltet und sowohl malerisch als auch beleuchtungstechnisch instandgesetzt werden. Deshalb wurde der gesamte alte Fußboden aufgenommen und ein neuer verlegt. „Falls alle Planungen und Umsetzungen gelingen, könnte der Turm zum Tag des offenen Denkmals am 12. September wieder feierlich der Öffentlichkeit übergeben werden“, hofft Judith Vater. „Unser Kirchturm feiert in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag. Das sollte Anlass genug sein zu feiern.“

Sollte sich die Corona-Situation bis dahin verbessern, sind dazu ein Festvortrag und verschiedene Führungen geplant. Auch kann der Kirchturm dann wieder bestiegen werden. Ebenso ist geplant, ab diesem Zeitpunkt auch die Glocken und die Turmuhr wieder in Betrieb zu nehmen. „Nachdem unsere Kirche nebst Turm so lange nicht mehr öffentlich zugänglich war, wäre dies ein erster Schritt zurück in die Normalität“, meint Judith Vater.