Gut Glüsig l Susanne Schulze will nicht mehr. „Wir haben Angst“, sagt die 37-Jährige, die gemeinsam mit ihrem Freund am Gut Glüsig zur Miete wohnt. Bald sind sie zu dritt, im November soll ihr Baby zur Welt kommen. Auch deshalb will sie weg aus Glüsig. „Es eskaliert hier einfach nur noch“, sagt sie. Und gibt den neuen Gutsbesitzern die Schuld.

Schulzes Entschluss zu gehen hat eine lange Vorgeschichte. Im vergangenen Herbst, als sie schon wochenlang ohne Warmwasser und Heizung ausgekommen waren, wollten sie und ihr Freund noch nicht mit Journalisten darüber reden. Damals hoffte das Pärchen noch, die Wogen würden sich wieder glätten. Für die Warmwasserversorgung kauften sie sich einen eigenen Boiler.

Ein Dreivierteljahr später ist von dieser Hoffnung nicht mehr viel übrig. Der Streit zwischen ihnen und den neuen Gutsbesitzern ist weiter eskaliert. Wieder funktioniert die Heizung in ihrem Mietshaus nicht. Die Gutsleitung verweist auf das Blockheizkraftwerk, das immer wieder kaputt gehe. Die Mieter vermuten, ihnen werde das Warmwasser abgestellt, um sie zu vertreiben. Die Parteien streiten sich vor Gericht und beschuldigen sich gegenseitig. Verschiedene Vorwürfe stehen im Raum, teils schwere Vorwürfe. Sie reichen bis zum versuchten Totschlag oder versuchtem Mord – was das Gericht allerdings nicht als erwiesen ansah.

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Wie es soweit kommen konnte, ist schwer zu ergründen. Vor zwei Jahren haben Emmanuel Ostmeier und sein Vater Hubert Ostmeier den Gutsbetrieb übernommen. Zuvor hatte die Caritas den Biohof 25 Jahre lang betrieben. Gut Glüsig galt als Demonstrationsbetrieb für ökologischen Landbau. Dort wurden die Tiere auch gleich geschlachtet; im Hofladen, Verkaufswagen oder im Ladengeschäft in der Magdeburger Innenstadt wurden die Fleischerzeugnisse anschließend verkauft.

13 Kontrollen des Veterinäramtes

Seit Juni dieses Jahres ist damit Schluss. Hubert Ostmeier, der Geschäftsführer der Schlachterei sowie des Vertriebs, gibt dafür dem Veterinäramt des Landkreises die Schuld. Das Amt habe ihn mit Kontrollen überzogen. Der Landkreis teilte auf Nachfrage mit, dass es seit Juli 2018 insgesamt 13 Kontrollen auf dem Gut gegeben habe.

Die Schließung der Schlachterei ist auch für den ökologische Landwirtschaftsbetrieb ein Problem. Dieser steht unter der Leitung von Emmanuel Ostmeier. Mit der Schlachterei breche „sein größter Kunde“ weg, hatte er schon im Juni betont. Mittlerweile hat Ostmeier einen neuen Abnehmer gefunden. Er beliefere nun die Edeka-Gruppe, allerdings mit weniger Schweinen. Die Rinderhaltung wolle er komplett abschaffen. „Das haben wir uns alles anders vorgestellt“, sagt Emmanuel Ostmeier. Zum Veterinäramt hätten sie nach wie vor kein gutes Verhältnis.

Am Breiten Weg, unweit des Hasselbachplatzes, ist die Fleischtheke von Gut Glüsig nun seit sechs Wochen nicht mehr besetzt. Der Betrieb teilte sich den dortigen Verkaufsraum mit dem Bioladen „Brot & Käs‘“.

Der Bioladen hat weiterhin geöffnet. Mit der Entwicklung des Gutes sind allerdings auch die beiden Ladenbetreiber, Annette und Stefan Kosan, nicht sehr glücklich. Vor zwei Jahren haben sie ihren Bioladen in Haldensleben aufgegeben und dafür in Magdeburg neu eröffnet. Gut Glüsig sei für sie von Anfang an Kooperationspartner gewesen, berichten sie. Nach Übernahme der Ostmeiers hätten sie gemeinsam mit dem Gutsbetrieb beschlossen, in den Laden zu investieren, um ihn für Kunden attraktiver zu machen.

Für einen neuen Anstrich, eine Klimaanlage und neue Stühle hätten sie Geld ausgegeben, sagt Stefan Kosan. Auf Seiten des Gutsbetriebs sei es hingegen bei Ankündigungen geblieben, bis dann Ende Juni endgültig Schluss gewesen sei an der Fleischtheke. „Für uns war das ein negativer Einschnitt“, sagt Annette Kosan. Nun seien sie in Verhandlung mit neuen Verarbeitungsbetrieben. Zum Ende der kommenden Woche soll es bei ihnen wieder Fleisch geben.

Andere Pläne für Mietshäuser

Wie geht es nun weiter auf dem Gut? Im Juni hatte Hubert Ostmeier auf Nachfrage offen eingeräumt, dass er für die Mietshäuser am Gut andere Pläne gehabt habe. Ein Haus sollte sein Wohnhaus werden, in einem weiteren sollte ein Tagungs- und Meditationszentrum entstehen, ein drittes Mietshaus sollte Übernachtungsmöglichkeiten für die Tagungsgäste bieten. Hubert Ostmeier sagt: „Es kann nicht sein, dass ein Mieter die ganze Entwicklung des Objekts stoppt.“

Wenn auch Schulze mit ihrem Freund nach sechs Jahren wegzieht, stehen tatsächlich fast alle zum Gut gehörigen Mietshäuser leer. Eike Grassing wäre wohl der letzte verbliebene Mieter. Der 64-Jährige wohnt seit 18 Jahren dort. Auch er befindet sich im erbitterten Streit mit den Gutsherren. Trotzdem will er bleiben.

Dass die bestehenden Mietverträge übernommen werden, war für die Caritas beim Verkauf Bedingung gewesen. Angesprochen auf die jüngsten Entwicklung des Gutes zeigt sich die Geschäftsführer des Caritas-Regionalverbandes, Verena Müller, enttäuscht. „Das war nicht abzusehen“, sagt sie. „Das haben wir uns so nicht vorgestellt“.

Für die Kinder und Jugendarbeit hatte die Caritas noch Räume auf dem Gut angemietet. Nun sind laut Müller neue Räume in Haldensleben gefunden. Außerdem ist die Caritas mehrmals in der Woche mit behinderten Menschen auf dem Gut, sie werden dort beschäftigt. Diese Zusammenarbeit soll vorerst bestehen bleiben, sagt Müller.

Hubert Ostmeier wollte sich auf Nachfrage nicht dazu äußern, wie es nach Schließung der Schlachterei weitergeht. Ob er an seinen Plänen für die Mietshäuser festhält, ist unklar.