Süpligen l Bei Jüttners hängen viele Familienfotos an der Wand. Cornelia und Thomas Jüttner mit ihren Kindern – Felicitas (3), Elisabeth (8), Timotheus (10), Amadeus (12), Theodor (14) und Hafis (15). Hafis, genauer gesagt Hafisullah Khodadadi, gehört seit zwei Jahren zur Familie, er spricht seine Pflegeeltern mit Vornamen an. Der 15-Jährige ist ein minderjähriger, unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan, wie es im Amtsdeutsch heißt.

Zum dritten Mal feiert er Weihnachten in Deutschland. 2015 war er besonders gespannt. „Ich habe schon mal im Film gesehen, wie ein Weihnachtsbaum geschmückt wird. Aber ich wusste nicht, das war echt so“, erzählt er mit leuchtenden Augen. Inzwischen hat er mehr kennengelernt als das deutsche Weihnachtsfest. Er ist angekommen in Deutschland, als Muslim in einer christlichen Familie.

Mit Sommerkleidung und Verletzungen

„Wir haben nie mit dem Gedanken gespielt, Pflegefamilie zu sein“, sagt Cornelia Jüttner. Doch als sie im Oktober vor zwei Jahren in der Volksstimme lasen, „dass Pflegeeltern für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesucht werden, hat uns das nachdenklich gemacht.“ Schließlich haben sich Jüttners im Landratsamt gemeldet. „Wir haben gedacht, vielleicht für ein Vierteljahr in Obhut nehmen, erstmal ankommen lassen.“

Bilder

Doch dann brachten zwei Mitarbeiter des Landratsamtes am 17. Dezember 2015 einen 13-jährigen Jungen zu Jüttners. „Da kam ein Kind, in Sommersachen und mit gebrochenem Arm“, erinnert sich Thomas Jüttner. Zum Glück hatte er gerade drei Tage frei. „Sonst hätten wir gar nicht gewusst, wie wir das schaffen sollten“, sagt seine Frau.

Taliban zerstörten das Dorf

Hafisullah Khodadadi stammt aus Afghanistan. Seine Familie hat dort in den Bergen gewohnt, abgeschieden, ohne Strom, ohne feste Straßen. Doch die Familie kam irgendwie zurecht. Sie lebte von dem, was sie selbst anbauen konnte. Als Hafis sieben war, kamen die Taliban ins Dorf, verbreiteten Angst, erschossen auch Hafis‘ Opa. Die Familie flüchtete wie Hunderttausende andere Afghanen in den Iran. An der Grenze schossen iranische Soldaten auf die Ankommenden – zwar nicht direkt auf die Flüchtlinge, aber zumindest in ihre Richtung. Die Familie Khodadadi aber ließ sich nicht abhalten. Sie versuchte, im Iran Fuß zu fassen. Der Vater bemüht sich, mit Gelegenheitsarbeiten Geld für die Familie zu verdienen.

Zur Schule konnte Hafis im Iran genauso wie seine Schwestern nicht gehen. Zum einen hätte das Geld gekostet, was nicht da war, zum anderen musste er mit arbeiten. „Mit zehn Jahren habe ich schon geschweißt“, erzählt er. Die meiste Zeit aber habe er in einem Geschäft gearbeitet, nicht so groß wie die Supermärkte hier, sagt er. Er musste alles machen, was anfiel – Regale auffüllen, aufpassen, dass niemand etwas stiehlt und auch schon kleine Sachen verkaufen. Als sich sein Onkel – nur wenige Jahre älter als er – entschloss, nach Europa aufzubrechen, entschieden Hafis‘ Eltern angesichts der Perspektivlosigkeit, dass er mitgehen sollte. Sein Onkel lebt heute im Norden Deutschlands.

Von Angst und Hoffnung

Lange Wege zu Fuß, manchmal tagelang ohne zu essen, dann übers Mittelmeer, eingepfercht in Lkw, und schließlich mit dem Zug weiter. Voller Angst und Hoffnung. Gestrandet in Bremerhaven. Dort blieb er etwa drei Wochen in einem Aufnahmeheim – bis Mitarbeiter des Jugendamtes des Landkreises Börde ihn und weitere Flüchtlinge abholten. „Ich wurde gefragt, ob ich in eine Familie möchte oder in ein Heim“, erinnert sich Hafis. „Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, aber ich habe gesagt, in eine Familie. Und sie haben dann gesagt, weil ich klein bin, komme ich in eine Familie.“

Und diese Familie waren Cornelia und Thomas Jüttner mit ihren Kindern in Süplingen. „Als die Mitarbeiter vom Amt mit ihm hier ankamen, haben unsere Kinder ihn gleich in die Mitte genommen und an den Tisch geholt“, erinnert sich Thomas Jüttner. „Bitte gib mir“ war das einzige, was Hafis auf Deutsch sagen konnte. Aber in den ersten Tagen wurde ohnehin nicht viel gesprochen, weiß Timotheus noch. Da wurde gezeigt, mit Händen und Füßen geredet.

Einfach Kind sein

Hafis genießt es, einfach noch Kind sein zu dürfen. Er hat aber auch gelernt, sich in die Familie zu integrieren, kleine Aufgaben zu übernehmen wie die anderen Kinder. Und natürlich den Müll zu trennen. In der Schule ist er jetzt in der 8. Klasse und bekommt die ersten Noten. „Die Lehrer sind dabei noch sehr freundlich zu mir“, sagt er mit seinem typischen Lächeln. „Und die Kinder helfen mir. Der, die, das spreche ich immer falsch.“ Er bittet immer darum, dass man ihn berichtigt, wenn er etwas falsch sagt. Dabei wird dann auch viel gelacht. Zum Beispiel, wenn ihn Wortähnlichkeiten verwirren wie bei Salam und Salami.

Hafis ist in Deutschland angekommen, auch wenn er seine Familie nach wie vor vermisst. Er ist ein freundlicher, höflicher Junge, der gern lacht, meist aber wenigstens ein Lächeln im Gesicht hat. Die deutschen Regeln gefallen ihm, sagt er. Dass man sich in der Familie hilft, auch dass die Mädchen und Frauen lernen und arbeiten können, schätzt er besonders. Das wünscht er sich auch für seine Schwestern. Er hat ihnen das schon oft am Telefon erzählt, sie ermuntert, dass sie versuchen sollen zu lernen. Hafis lernt gern: „Mein größter Wunsch ist, dass ich den Schulabschluss schaffe und meine Eltern besuchen kann.“