Haldensleben l „Volksdichtung und Volksmärchen waren etwas, das man in der DDR gefördert hat“, berichtet Museumsleiterin Judith Vater. „Sie galten als Erzählungen des Proletariats.“ Es sei außerordentlich, wie viele Grimm-Ausgaben mit hohem künstlerischem Wert in der DDR erschienen seien. Von Märchen-Filmen ganz zu schweigen.

Das ist die eine Seite der neuen Ausstellung. Sie trägt des Titel „Ideologie und Phantasie. Grimms Märchen in der DDR.“ Die Vernissage beginnt am Dienstag, 27. November, um 19 Uhr.

Nationale Gedenkstätte

Auch Haldensleben hat von der Wertschätzung für die Grimms profitiert. Zu DDR-Zeiten sei das Museum eine nationale Grimm-Gedenkstätte gewesen. „Es handelte sich um die einzige museale Einrichtung, die über Leben und Werk der Brüder Grimm berichtet hat“, so Judith Vater. Auch die Träger des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Preises der DDR seien nach Haldensleben gekommen. Anlass dafür war, dass sich seit den 1960er Jahren ein Teil des Grimmschen Nachlasses im hiesigen Museum befindet. Erst mit der Wende änderte sich die besondere Stellung der Einrichtung. Plötzlich waren auch andere Grimm-Stätten in Deutschland erreichbar.

Doch es gab auch eine andere Seite des Umgangs mit Jacob und Wilhelm Grimm in der DDR: „Sie mussten in den ideologischen Rahmen passen und wurden auch so gedeutet“, informiert Judith Vater. Das habe nicht nur für die Biographie der Grimms gegolten, sondern auch für ihr Werk.

Aschenputtel: Vertreterin der Arbeiterklasse

Märchen mit starken religiösen Bezügen habe man eher in den Hintergrund gedrängt. Betont wurden dagegen solche Geschichten, die zum Bild der sozialistischen Tugenden passten. „Aschenputtel galt zum Beispiel als Vertreterin der Arbeiterklasse“, so Judith Vater.

Um die Interpretation der Märchen in die gewünschte Richtung zu lenken, wurden sie mitunter mit Vor- und Nachworten sowie entsprechenden Kommentaren versehen. Im Zweifel sei der Text auch redigiert worden. „Auf diese Weise wurden Märchenbücher zum ersten Schritt in Richtung Parteibuch“, fasst die Museumsleiterin zusammen.

Die neue Ausstellung wurde vom Literaturmuseum „Theodor Storm“ Heiligenstadt und dem Brüder Grimm-Museum Kassel in Zusammenarbeit mit der Brüder Grimm-Gesellschaft Kassel konzipiert. Sie zeigt zudem Leihgaben vom Verein der Briefmarkenfreunde von Haldensleben und Umgebung und ist bis zum 28. April 2019 zu sehen. Am Tag der Ausstellungseröffnung können die Dauerausstellungen des Museums Haldensleben bereits ab 18 Uhr besichtigt werden.

Weitere Infos über die Einrichtung finden Sie hier.