Hundisburg l Auf ein Thema konzentrierte sich Sigmar Gabriel bei seiner Festansprache im Hauptsaal des Schlosses Hundisburg besonders: die Worte des ehemaligen Bundesaußenministers kreisten um die Europäische Union. „Europa ist etwas, das wirklich einmalig ist auf der Welt“, sagte Gabriel, Mitglied des Deutschen Bundestages, früherer SPD-Vorsitzender (2009 bis 2017) sowie Bundesaußen- und Bundeswirtschaftsminister a.D. Der Spitzenpolitiker war einer Einladung des Kreisverbands Börde der SPD gefolgt und hielt die Festrede bei deren Neujahrsempfang.

Für seine eindeutige Position der Europäischen Union gegenüber hatte er freilich auch eine Begründung parat. 28 Mitgliedstaaten hätten es nach dem Zweiten Weltkrieg geschafft, von erbitterten Feinden zu Freunden zu werden. Jahrhundertelang sei Europa ein Ort gewesen, der von Kriegen beherrscht war. Gabriels Eltern und Großeltern hätten noch jeweils zwei Kriege kennengelernt.

Von erbitterten Feinden sei man binnen einer Generation zu einem Europa geworden. Damit hätten unsere Vorfahren uns einen Schatz hinterlassen. „Es ist ein unglaubliches Beispiel dafür, was möglich ist, wenn es Menschen nur wollen und dafür, dass Frieden und Völkerverständigung möglich sind“, so Sigmar Gabriel. Europa sei ihm zufolge lange nicht perfekt.

Bilder

„Ich finde es entsetzlich, dass ein Bäckermeister in Magdeburg höhere Steuern zahlt als große Konzerne wie Amazon und Google, die sich irgendwo eine Steueroase suchen können“, gab Gabriel als Beispiel. Es gebe auch andere Negativbeispiele, aber „nichts ist so schlecht, dass man Europa abschreiben sollte.“

Vor allem seien die Deutschen die wirtschaftlichen Gewinner der Europäischen Union. Nach Meinung Einiger seien die Deutschen die „Lastenesel“, die für die „Faulen im Süden“ zahlen würden, die Wahrheit sei jedoch, dass Deutschland mehr Geld erhalte, als es anderen Ländern gebe. Nicht umsonst sei das Land nämlich Exportweltmeister, so Gabriel. „Aber wir werden unseren Wohlstand nicht halten können, wenn es anderen nicht gut geht. Nur wenn es denen so gut geht, dass sie sich unsere Autos leisten können, werden wir auch Arbeit haben“, sagte der SPD-Bundestagsabgeordnete.

Deutschland müsse etwas tun, „damit uns dieses Europa nicht auseinander fliegt, denn in der Welt von morgen werden auch wir Deutschen keine Stimme haben, wenn wir alleine unterwegs sind.“

Wichtiges wird im Rathaus entschieden

Ohnehin verändere sich die Welt momentan sehr rasant, erklärte Sigmar Gabriel. Der Blick der USA gehe seit Barack Obama eher nach China als - wie früher - nach Europa. Gerade für Donald Trump gebe es keine internationale Gemeinschaft, sondern sei die Welt eine Arena, in der das Recht des Stärkeren gelte. Die wichtige Frage jetzt sei, ob Europa es in dieser neuen Welt schaffe, sich zu behaupten. Deutschland, so unterstrich Gabriel, habe künftig in der Welt nur noch etwas zu sagen, wenn Europa zusammenbleibe.

In seiner Rede beachtete Sigmar Gabriel aber auch den Kontext der Veranstaltung und betonte die Bedeutung von Kommunalpolitikern und in diesem Zusammenhang auch der anstehenden Kommunalwahlen im Landkreis Börde. „Wir denken immer, der Bund ist das Wichtigste“, so Gabriel. Die wichtigsten Entscheidungen für den Alltag der Bürger, für funktionierenden Nahverkehr, für Schulen und Kindertagesstätten, würden aber weder in Magdeburg, noch in Berlin und Brüssel, sondern in den Rathäusern und Kreishäusern vor Ort getroffen werden.

Es sei von zentraler Bedeutung, wer dort in den Gremien sitze. Kommunalpolitiker würden ehrenamtlich arbeiten, sich neben Beruf, Familie und Hobbys nach Feierabend und an den Wochenenden selbst die Arbeit im Gremium beibringen. Dafür hätten sie auch den Respekt ihrer Mitbürger und die Teilnahme dieser an den Kommunalwahlen verdient.

Lobend äußerte sich Gabriel gegenüber der Stadt Haldensleben. „Ich kann Ihnen nur dazu gratulieren, dass Sie es als Stadt hinkriegen, ein solches Schloss wieder auf die Beine zu stellen“, sagte er und versprach, im Sommer noch einmal mit der gesamten Familie für einen Besuch nach Hundisburg zu kommen.

Daran, dass am 26. Mai nicht nur Kommunal- sondern auch Europawahlen stattfinden, erinnerte der SPD-Europaabgeordnete Arne Lietz in seinem Grußwort. Während auch er sich mit Problemen und Entwicklungen in Sachen Europapolitik beschäftigte, konzentrierte sich der SPD-Kreisvorsitzende der Börde, Frank Hüttemann, in seiner Ansprache hauptsächlich auf den Landkreis Börde.

Kreis muss gestärkt werden

„Bei diesen Wahlen geht es um unseren Landkreis“, sagte er und appellierte an seine Parteigenossen, dass es wichtig sei, den Landkreis weiter nach vorne zu bringen. Dazu müssten laut Hüttemann unter anderem Antworten auf den demografischen Wandel gefunden werden, die Wirtschaft im Kreis müsse gestärkt werden, es gehe um eine stabile Infrastruktur und auch um regionale Kooperationen mit Nachbarkreisen.

Frank Hüttemann und seinen Stellvertretern im SPD-Kreisverband, Angela Leuschner und Wolfgang Zahn, war es eine Freude, auch den CDU-Börde-Landrat Martin Stichnoth beim Neujahrsempfang begrüßen zu dürfen, der ebenfalls zu den Gästen sprach.

Um engagierte Bürger der Börde ging es schließlich, als der Kreisverband seinen jährlichen Ehrenamtspreis vergab. So wurden Kathy Opitz-Voigt und ihre Tochter Kimberley Voigt ausgezeichnet. Wie Jonas Samsel vom SPD-Ortsverband Elbe-Heide in seiner Laudatio erläuterte, wurde bei Kimberley im Jahr 2005 Leukämie diagnostiziert. Sie ist wieder gesund, die Familie aus Zielitz engagiert sich seitdem stark für krebskranke Kinder. In jedem Jahr organisiert sie einen Adventsmarkt auf dem eigenen Hof, dessen gesamte Einnahmen an gemeinnützige Organisationen wie den Magdeburger Förderkreis krebskranker Kinder gehen.

Für den Aufbau des SPD-Ortsvereins Niederndodeleben sowie seine ehrenamtliche kommunale Politiktätigkeit im Ortsverband Hohe Börde und als früherer Bürgermeister von Niederndodeleben wurde Roland Bartels ausgezeichnet. Den Ehrenamtspreis erhielt außerdem Kerstin Lindenblatt für ihre unermüdliche Arbeit im Hospizverein Oschersleben, den sie maßgeblich mit aufgebaut hatte.

Beim Neujahrsempfang der Börde-SPD kam auch die Kultur nicht zu kurz. So nahmen die Hengstmann-Brüder kein Blatt vor den Mund und erklärten den Gästen ganz ihrem Naturell als politische Kabarettisten entsprechend ihre eigene Sicht auf die Dinge. Für musikalisch anspruchsvolle Pausen sorgte das Duo Febbraio aus Barby.