Etingen l Zur Mittagszeit in Etingen: nur wenige Menschen sind unterwegs. Ein Landwirt ist mit seinem Traktor auf Tour, um seine Tiere zu versorgen. So mancher Etinger schuftet im Garten oder macht mit den Kindern einen Spaziergang durch die Natur.

Überaus eilig hat es Nadine Voigt, Krankenpflegehelferin des Mobilen Pflegedienstes der Seniorenhilfe Haldensleben. Sie hat eine Liste mit mehr als etwa 20 Kunden abzuarbeiten. Die Grundpflege beginnt bei der Hilfe beim Aufstehen, dem Waschen und Anziehen, der Zubereitung von Mahlzeiten, beim Essen und reicht bis hin zum Betten und Lagern. Bei den verschiedenen Aufgaben herrschen nun verschärfte Hygienevorschriften.

„Die Arbeit ist eine Herausforderung, aber der Umgang mit Menschen macht mir Spaß. Ich kann den älteren und erkrankten Menschen helfen“, sagt die junge Frau, die in Bebertal zuhause ist. Die Krankenpflegehelferin spürt, dass ihre Kunden gerade jetzt in Zeiten der Coronakrise besonders großen Redebedarf haben. „Ich versuche, den älteren Menschen die Ängste vor dem Coronavirus zu nehmen und erkläre ihnen, welche Regeln es aktuell zu beachten gibt“, sagt die Bebertalerin. Berufsbegleitend möchte sie demnächst eine Ausbildung zur Pflegefachkraft absolvieren.

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Mitarbeiter der Pflegedienste gehören oft zu den letzten regelmäßigen sozialen Kontakten, die ältere Menschen überhaupt noch haben. Gerade in Zeiten des „Social Distancing“, also des Abstandhaltens, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, eine Gratwanderung: Die Pflegerinnen und Pfleger wollen für ihre Kunden da sein, ihnen zuhören, sie versorgen und trösten - ohne dabei ihre eigene Gesundheit oder die der Seniorinnen und Senioren zu gefährden. Schließlich kann es gerade für Ältere lebensbedrohlich werden, sich mit dem Coronavirus anzustecken.

Diverse Absagen von Kunden

„Bis jetzt funktioniert unser Dienst noch gut“, sagt Simone Ritter, Pflegedienstleiterin des ambulanten Dienstes der Seniorenhilfe. Es habe – nach ihren Ausführungen – schon diverse Kundenabsagen gegeben. Manche Familien würden die Pflege ihrer Angehörigen jetzt – wo sie zuhause sind – selbst übernehmen. „Wir hatten auch schon Fälle, wo es in den Familien ein Corona-Verdacht gab und eine Abklärung erfolgen musste. Kein Verdacht wurde bestätigt“, sagt Simone Ritter, die mit ihren über 20 Mitarbeitern des Mobilen Pflegedienstes über 200 Kunden in Haldensleben, Calvörde, Flechtingen und Umgebung versorgt. Zu den Mitarbeitern zählen Krankenschwestern, Pfleger und Assistenzkräfte, die keine Ausbildung im pflegerischen Bereich haben sowie Hauswirtschaftskräfte.

„Neben der Grundpflege erfolgt die Behandlungspflege streng nach ärztlicher Vorschrift und beinhaltet unter anderem die Wundbehandlung, Prophylaxen, Injektionen und die Überwachung von Infusionen“, erklärt die Pflegedienstleiterin. Ein Problem sei es, in diesen Wochen immer wieder die bestimmten Utensilien, wie Mundmasken,Handschuhe und Desinfektionsmittel für die Umsetzung der Hygienevorschriften zu bekommen.

„Es gibt jeden Tag eine neue Entwicklung und somit auch neue Entscheidungsgrundlagen und gegebenenfalls Einschränkungen“, sagt Claudia Bohndick, Leiterin des Geschäftsbereiches Pflege. Neben der Pflege gehe es ja unter anderem auch um die hauswirtschaftlichen Dienstleistungen. „Es gilt in der Hauswirtschaft nur das zu erledigen, was sein muss. Wenn es andere Alternativen gibt, zum Beispiel jemand aus dem familiären Umkreis diese Aufgabe übernimmt, könnte die Wohnungsreinigung vorübergehend ausgesetzt werden. Wenn dies nicht möglich sein sollte, lassen wir natürlich niemanden allein. Auch wir möchten die Gesamtsituation unterstützen und unseren Teil dazu beitragen, dass sich die Verbreitung des Virus zum Schutz unserer Kunden und unserer Mitarbeiter sowie deren Familien vermieden wird“, sagt Claudia Bohndick.

In Etingen und Umgebung ist auch Günter Schönborn mit seinem Kleintransporter unterwegs. Der Wirt bringt für Senioren der Region das Mittagessen. Auch Familie Preim nimmt dankbar die Essenportionen entgegen. Schnell werden ein paar aufmunternde Worte ausgetauscht. „Die Schulspeisung und die Lieferung an die Kindergärten ist erstmal lahm gelegt“, sagt Schönborn voller Sorge. Nur in der Etinger Kita gebe es noch einige wenige Kinder, die die Notbetreuung und somit auch das Essenangebot nutzen.

Die Einnahmen seiner Gaststätte in Grauingen fallen komplett weg. „Meine Kollegen musste ich schon in die Kurzarbeit schicken. Ich weiß auch nicht, wie das alles noch weiter gehen soll“, sagt der Gastwirt. Die Essensversorgung der Senioren sei seine letzte konstante Einnahmequelle. Es würde sich aber nicht wirklich rechnen. „Das sind nur Peanuts. Aber die Rentner sind meine treuesten Kunden. Sie lasse ich nicht im Stich. Wenn ich das Essen nicht bringe, hätte mancher gar keine warme Mahlzeit am Tag“, weiß der Grauinger nur zu gut.