Haldensleben l Wenn es um Pflegekinder geht, schwappen die Emotionen schnell über. Das Konfliktpotenzial zwischen Mitarbeitern des Jugendamtes, Pflegeeltern und leiblichen Eltern ist dementsprechend hoch. Nach Kritik am Jugendamt und seinen Methoden hat der Landkreis nun reagiert.

Rückblick: Im Juli warf der Pflegeelternverein Paul Niedersachsen dem Jugendamt Amtsmissbrauch, Willkür und emotionale Erpressung vor. Das Jugendamt wehrte sich dagegen. Mehrere Pflegeeltern meldeten sich zu Wort, bestätigten teilweise, was dem Jugendamt vorgeworfen wurde.

„Grundsätzlich stehe ich dazu, dass im Jugendamt der Börde gute, fachliche Arbeit geleistet wird“, sagt Dirk Michelmann, Leiter des Dezernats Bildung/Jugend/Soziales/Migration im Landkreis Börde. Die Verwaltung habe sich trotzdem mit den Vorwürfen beschäftigt und Lösungen für die Konfliktpunkte gesucht. „Wir sind dialogbereit und wollen aus der Defensive, in der wir uns gerade befinden, heraus“, betont Michelmann. Insgesamt 141 Pflegefamilien betreut das Jugendamt in der Börde, lediglich einige davon hätten Kritik geäußert.

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Experte berät Ausschuss

In einem ersten Schritt hat die Verwaltung Klaus Roth als Experten in den Jugendhilfeausschuss gebeten. Er ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis Bernburg, die wiederum das Fachzentrum für Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt betreibt. Er referierte am Montag über die verschiedenen Formen von Pflegestellen für Kinder und das erhebliche Konfliktpotenzial zwischen Jugendamt-Mitarbeiter, Pflegeeltern und leiblichen Eltern.

Dabei stand in den vergangenen Monaten vor allem das Verhältnis von Jugendamt-Mitarbeitern und den Pflegefamilien in der Kritik. Die Verwaltung hat dies zum Anlass genommen, den Austausch zwischen den Parteien zu verbessern. Dabei soll das Seminar „Meine Sprache, deine Sprache“ vom Fachzentrum für Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt helfen. Das solle die gegenseitige Verständigung verbessern und Vorbehalte abbauen. Des weiteren will die Verwaltung vier anonymisierte Fälle vom Deutschen Jugendinstitut in München analysieren lassen. „Dabei soll das Agieren der Mitarbeiter bewertet werden und uns eine Handlungsorientierung für die interne Arbeit geben“, erklärt Michelmann.

Auch personell ist der sogenannte Pflegekinderdienst, dessen Mitarbeiter für die Betreuung der gesamten Thematik zuständig sind, wieder mit vier Personen besetzt. Aufgrund interner Umbesetzungen waren nur noch zwei Personen für die 141 Pflegefamilien des Landkreises zuständig. Das sind 70 Fälle pro Mitarbeiter.

Erstmals äußerte sich auch Landrat Martin Stichnoth auf Volksstimme-Anfrage zu den Vorwürfen an das Jugendamt: „Ich vertraue meinen Kollegen, die beruflich qualifiziert und fachlich versiert sind. Ich weiß, dass es auch schwierige Sachverhalte gibt, zu denen es unterschiedliche Auffassungen gibt.“