Haldensleben l Ein Parkplatz-Rempler, ein eskalierter Streit, ein aufgebrochener Keller – wenn die Polizei angefordert wird, kann das verschiedene Gründe haben. Doch bis die Polizisten am Einsatzort sind, kann es bis zu einer halben Stunde dauern. Nirgendwo in Sachsen-Anhalt brauchen Polizisten länger. Das ist jedoch nicht der Polizei, sondern den Umständen geschuldet.

Laut Zahlen des Innenministeriums für das Jahr 2020 vergehen durchschnittlich 28 Minuten und 39 Sekunden, bis die Polizei in der Börde vor Ort ist. Bei Einsätzen, bei denen Gefahr für Leib und Leben besteht, sind es demnach durchschnittlich 18 Minuten und 25 Sekunden. Diese sogenannten Interventionszeiten oder auch Einsatzreaktionszeiten werden von den Polizisten bei jedem Einsatz notiert, wie Matthias Lütkemüller, Pressesprecher der Polizeirevier Börde, mitteilt.

Dabei werden alle Sachverhalte erfasst – vom Verkehrsunfall mit verletzten Personen bis hin zum Ladendiebstahl. Die Interventionszeit bilde also lediglich den Durchschnitt im Jahresverlauf ab. „Es kann also auch sein, dass jemand beispielsweise bei einem Wildunfall wesentlich länger warten muss“, so Matthias Lütkemüller. Trotzdem sieht das Innenministerium die Einsatzreaktionszeit als „zulässiges Vergleichs- und Kontrollinstrument“.

Weite Anfahrtswege im ländlichen Bereich

Dass die Polizisten in der Börde lange brauchen, hängt vor allem mit der Größe des Landkreises zusammen. Auf 2366 Quadratkilometer erstreckt sich das Gebiet, das die Polizisten abdecken müssen. Das entspricht fast der Größe des Bundeslandes Saarland. „Flächenmäßig große Landkreise bedingen zum Teil weitere Anfahrtswege als zum Beispiel in den kreisfreien Städten Magdeburg, Halle und Dessau-Roßlau“, sagt Stefan Brodtrück, stellvertretender Pressesprecher des Ministeriums für Inneres und Sport. Dabei werden insbesondere bei Einsätzen, bei denen Gefahr für Leib und Leben besteht, die Funkstreifenwagen genutzt, die den kürzesten Weg zum Einsatzort haben. Aber: Der Landkreis Stendal ist fast 100 Quadratkilometer größer, doch die Polizisten dort brauchen zum Einsatzort durchschnittlich 5 Minuten weniger als ihre Kollegen in der Börde.

Insbesondere im Jahr 2020 habe sich die durchschnittliche Einsatzreaktionszeit in der Börde laut Stefan Brodtrück positiv entwickelt. Im Vorjahr war die Polizei bei Einsätzen noch knapp eine Minute später am Ziel, bei Gefahr in Verzug eine halbe Minute später. Am schnellsten war die Polizei im Fünfjahresvergleich im Jahr 2016 am Einsatzort.

Insgesamt ist das Polizeirevier Börde in sechs sogenannte Streifenbereiche eingeteilt: Wolmirstedt, Haldensleben, Oebisfelde-Weferlingen, Völpke, Wanzleben und Oschersleben. Diese Streifenbereiche sind rund um die Uhr mit Streifenwagen zu besetzen, wie das Innenministerium mitteilt. Die Streifenbereiche wurde im Jahr 2015 neu eingeführt und sollten für eine verbesserte Flächenpräsenz der Polizei sorgen. Insgesamt 230 Dienstposten sind dem Polizeirevier Börde zugewiesen.

Die Gewerkschaft der Polizei begrüßt die Reformen, die in Sachsen-Anhalt 2015 angestoßen wurden, grundsätzlich, wenn dadurch die Erreichbarkeit verbessert wird. Aber: „Leider ist jedoch der Fakt zu verzeichnen, dass über viele Jahre hinweg ein massiver Abbau von Polizeivollzug dazu führte, dass polizeiliche Präsenz in der Fläche immer seltener wahrzunehmen war“, sagt Uwe Bachmann, Landesvorsitzender der Polizei-Gewerkschaft Sachsen-Anhalt.

Abbau der Polizeibeamten hat Folgen

Bachmann rechnet vor: „Hatte das Land 2010 noch zirka 7250 Polizeivollzugsbeamte zur Verfügung, waren es in 2019 nur noch zirka 5850. Dieser Abbau, geprägt von politischen Entscheidungen des Landes vor 2010, hat natürlich Folgen, die letztlich auf die Besetzung der Streifenbereiche, respektive der Interventionszeiten, durchschlagen“, sagt er.

Uwe Bachmann stellt ebenso fest, dass die Interventionszeiten bei Sofort-Einsätzen stabil unter 20 Minuten liegen. Diese werden überall in Sachsen-Anhalt eingehalten. „Speziell für den Landkreis Börde ist den letzten Jahren eine über dem Landesdurchschnitt liegende Interventionszeit zu konstatieren“, so Bachmann.

Die Polizei-Gewerkschaft kritisiert den massiven politischen Abbau von Beamten. Das schlage sich auf die Einsatzbelastung nieder. Es wurde gefordert, dass der Stellenabbau gestoppt wird und wieder verstärkt Polizisten eingestellt werden. „Der politische Raum hat dies erkannt und steuert seit 2017 nunmehr dagegen“, stellt Bachmann erfreut fest.

Gerade große Landkreise haben auch längere Interventionszeiten. „Hier kann nur gegengesteuert werden, in dem diese Reviere mehr Personal zur Bewältigung von Einsatzlagen zugewiesen bekommen“, so Bachmann. „Die GdP erwartet von den politischen Entscheidungsträger, hier zu ihrer Aussage im Koalitionsvertrag zu stehen, bis Ende 2021 insgesamt 6400 Polizeivollzugsbeamte und in der nächsten Koalitionsperiode auf 7000 Beamte wieder zu erhöhen.“ Damit werde es künftig möglich sein, eine konsequente Besetzung der Streifenbereiche durchzusetzen und damit schneller am Unfallort zu sein.