Haldensleben l Nun glänzt der Stolperstein in der Holzmarktstraße 6 wieder. Dafür sind Mitarbeiter und Bewohner der Lebenshilfe Ostfalen verantwortlich, die den Stolperstein von Helene Dreier, geborene Goldschmidt, poliert und damit das bundesweite Vorhaben „Stolpersteine säubern“ aufgenommen haben.

Wer aber ist Helene Dreier? Sie stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Familie aus Güsten und kam im Jahr 1904 durch die Heirat mit Heinrich Dreier nach Neuhaldensleben. Tochter Elsa war im selben Jahr geboren worden. Das Mädchen war längst aus dem Haus, doch an Helene Dreier kann Annemarie Stern, Mitglied des Schreibzirkels der Kulturfabrik, sich noch gut erinnern.

Als Kind nach dem Zweiten Weltkrieg wohnte sie in der Holzmarktstraße schräg gegenüber. Oft sah sie Helene Dreier an ihrem Fenster. „Sie trug immer eine dicke Jacke“, kann sich Annemarie Stern noch nach all den Jahren gut erinnern. Sie erklärte den kleinen Mädchen, sie hätte immer kalte Hände und Füße. Eine Folge ihrer Inhaftierung?

Im Januar 1944 wurde Helene Dreier von der Gestapo ins Konzentrationslager (KZ) Theresienstadt gebracht, von wo wenige Monate später die Nachricht kam, sie sei ums Leben gekommen. Doch Helene Dreier überlebte die Schrecken des KZ und machte sich nach dessen Befreiung zu Fuß auf den Weg nach Haldensleben. Bis 1957 lebte sie noch in ihrer Wahlheimat.

Um Menschen und Schicksale wie das von Helene Dreier nicht zu vergessen, sind die Stolpersteine vom Künstler Gunter Demnig mittlerweile europaweit in den Boden verlegt. Und hier startet das Projekt der Lebenshilfe Ostfalen. Menschen mit Beeinträchtigung wollen am öffentlichen Leben teilnehmen, in Museen und Theater gehen.

Doch da entstehen die ersten Hürden, denn viele Erläuterungen sind für Menschen mit Beeinträchtigung schlicht schwer bis gar nicht zu verstehen. Anliegen des Projektes „Medien, Gesellschaft und Kultur“ soll es also sein, über leichte Sprache die Welt dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte für alle nachvollziehbarer zu machen.

„Unsere Bewohner wollen als Erwachsene, die sie sind, wahrgenommen werden“, sagt Marcus Schröder, einer der Projektverantwortlichen. Die Zeiten von Puppentheater und Zaubervorstellungen seien längst vorüber.

Dass Annemarie Stern auf dieses Projekt aufmerksam wurde, ist einem Zufall zu verdanken. Als Mitglied des Schreibzirkels der Kulturfabrik gibt sie selbst auch Lesungen und blickt dabei gern einmal in ihre eigene Vergangenheit und die ihrer Familie.

Ihre stets nette Nachbarin Helene Dreier, die sich über Jahre als stille Helferin in der Wohlfahrtspflege engagierte, hat nie ein böses Wort verloren oder sich über ihr Schicksal beklagt, weiß Annemarie Stern, die inzwischen seit mehr als 50 Jahren in der Sternstraße in Althaldenlseben zu Hause ist. Helene Dreier liebte es, sich mit Kindern auf der Straße zu unterhalten.

Gern ist sie bereit, die Projektmitstreiter der Lebenshilfe zu unterstützen. Und auch Pfarrer Matthias Simon von der Evangelischen Kirchengemeinde St. Marien, einer der Initiatoren der Stolpersteine in Haldensleben, zeigte sich angetan vom Vorhaben. Normalerweise kümmern sich junge Leute seiner Gemeinde um eine Reinigung der Stolpersteine, doch in diesem Jahr stand das noch aus.

Wie Daniel Krasper als Koordinator der Unterstützten Kommunikation ankündigte, möchte die Lebenshilfe ab dem nächsten Jahr eine enge Zusammenarbeit mit kulturellen Einrichtungen der Stadt Haldensleben auf den Weg bringen. „Mit dem Projekt sollen mehrere Ziele verfolgt werden, unter anderem steht ein klarer Bildungsauftrag im Fokus unseres Bemühens“, sagte der Koordinator. Gerade Menschen mit Beeinträchtigungen, die sehr leistungsstark seien, hätten einen großen Bedarf an Förderung. Das Thema Rassismus, Antisemitismus und Co. müsse dabei pädagogisch behandelt werden.