Emden l Frank Böker, Michael Daul und Carsten Schniebel sind besorgt. Seit am Wochenende zwei Wolfsrisse bei Emden entdeckt wurden, geht die Angst um. Dem gerissenen Reh, das Landwirte am Sonnabend eher zufällig bei der Heurernte entdeckten, folgte nur einen Tag später ein erst ein Tag altes Kalb der Agrargenossenschaft Emden-Altenhausen.

Elektrozaun wirkungslos

Die doch erhebliche Menge, die gefressen wurde, deutet darauf hin, dass es sich nicht nur um einen Wolf handelt, sondern um mehrere, sagt Carsten Schniebel. Er ist wie auch Landwirt Frank Böker passionierter Jäger und beobachtet mit Sorge die zunehmende Verbreitung der Tiere. Immer wieder kommt es dabei zu Konflikten mit der Zivilisation. So wie bei Michael Daul. Der Vorstand der Agrargenossenschaft Emden-Altenhausen zeigt sich nach dem Fund des getöteten Kalbes schockiert. Das Tier wurde auf einer Weide inmitten einer 60 Köpfe zählenden Mutterkuhherde bei Emden gerissen. Die Umzäunung der Wiese mit einer Stromlitze hatte keine abschreckende Wirkung auf die Wölfe.

Unverzüglich wurde das sachsen-anhaltische Wolfskompetenzzentrum Iden hinzugezogen. Aufgrund von Messungen der Bissspuren kann davon ausgegangen werden, dass auf jeden Fall ein älterer Rüde dabei war, erzählen die Männer. Die Weichteile, also die inneren Organe der gerissenen Tiere, fehlen vollständig, ein weiteres Indiz dafür, dass Wölfe gejagt haben, weiß Carsten Schiebel. Denn diese Teile fressen die tierischen Jäger als erstes.

„Bei Nutztieren hört der Spaß auf. Da geht es an die Substanz unserer Betriebe“, so Frank Böker. Der Emdener weiß, dass die Einwohner seines Ortes schon mit viel größerer Vorsicht, teils überhaupt nicht mehr, zu Spaziergängen in den Wald aufbrechen. Die Angst sitzt tief, der Erholungswert des Waldes sinkt.

Experten hinzugezogen

Dabei hat gerade das Waldrevier Emden ausgedehnte Wege, die Radfahrern, Reitern und Fußgängern vielfältige Erholungsmöglichkeiten bieten. Nicht selten starten Gruppen von Schloss Altenhausen aus Wanderungen, manchmal auch nachts. Doch Aufklärung und Information bezüglich des Wolfes - bislang Fehlanzeige.

Zwei Mutterkuhherden mit je 60 Kühen und ihren Kälbern hat die Agrargenossenschaft Emden-Altenhausen auf wechselnden Weideflächen. „Wie sollen wir deren Schutz gewährleisten?“, fragt Michael Daul. Die Tierproduktion sei ohnehin ein arbeitsintensives Gebiet, bei dem wenig Überschüsse erwirtschaftet werden könnten. Da sei jeder Verlust wie der des Kalbes vom Wochenende schwer zu verkraften.

Eine mögliche Entschädigung, von der im Fall Emden noch gar nicht sicher ist, ob sie überhaupt gewährt werde, decke nicht den wirtschaftlichen Nutzen eines gesunden Tieres ab, das als Mutterkuh und Milchproduzent oder als Schlachttier vorgesehen sei. Und wenn der Wolf erst einmal einen solchen Jagderfolg gehabt habe, sei eine Wiederholung zu befürchten.

Entschädigungen zu gering

Vom Wolfskompetenzzentrum, das als fachliche Begleitung der Wiederansiedlung im Land etabliert wurde, kam der Hinweis mit doppellitzigen Stromzäunen zu arbeiten, besser noch mit einer fünffachen Verstärkung. Doch das sei schwierig, bei den ständig wechselnden Flächen zur Beweidung der Kulturlandschaft personell kaum zu stemmen, weiß der Landwirt. Täglich würden die Herden kontrolliert, aber eine Garantie böte diese ständige Überwachung nicht. Außerdem könnten Wölfe sehr gut auch einen fünflitzigen Stromzaun überspringen, auch wenn sie erfahrungsgemäß zuerst darunter durchtauchen würden.

Die Wölfe breiten sich seit rund 20 Jahren in Deutschland kontinuierlich aus. Immer wieder kommt es zu Berührungspunkten mit der Zivilisation. Da stellt sich die Frage, welche Rechte werden an die erste Stelle gesetzt, fragt Carsten Schniebel. Und wieviel Wolf verträgt unsere moderne Kulturlandschaft mit all der Zivilisation überhaupt?

Bejagung gefordert

Alle drei Männer betonen, dass es an der Zeit sei, den Wolf in das Jagdrecht aufzunehmen. Das bedeutet für die Jäger nicht, dass die Wölfe einfach so ganzjährig geschossen werden dürfen. Doch damit wäre der Weg frei, zumindestens Problemfälle ins Visier zu nehmen.

Carsten Schniebel ist bewusst, dass es auch mit dem Jagdrecht für den Wolf schwierig ist, die Tiere zu erwischen. Trotz einer Wärmebildkamera, mit der der Naturfreund auf die Beobachtungspirsch geht, sei ihm noch kein Wolf vor die Linse gelaufen, obwohl bekannt ist, dass es mehrere Sichtungen von Tieren in der Region gegeben hat.

Frank Böker weist noch auf einen anderen bedenklichen Umstand hin. Als eine von wenigen Regionen Deutschlands gibt es hier noch einige Muffelwildherden. Und auch wenn die Tiere ursprünglich aus Korsika hierher gebracht wurden, sei diese seltene Wildart schützenswert. „Wer setzt sich für deren Rechte ein“, fragt Frank Böker. Muffelwild sei für Wölfe eine willkommene, relativ leichte Beute.