Havelberg l Den älteren Havelbergern ist das einstige Wohn- und Geschäftshaus in der Langen Straße 13, zu der Zeit noch Ernst-Thälmann Straße, als Sitz des „VEB-Elektrowerkstätten Havelberg“ noch gut bekannt. Gegründet wurde der volkseigene Betrieb am 1. März 1953. Schon Ende der 20-er Jahre betrieb Wilhelm Rosenhagen hier ein Elektrohaus. Hinter der inzwischen wenig ansehnlichen Fassade des seit langem leerstehenden Hauses tut sich jetzt etwas. Der bereits auf der Havelberger Stadtinsel ansässige Drogerie-Discounter Rossmann hat die Immobilie erworben und will hier ein Geschäft mit einem großen Parkplatz bauen.

Bevor Wilhelm Rosenhagen mit seiner Ehefrau Olga das Haus, das sich mit dem Nebengelass bis hin zur Uferstraße erstreckt, erwarb, haben die Gebrüder Jerratsch eine Landmaschinenhandlung und eine Fertigung von verschiedenen Schiffsausrüstungen an diesem Standort betrieben. Sie hatten das Grundstück 1920 von der Bürgerlichen Brauhaus GmbH erworben und mussten es Ende der 20-er Jahre wieder aufgeben.

Der Umbau begann etwa 1929 und endete um 1938 mit den Baulichkeiten an der Uferstraße. Aus ehemaligen Pferdeställen entstanden 17 Pkw-Garagen und drei große Unterstellmöglichkeiten für Dreschmaschinen. Es wurden eine Schmiede beziehungsweise Schlosserei sowie ein Verantwortungsbereich für die Fahrbereitschaft des Fuhrparks geschaffen. Zudem war eine Tischlerei eingerichtet worden, für die der ehemalige Schiffbauer Gustav Luth zuständig war.

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Des Weiteren entstand an der Toreinfahrt, auf der Giebelseite des Havelhauses, Anfang der 30er-Jahre eine Shell-Tankstelle.

Ein großer Teil der Arbeiten wurde in Eigenleistungen bewerkstelligt. Schwere Eisenträger zum Abfangen von Decken wurden kurzerhand mit vielen zusammengetrommelten Leuten im „Hau-Ruck-Verfahren“ auf Position gebracht.

Reparatur, Wäsche, Schneiderei

Die spätere Werkstatt ging aus einem hohen Mittelgebäude hervor, das um zwei Etagen abgetragen wurde. An seiner Fassade, auf mittiger Höhe in Richtung Havel, wurde eine Inschrift, etwa 90 mal 45 Zentimeter groß, eingelassen. Sie hatte wohl den Wortlaut: „Erbaut von Wilhelm und Olga Rosenhagen in den Krisenjahren 1930 bis 1932.“ Zu DDR-Zeiten soll diese Inschrift auf Anweisung des 1954 eingesetzten Verwalters Günter Laeder zu seinem Einstand entfernt worden sein. Er war Leiter des ersten HO-Geschäfts, dem ehemaligen Textilhaus Lubach, in der Scabellstraße (heute Modehaus Steuer).

Am 1. Januar 1965 wurde auf Beschluss des Kreistages der VEB Elektrowerkstätten Havelberg zum VEB (K) Reparatur- und Dienstleistungskombinat „Rediko“ umgebildet. Das (K) stand für die kreisliche Leitung. Elektroinstallationen, Ankerwickelei, elektrische Haushaltsgeräte, Rundfunk- und Fernsehreparaturen, Antennenbau und Waschleistungen zählten zu den Dienstleistungen. Ein Jahr später wurde sogar noch eine betriebseigene Schneiderei eröffnet.

„Rediko“ war weit über die Landesgrenzen hinweg bekannt und entwickelte sich stetig weiter. Die Reparatur und der Neubau von Elektroanlagen und Straßenbeleuchtungsanlagen sowie die Projektierung von Elektrotechnik hatten einen hohen Stellenwert. Ebenso die Lehrausbildung und der Einsatz im Bauwesen. Hinzu kam die Reparatur von elektrischen Haushaltsgeräten, die zu DDR-Zeiten gefragt war. Im Jahr 1989 betrug die Planauflage der 125 Beschäftigten erstmals über fünf Millionen Mark.

Mit der Wende kam dann bald das Aus für den einst so vorbildlichen Betrieb. Das zur Langen Straße gelegene Geschäftshaus stand lange leer und wurde später kurz von Rossmann genutzt, der dann gegenüber in die Lange Straße 25-26 umgezogen ist und nun noch einmal den Standort wechselt und auf dem einstigen Rediko-Gelände investiert.

Die Abrissbagger sind angerückt und machen das, was die Rosenhagens einst in Richtung Uferstraße aufgebaut haben, dem Erdboden gleich. Nur das unter Denkmalschutz stehende Haupthaus bleibt erhalten und wird in das neue Projekt integriert.