Havelberg l „Es gibt Schlimmeres, wenn man in die Welt guckt“, sagt Gerda Neumann. Sie lebt im Seniorenwohnpark „Am Camps“ in Havelberg. Mit ihren 92 Jahren weiß sie, wovon sie spricht, hat viel erlebt. Dennoch ist dieses Weihnachtsfest ganz anders als sonst. „Es ist das erste ohne Mutti zu Hause“, berichtet Tochter Ingrid Querner. Aufgrund der Corona-Pandemie müssen die Bewohner im Heim bleiben, können auch zu Weihnachten nicht zu ihren Lieben nach Hause. Aber wenigstens die Besuche sind möglich. Ein Besucher pro Bewohner pro Tag. „Wir sind froh über diese Möglichkeit“, freut sich die Tochter und berichtet, dass ihre Kinder und Enkel später am Fenster stehen werden, um mit der Oma zu sprechen, ihr die Weihnachtsgrüße zu übermitteln. Das machen am Nachmittag des Heiligen Abend etliche Familien so. Manche Singen vorm Fenster.

Sabine Smurawa besucht ihre Mutti Helga Grothen. Die hat gerade das lange Gedicht „Draußen vom Walde, da komme ich her“ interpretiert. Der Wohnbereich 3 hat sich zum Weihnachtskaffee versammelt.

Andrea Frommke, Leiterin des Wohnparks, verteilt die Geschenke von der Stadt, die der Bürgermeister normalerweise stets am Vormittag des Heiligen Abends mit der Gleichstellungsbeauftragten den Bewohnern der beiden Havelberger Heime überbringt. Corona macht auch das nicht möglich. Deshalb haben Stadt und evangelische Kirchengemeinde Weihnachtsgrüße auf CD gebrannt. Der Fernseher ist aufgestellt. Nun schauen sich die Bewohner die Weihnachtsbotschaften an.

Bilder

Der Glockenklang des Domes leitet die Grüße der Kirchengemeinde ein. Domkantor Matthias Bensch spielt auf der Orgel Bach. Fotos zeigen leuchtende Weihnachtssterne in verschiedenen Variationen. Das Vokalensemble singt „Der Morgenstern ist aufgedrungen“. Kirchenmitglieder aus Havelberg und Nitzow sprechen Texte, erzählen die Weihnachtsgeschichte. Kinder sind beim Krippenspiel zu sehen. „O du fröhliche“ erklingt zum Schluss. Dazu Fotos von den Buntglasfenstern im Dom. Wunderschöne Fotos aus Havelberg enthält auch die Weihnachtsbotschaft der Stadt. Zu sehen sind hier auch die beiden Seniorenheime im abendlichen Lichtschein. Der Bürgermeister blickt kurz auf das zu Ende gehende Jahr, das nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen der Schließung des Krankenhauses viele Negativschlagzeilen mit sich gebracht hat. Für das neue Jahr wünscht er Zuversicht, vor allem Gesundheit und hofft, dass er die Senioren in den Heimen Weihnachten 2021 wieder besuchen kann.

Warten auf Impfungen

„Das war aber schön“, sagen die Bewohner des Wohnbereiches 3, als der letzte Ton verklungen ist. „Der Situation entsprechend, ist das ein sehr guter Einfall“, sagt Fritz Henke. Auch seiner Frau Brigitte haben die Weihnachtsgrüße gefallen. „Eine schöne Weihnachtsstimmung, die wir uns damit ins Haus geholt haben“, findet Andrea Frommke. Carmen Deutschmann, die normalerweise als Betreuungsassistentin im Heim arbeitet, übernimmt an diesem Nachmittags die Aufgabe der Präsenzkraft, schenkt Kaffee ein und stellt die weihnachtlichen Naschereien auf den Tisch. Auch sie ist froh, dass die Bewohner gegenüber dem ersten Lockdown weiterhin Besuche empfangen dürfen. „Wir sehen uns alle vor, damit das so bleiben kann.“

Zur Vorsicht gehört, dass jeder Besucher im Eingangsbereich getestet wird. Täglich ist von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Andrea Frommke und Pflegedienstleiterin Diana Maurer übernehmen das Testen. Weil Weihnachten ist, hat Diana Maurer die FFP-2-Maske ausnahmsweise gegen eine bunte getauscht. „Ich bin froh, dass ich meine Oma besuchen kann“, nimmt André Schmidt die Wartezeit von 15 Minuten, bis das Testergebnis vorliegt, gern in Kauf.

„Wir testen seit 14. Dezember. Die Heimleitung nimmt das vor, damit unsere Mitarbeiter ihre Arbeit weiter erledigen können. Schön wäre es, wenn wir dafür Hilfe etwa von der Bundeswehr bekommen könnten“, macht die Wohnparkleiterin darauf aufmerksam, dass die Zeit für andere Aufgaben fehlt. Die Mitarbeiter werden zweimal wöchentlich getestet, die Bewohner einmal im Monat oder bei Bedarf, wenn jemand zum Beispiel aus dem Krankenhaus zurückkommt. Wann es mit dem Impfen los geht, weiß sie noch nicht. Andrea Frommke steht dem positiv gegenüber. „Weil wir damit unser normales Leben wieder bekommen können, auch für die Bewohner.“ Das „Fenstern“ könnte aufhören, die Bewohner dürften endlich mal wieder Kinder empfangen. Das ist seit dem ersten Lockdown nicht mehr möglich. Die Sportgruppen auch aus dem Betreuten Wohnen könnten wieder ins Haus kommen, die Sauna wieder in Betrieb gehen. Es gibt so vieles, auf das seit Monaten verzichtet werden muss. Deshalb ist es wichtig, so viel Normalität wie möglich zu schaffen. Dazu gehörte am Heiligen Abend das klassische Essen: Kartoffelsalat mit Bockwurst.

Am Vormittag hatte der Blaue-Herzen-Verein die Restaurantgutscheine für die 54 Mitarbeitenden sowie kleine Geschenke für sechs alleinstehende Bewohner vorbeigebracht. Im Atrium sorgten der Weihnachtsmann (Achim Frey) und das Blaue Herz (Rowena Witt) für gute Laune auch bei den Bewohnern, die von den Fenstern aus zuschauten.