SPD-Kreistagsfraktion ließ sich im Klietzer Ärztehaus von Allgemeinmediziner informieren

Ärztemangel: "Filialpraxen keine Lösung"

Von Ingo Freihorst

Die mangelhafte ärztliche Versorgung auf dem Lande ist seit Jahren Dauerthema. Am Dienstag befasste sich die SPD-Kreistagsfraktion auf einer Außensitzung in Klietz mit dem Thema.

Klietz l Mit Dr. Volkmar Lischka - einem Neurologen - hat die Fraktion einen Mediziner unter sich, welcher aus seiner Sicht die Anwesenden im Landgut-Hotel umfassend über das Thema informierte. Sein Hauptkritikpunkt richtet sich gegen das beschränkte Aufnahmeverfahren - auch Numerus Clausus genannt - für angehende Medizinstudenten: Angenommen werden dabei nur jene mit den besten Notendurchschnitten, alle anderen müssen warten, bis eventuell mal ein Platz frei wird.

"Ein guter Arzt ist jener, der sich für seine Patienten engagiert - das hat doch mit den Schulnoten nichts zu tun", schimpfte der Medizinalrat. Durch die Beschränkung würden geeignete und motivierte Personen disqualifiziert. Statt dessen müssen ausländische Mediziner die Lücken füllen, was aber oft mit Verständigungsproblemen einhergeht. Deutsche Ärzte würden somit über Gebühr in Anspruch genommen und überlastet - und gehen dann oft in die Verwaltung oder die Wirtschaft.

Er schlug vor, mit der Vergabe von Stipendien Mediziner an die Region zu binden. Zudem sollten die Praxen an den Patienten ausgerichtet werden - behandelt ein Arzt viele Ältere, kann er sich auf die Geriatrie spezialisieren.

In der Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land praktizieren derzeit sechs Hausärzte, die Hälfte davon arbeitet bereits einige Jahre im Rentenalter. Scheiden sie aus, sei die Versorgung gefährdet, mahnte Verbandsbürgermeister Bernd Witt, der ebenfalls der Fraktion angehört. Zum Glück wurde Schönhausen als Pilotprojekt für Filialpraxen auserkoren, die Ärztin behandelt also in mehreren Praxen.

In Schollene wird noch in diesem Jahr die alte Schule für einen neuen Allgemeinmediziner hergerichtet, zum Jahreswechsel soll er einziehen und vom jetzigen Arzt - er ist bereits 76 Jahre alt - eingearbeitet werden. Noch schwieriger sei es mit den Fachärzten, bei ihnen einen Termin zu bekommen, dauert oft einige Monate.

Dass die Klietzer mit ihrem modernen Ärztehaus gut versorgt sind, darüber informierte die Fraktion im Anschluss Allgemeinmediziner und Chiro-praktiker Dr. Karsten Gilbrich, der 49-Jährige betreibt die Praxis zusammen mit seinem Vater Dr. Ernst Gilbrich.

Im August 2010 wurde die Praxis eröffnet, helle und freundliche Räume erwarten die Patienten. Und die kommen in Massen - an dem Tag waren es über 200, es können aber auch mal über 300 werden. Im Schnitt 3500 Patienten werden je Quartal behandelt. Die alte Praxis reichte längst nicht mehr aus, jetzt gibt es vier Behandlungsräume mit gleich hohem Standard. Papier wird nicht mehr beschrieben, alles erfolgt digital.

Für Entlastung bei den Klietzer Medizinern sorgt in diesem und dem nächsten Jahr eine junge Assistenzärztin, sie wird hier zur Fachärztin ausgebildet. Außerdem gibt es eine Hausbesuchsschwester, welche den Ärzten ebenfalls Arbeit abnimmt. Der Senior übernimmt die Hausbesuche, die oft viel Zeit in Anspruch nehmen.

Die Mediziner auf dem Lande arbeiten oft bis zum Umfallen, erhalten aber für 100 Prozent Arbeit nur 70 Prozent Entlohnung, kritisierte der Klietzer Arzt das geltende, Ärzte in Städten bevorzugende Honorarsystem. Auch bei der Bezahlung in Ost und West gibt es noch immer Unterschiede. Sollen mehr Ärzte aufs Land kommen, kann das nur übers Geld gesteuert werden - hier gab es in der Politik bereits etwas Bewegung.

Der Doktor ist ebenfalls mit dem Numerus Clausus unzufrieden - er kennt Kollegen, die zwar in der Schule weniger gute Noten hatten, aber dennoch gute Ärzte geworden sind. Ein Unding sei, dass Ärzte, die in anderen Ländern ausgebildet wurden, in Deutschland vor ihrem Einsatz nochmals eine Prüfung absolvieren müssen.

Der Klietzer weist keinen Patienten ab, hier gibt es im Gegensatz zu den Fachärzten keine Wartezeiten. Darum ist der Ansturm enorm, neuerdings kommen sogar Patienten aus dem Wendland und aus Rathenow, um sich in Klietz chirotherapeutisch behandeln zu lassen. Solche monatelangen Wartezeiten seien eigentlich nicht nötig, sagte Karsten Gilbrich, Schuld daran sei die von der Politik verordnete Budgetierung der Leistungen der Fachärzte.

Die SPD-Fraktion war sich am Ende der Sitzung einig, für die Abschaffung des Numerus clausus an den Universitäten einzutreten. Filialpraxen wie in Schönhausen seien keine Lösung, meinte Dr. Volkmar Lischka: "Der Arzt, der hier praktiziert, fehlt dann wieder in der anderen Praxis."